27. August 2019

Grünen-Politikerin Marianne Birthler verunglimpft die Opposition als „Nazis“ Moderner Wahlkampf, Hundertmeterlauf mit Waffen

Lacht, weil es euch graut!

von Dushan Wegner

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Bildquelle: shutterstock Deutschland 2019: Lachen, weil es weh tut

Der Film „Der Diktator“ von Sacha Baron Cohen ist eine satirische Komödie mit dem ausgedachten Admiral General Aladeen als Hauptfigur. Aladeen ist Diktator der fiktiven Republik Wadiya. Die Erzählung verfolgt den Besuch des Diktators in New York, wo er eine Rede vor den Vereinten Nationen halten soll, doch es wird auch sein satirisch erzählter Werdegang zusammengefasst.

Eine bekannte Szene des Films zeigt den Hundertmeterlauf einer „Olympiade“ in Wadiya. Aladeen selbst tritt an. Er läuft vor den anderen Sportlern los, und er gibt nach ein paar Metern erst selbst den Startschuss – mit derselben Pistole erschießt er nach und nach die Mitbewerber.

Jeder Politiker wünscht sich zumindest die Illusion, dass seine Macht und seine Erfolge gerechtfertigt sind, selbst wenn er offensichtlich die Spielregeln zu seinen Gunsten verbogen hat – auch in Nordkorea werden Wahlen abgehalten, oder was die dort „Wahlen“ nennen.

Brände überall

Elli sagte letztens zu mir, die Nachrichten zusammenfassend: „Brände überall“. Sie meinte die Brände in Brasilien und auf Gran Canaria – und zugleich auch die deutsche Politik, metaphorisch. Perfekte Beschreibung.

Es ist Wahlkampf. Im Wahlkampf und in der Liebe ist alles erlaubt, so oder so ähnlich sagt das Sprichwort. Es stimmt nicht – die Grenzen der Liebe setzen Gerichte, Gesetzgeber und vor allem öffentliche Tribunale, fragen Sie Ihren Scheidungsanwalt oder einen der Männer, die Opfer von „Metoo“ wurden.

Im deutschen Staatsfunk durfte die Grünen-Politikerin Marianne Birthler zur besten Zeit die Opposition verunglimpfen. „Wenn ihr diese Partei wählt, dann wählt ihr Nazis“, wird sie vom Staatsfunk in den Sozialen Medien zitiert, samt Videoausschnitt, als wäre es eine Nachricht. Dass Birthler vom Staatsfunk als „DDR-Bürgerrechtlerin“ betitelt wird und nicht als Grünen-Politikerin, das überrascht nun nicht, doch es fallen einem Begriffe wie „perfide“ und „trickreich“ ein.

Wohlgemerkt: Die Nazis waren Leute, über die sich die Welt weitgehend einig war, dass es moralisch akzeptabel sei – oder sogar aktiv gut – sie mit buchstäblich allen Mitteln zu bekämpfen, sie wegzusperren oder sie, wenn sie besonders widerlich waren, zu töten. Bis heute wird „Nazi“ in Hollywoodfilmen ähnlich wie der „Zombie“ verwendet, also als menschenähnliche Figur, die zu foltern und zu töten dem Helden keinen moralischen Gram bereiten muss.

Es ist eine politische Absurdität von jener Art, die man „Orwellsch“ nennt: Jene politische Windrichtung, die ihre Gegner heute unentwegt „Nazis“ nennt, ist es ja, die sich auffallend oft selbst der Sprache und der Methoden der Nazis von damals bedient.

In diesem Wahlkampf – es handelt sich eigentlich „nur“ um ein paar Bundesländer im Osten – scheint der Staatsfunk wirklich alles zu geben, es fühlt sich wie eine propagandistische Materialschlacht an. Zum „Unteilbar“-Aufmarsch vom Wochenende, wo Antifa, Terrorfreunde und SPD-Politiker gemeinsam gegen die Opposition anbrüllten, schrieb man: „Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen haben in Dresden Tausende Menschen für mehr Solidarität in der Gesellschaft demonstriert. Ein breites Bündnis hatte dazu aufgerufen.“ (ZDF „Heute“, 24.08.2019.) Die euphemistische Umschreibung „breites Bündnis“ für den Schulterschluss von Politikern mit den Feinden der Demokratie ließ mich tatsächlich laut lachen.

