12. Juli 2019

Hype um Carola Rackete Rakete oder Rohrkrepierer?

Ihre Ethik ist billig

von Phil Mehrens

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Bildquelle: shutterstock Kein Vorbild für Carola Rackete: Mutter Teresa (1910-1997)

Die linke Aktivistin Carola Rackete wird für ihre Seenotrettungsmission gefeiert wie eine Mutter Teresa des Mittelmeers. Doch ihre moralische Verantwortung für die Geretteten hat die Lebensdauer einer Eintagsfliege. Ihre wahre Mission ist eine politische.

In der Theologie gibt es den Begriff der „billigen Gnade“. Gemeint ist eine Glaubenshaltung, die den Sühnetod Christi für sich in Anspruch nimmt, ohne dass der Empfänger der dadurch erwirkten Gnade sich angehalten sieht, auf der Grundlage dessen, was Jesus gefordert hat, ein besserer Mensch zu werden. In einem säkularen Zeitalter wie dem unseren mit seiner auf Autonomiefüße gestellten Moral kann zwar mit dem Begriff der „Gnade“ kaum noch jemand etwas anfangen, aber das beschriebene Phänomen gibt es nach wie vor. Man nennt es vielleicht besser „billige Ethik“.

Was die billige Ethik so attraktiv und praktisch macht, ist ihr wichtigstes Charakteristikum: Man kann sich als ihr Anhänger oder sogar als ihr bannerbewehrter Vorkämpfer zu erkennen geben und dafür öffentlich Beifall einheimsen, ohne den Nachweis erbringen zu müssen, dass man sich in seinem privaten Bereich ethisch einwandfrei im Sinne der (zum Beispiel auf Demonstrations­zügen) öffentlich an die Adresse der Politik gerichteten Forderungen verhält. Ich kann mir ein schönes Plakat mit der Aufschrift „Seerettung ist kein Verbrechen“ basteln, damit durch eine deutsche Innenstadt laufen und trotzdem, wenn ich gebeten werde, einen afrikanischen Migranten ein halbes Jahr bei mir wohnen zu lassen, abwinken. Politik sollen ja bitte schön die da oben machen und nicht ich!

Als sich ein Undercover-Fahnder der sogenannten rechten Szene im letzten Juni, geschickt getarnt durch ein verwaschenes T-Shirt mit „Peace“-Symbol, unter die Teilnehmer einer Fridays-for-Future-Demo mischte und seine Mitdemonstrierenden (!) darauf ansprach, dass in ihren megacoolen Mobiltelefonen Rohstoffe verarbeitet worden sind, deren Abfälle in ökologisch nicht ganz unbedenklichen Schlammteichen landen, erntete er das erwartbare Unverständnis. Dabei ergießen sich diese Teiche, wenn es mal nicht gut läuft, als Giftschlammlawine über ganze Landstriche, begraben Menschen und Häuser unter sich und machen die Gegend für Jahre unbewohnbar. Wir erinnern uns: Eine solche ökologische Katastrophe ereignete sich im Januar dieses Jahres in Brasilien. Wäre das nicht Grund genug, wieder aufs Festnetz umzusteigen? Es soll auch schon vorgekommen sein, dass sich minderjährige Demonstranten nach getaner Arbeit bei McDonald‘s dicke Burger mit fetter Fleischeinlage in denselben Rachen schieben, aus dem wenige Minuten zuvor noch „Klimaschutz“-Parolen in eine aufgewühlte oder noch aufzuwühlende Welt hinauskrakeelt wurden. Dabei weiß doch inzwischen jeder, wie viel Energie für die Erzeugung einer einzigen Tonne Rindfleisch aufgewendet werden muss. Es gab seitens der Klimaaktiven auch keinen landesweiten Proteststurm bei der Umstellung von analogen auf digitale Fernsehempfangsgeräte, obwohl damit etliche Tonnen von Elektroschrott produziert wurden, und das völlig unnötigerweise, denn die zu verschrottenden Geräte waren in der Regel noch voll funktionstüchtig. Die Zahl von Umweltschützern, die bekennende Kaltduscher sind und Ende Oktober ihren Kühlschrank abschalten, ihn leerräumen und die verderbliche Ware bis Ende März vor dem Haus lagern, ist ebenfalls nach wie vor erschreckend gering. Auch Klimaaktivisten sitzen offenbar gern vorm HD-Fernseher, während in der auf 20 Grad hochgeheizten Küche der Kühlschrank läuft, um das Biogemüse frisch zu halten.

Letzten Samstag wurde in Deutschlands Innenstädten die nächste Stufe der „Billige Ethik“-Rakete gezündet: Auf Demos bekundeten Aktivisten Sympathie für eine gewisse Carola Rackete, von der man gerne wissen möchte, wo und unter welchen Umständen sie ihr Kapitänspatent erworben hat angesichts ihrer recht eigenwilligen Auslegung des Seerechts. Die Dame gilt als neue Mutter Teresa, als Symbolfigur einer neu ins Leben gerufenen See-Erlösungslehre. Andere sehen in ihr die Symbolfigur der illegalen Massen­einwanderung. Nicht vergessen: Wir leben in einer „gespaltenen Gesellschaft“ (früher nannte man das „Demokratie“). Festzustellen ist jedenfalls, dass die Ethik der Kapitänin zwar Touren übers Mittelmeer einschließt, die garantiert nicht langweilig werden und für die sie sich von den linksorthodoxen Medien als moderner Christoph Kolumbus feiern lassen darf (ein Kolumbus, der nicht Amerika entdeckt, sondern die Gestade eines neuen, besseren Menschseins), dass diese Ethik im Prinzip aber nicht weiter reicht als vom Meer bis zur nächsten Küste. Ein paar Seemeilen nach der medien­wirksamen Rettung gibt die Retterin die Verantwortung für die Menschen an der Küste eines Staates ab, dessen Bevölkerung mehrheitlich zu dieser Verantwortung nicht bereit ist. Damit hat sie ein Kurzzeitproblem gelöst, aber ein Langzeitproblem befeuert. Hier müssen Strukturen gefunden werden, die einvernehmlicheren Lösungen den Weg bahnen und den berechtigten Sicherheits­interessen der Zielländer von Migration besser als bisher gerecht werden.

Schauen wir auf der Suche nach sittlicher Orientierung doch noch mal kurz in die Bibel. Dort wird uns als Muster der Nächstenliebe ein barmherziger Samariter vorgestellt, der einen Verletzten am Straßenrand findet. Hätte er gehandelt wie Carola Rackete, hätte er sich des Mannes auf dem Marktplatz der nächstbesten Ortschaft gegen den Widerstand der dortigen Bewohner schnellstens wieder entledigt. Der Samariter aber war, anders als die meisten Seenotretter, kein Vertreter einer billigen Ethik, sondern einer, die kostet. Er wurde dafür berühmt, dass er den Mann nicht nur notdürftig versorgte, sondern die Verantwortung für seine vollständige Wiederherstellung übernahm. Er verarztete ihn und brachte ihn anschließend in eine Herberge. Den Wirt bezahlte er für die ihm entstandenen Kosten und sagte: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen.“ (Lukas 10,35.)

Racketes Humanitarismus aber endet dort, wo sie ihre, wie sie selbst einräumt, belastende Fracht abladen kann. Sie ist kein Kolumbus und noch weniger eine Mutter Teresa des Mittelmeers, sondern eine Calamity Jane des Internets, die statt aus Colts aus Konten bei sozialen Netzwerken feuert, um ihre Gegner niederzustrecken. Mutter Teresa wurde in hohem Alter nach einem lebenslangen, aufopferungsvollen Dienst an den Ärmsten berühmt, Wildwestheldin Calamity Jane durch ein paar aus der Hüfte geschossene Kugeln. Mutter Teresa vertrat eine Ethik, die das ganze Leben kostet, Rackete kommt für ihre mit ein paar Tagen Behördenstress davon. Ganz schön billig.


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Phil Mehrens

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