Es tauchen immer mehr Videos davon auf, was in Dresden wirklich passiert war. Einige Sachen sprechen für sich selbst, manchmal sogar synchron im Chor. Gehirnwäsche und Propaganda werden praktiziert, weil sie wirken. Früher wurde in Schulen „Die Welle“ als Warnung gelehrt, heute ist sie praktische Anleitung für Demonstrationen gegen die Opposition. „Wenn wir wirklich eine Gemeinschaft sind, dann müssen wir derselben Meinung sein.“ (Todd Strasser, „The Wave“ („Die Welle“), Seite 64, meine Übersetzung.)

Heute sagt man: „Wir sind mehr“, „Hass ist keine Meinung“ und „unteilbar“, und wir befinden uns in einer merkwürdigen Zeit, in der die tatsächlichen Parolen noch angsteinflößender sind als die übersteigerten fiktiven Parolen aus den Romanen, die uns vor dieser Zeit warnen wollten. Wie Elli richtig feststellte: Brände überall.

Erinnerungen an die letzte NRW-Wahl

Die Szene mit dem Diktator, der seine Gegner erschießt, um das Rennen zu gewinnen, ist ein Scherz, es ist witzig. Im Kern dieses Witzes liegt der Schmerz darüber, dass Machthaber tatsächlich schon mal die eigenen Regeln brechen und es uns dann geradezu körperliche Schmerzen bereitet, so zu tun, als hätten sie sich an die Regeln gehalten und also „fair“ gewonnen.

(Randnotiz: Mit „Lachen“ und „Humor“ meine ich nicht das spöttische Verhöhnen, das sogenannte „Comedy“ im Staatsfunk praktiziert. Humor ist immer auch ein Anerkennen der eigenen Zerrissenheit und der Conditio humana – Hohn dagegen ist der Versuch, durch Abwertung des Anderen sich selbst „stark“ zu fühlen und eigene Unsicherheit zu überspielen.)

Der Deutsche Bundestag bricht die eigenen Regeln, wenn es gegen die Opposition geht, und Seite an Seite mit Straßenschlägern und Antidemokraten behaupten Politiker, die „Demokratie“ müsse verteidigt werden – seid ihr da oben wirklich ganz sicher, dass es nicht die fragwürdigen Methoden der „Etablierten“ sind, vor denen die Demokratie verteidigt werden muss? (Extra charmant in diesem Kontext ist jene Szene, in der Olaf Scholz vom SED-Parteiorgan gefragt wird, ob er nicht bei „Unteilbar“ mit Leuten demonstriert, die er in Hamburg niederprügeln ließ.)

Wenn der demokratische Regelbruch durch die selbsterklärten „Guten“ im Namen von „Moral“ und „Krieg gegen rechts“ gefühlt zur neuen Normalität wird, wenn die moralische Panik zur neuen Norm wird, wenn grüne Hyperpopulisten in den Kanälen des Staatsfunks rund um die Uhr de facto beworben werden und zugleich die AfD dämonisiert wird, dann verwundert es wenig, wenn sich Wahlhelfer moralisch genötigt und gerechtfertigt sehen, Wahlen zugunsten der Grünen und zum Schaden der Opposition zu manipulieren – aktuell etwa der Fall des vermuteten Wahlbetrugs in Brandenburg, siehe tagesspiegel.de vom 24.08.2019: „AfD-Stimmen für die Grünen gezählt“ – „Mein Herz schlägt links“, verteidigte sich der mutmaßliche Wahlbetrüger, so die Zeitung – es klingt nicht nach Reue oder Einsicht. (Erinnerungen an die letzte NRW-Wahl werden wach, siehe etwa welt.de, 24.05.2017: „Polizei ermittelt wegen Wahlfälschung – Stimmen-Nachschlag für AfD“. Gibt es seriöse Schätzungen über Dunkelziffern beim Thema Wahlfälschung?)

Die richtige Art

Wie jener fiktive Diktator, der seine Gegner erschießt, aber immer noch darauf besteht, ein Wettrennen gewonnen zu haben, scheinen auffällig viele Funktionäre (und die Opfer der Propaganda) bereit zu sein, die Demokratie dranzugeben, wenn sie nicht die Macht der Bestehenden bestätigt.

Der Film „Der Diktator“ ist (wie auch „Der große Diktator“ des Spaßmachers Charlie Chaplin, der dann doch eine größere Bühne bespielt) auf die richtige Art lustig – der Diktator, der ein Rennen gewinnt, indem und weil er seine Gegner erschießt, bereitet uns einen Schmerz, und weil es so absurd und verfremdet verpackt ist, können wir lachen.

Jedoch, bei der Demokratie handelt es sich nicht um Unabänderliches wie den Tod oder um Banales wie Erdnüsse im Flugzeug, es handelt sich um die Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens, und es könnte passieren, dass uns das Lachen eben doch sprichwörtlich im Halse stecken bleibt.

Ich will nicht, dass Demokratie lustig ist. Das meine ich nicht im Sinne eines religiösen Eiferers, der das Lachen verbieten will, zusammen mit kurzen Röcken und bösem Fleischgenuss – oh nein! – ich sage: „Lacht, und lacht laut!“ Mein Problem mit diesem Lachen, mit meinem eigenen Lachen in dieser Sache, setzt einen Schritt früher an: Ich will nicht, dass es überhaupt etwas außerordentlich Witziges an der Demokratie zu lachen gibt, denn wo gelacht wird, da ist ein Schmerz, und wenn der Schmerz an der Demokratie allzu groß ist, könnte die Generation Smartphone blöd genug sein, sich ihrer ganz entledigen zu wollen, und dann wird man viel zu spät feststellen, dass alle anderen Gesellschaftsformen weit mehr wehtun.

Doch ich lache

Ja, es ist okay, darüber zu lachen, was der Demokratie angetan wird – und damit uns –‍, alles im Namen vermeintlicher „Moral“. Wenn und indem wir lachen, zeigen wir, wo unser Schmerz liegt, und das, wo unser Schmerz steckt, das ist uns spürbar wichtig, das ist uns eine relevante Struktur.

Ich lache über den Diktator aus der Satire, doch ich lache, weil es wehtut – vollständig fremd ist es auch in unseren Breitengraden nicht, dass einer die Regeln bricht, nur um seine Macht zu halten, und dass er dann darauf besteht, ganz regulär und ethisch gerechtfertigt „gewonnen“ zu haben.

Ich lache, weil es mir weh tut. Indem ich meinen Schmerz als solchen erkenne und akzeptiere, erkenne ich eben auch, was mir wichtig ist. „Erkenne dich selbst!“, so lehren die alten Griechen. Ich erkenne den Demokraten in mir – der Demokrat hat im Deutschland von Staatsfunk und Haltungsjournalisten leider einiges zu lachen, weil es oft weh tut.

Was man nicht ändern kann, das soll man hinnehmen, so lehrt ein altes Gebet – aber man kann noch immer darüber lachen!

Totalitäre, politisch Korrekte und andere Ideologen fürchten das Lachen der Menschen, denn wenn der Mensch erkennt, wo es ihm weh tut, wo sein Schmerz sitzt, dann könnte er etwas ändern wollen, ob es einfach ist oder nicht!

Lacht, auch wenn euch graut! Lacht, weil es euch graut!

Zu lachen, das ist Hoffnung, und wenn sich diese Hoffnung als vergeblich herausstellen sollte, dann hattet ihr zumindest etwas Spaß.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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