23. April 2019

Die Passion aus ökonomischer Perspektive Jesus, der Schekel-Rebell

Ein Angriff auf die geldpolitische Ordnung war der Anlass für die Kreuzigung

von Luis Pazos

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Bildquelle: Zvonimir Atletic / Shutterstock.com Der Schekel-Rebell: Jesus vertreibt die Geldwechsler aus dem Tempel

Mit Ostern beging die Christenheit am Sonntag rund um den Globus das höchste Fest des Kirchenjahres. Und dies, folgt man den Chronisten, zum fast zweitausendsten Mal. Untrennbar mit dem Auferstehungsglauben einher geht seit jeher der Kreuzestod Jesu vor den Toren des antiken Jerusalems. Unabhängig von der theologischen Dimension ist es unbestreitbar, dass die Berichte über jenes Ereignis bis in die Gegenwart nachwirken. Dabei wird kaum beachtet, dass der Auslöser für jenes welthistorisch so bedeutsame Todesurteil im Kern einem Angriff auf die geldpolitische Ordnung geschuldet ist. Oder frei nach Golo Mann: Der Kern aller Geschichte ist Geldgeschichte. Dem möchte ich nachfolgend genauer auf den Grund gehen.

Der Aufstand der Makkabäer

Unter ihrem Anführer Judas „der Hammer“ Makkabäus erhoben sich im Jahr 167 vor Christus die Judäer gegen die Fremdherrschaft der griechischen Seleukiden. Deren riesiges Reich, ein sogenannter Diadochenstaat, gründete auf den Eroberungen Alexanders des Großen. Vorangegangen war diesem ersten Religionskrieg der Weltgeschichte ein Regierungsdekret König Antiochos IV., das von allen Juden den Abfall vom Jahwe-Glauben durch Vollzug heidnischer Opferpraktiken verlangte. 165 vor Christus konnten die Aufständischen Jerusalem erobern. An die anschließende Wiedereinweihung ihres Zentralheiligtums, des zweiten Tempels, erinnert bis heute das Fest Chanukka.

25 Jahre nach Beginn der Erhebung gewährte der seleukidische König Demetrios II. dem judäischen Kernland politische Autonomie und bestätigte Simon Makkabäus, den Bruder des zwischenzeitig gefallenen Judas, als dessen Fürsten und Hohepriester. Dieser begründete damit auch formal die Dynastie der Hasmonäer. Knapp 400 Jahre nach Ende des babylonischen Exils hatte das politische Judentum erstmals wieder seine Eigenstaatlichkeit errungen.

Als historisch folgenreichste Maßnahme erwies sich die eine Generation später unter Simons Sohn und Nachfolger Johannes Hyrkanos durchgeführte Neuordnung des judäischen Münz- beziehungsweise Geldwesens. Das Besondere daran: Im Zentrum dieser neuen Ordnung stand ein Instrument, ohne das kein modernes Geldsystem auskommt, die sogenannte Seigniorage. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort „seigneur“ für Feudal- oder Lehnsherr ab und bezeichnet den Geldschöpfungsgewinn oder Schlagschatz. Dieser wiederum ist das Resultat aus dem Geldmonopol der Zentralbank einerseits sowie dem Steuermonopol des Staates andererseits. Bei der hasmonäischen Neuordnung des Münzwesens handelt es sich um einen hervorragend dokumentierten Präzedenzfall der Seigniorage in der Antike. Schauen wir ihn uns näher an.

Die judäische Münzordnung

Erstes Element der Neuordnung war die Einführung des Tyrischen Schekels, einer hochwertigen, im griechischen Münzfuß (Drachme) geschlagenen Silberprägung aus der am Mittelmeer gelegenen Stadt Tyros. Die Emission der Silbermünze erfolgte dabei zu einem Kurs über pari, der eingeprägte Nennwert der Münze war also deutlich höher als der Materialwert des darin enthaltenen Edelmetalls. Diese Differenz bescherte den Clearingstellen, den im Auftrag des Tempels tätigen Geldwechslern, besagten Schlagschatz. Diese sogenannte Kalbon-Gebühr (aus dem griechischen „kollybos“ für Klein- oder Wechselgeld) betrug je nach Zahlungsmittel ab vier Prozent aufwärts.

Nun stellt sich allerdings die berechtigte Frage, warum jemand eine derartige Münze überhaupt kaufen soll. Auf einen wirtschaftlich begründeten Bedarf durften die Geldwechsler angesichts eines sicheren Verlustes nicht hoffen. Im privaten Zahlungsverkehr, also bei Handelsgeschäften, kam es schließlich unabhängig vom Münzstandard allein auf das Reingewicht in Edelmetall an. Den Schlagschatz zu vereinnahmen erforderte notwendigerweise eine Nachfrage, die nur über einen Zwang zur Beschaffung gewährleistet werden konnte.

Besagten Zwang stellten die Hasmonäer als zweites Element ihrer neuen Münzordnung dadurch sicher, dass allein der Tyrische Schekel zur Begleichung der unter ihrer Herrschaft wahrscheinlich wiedereingeführten Tempelsteuer akzeptiert wurde. Anders ausgedrückt: Nur der Tyrische Schekel war gesetzliches Zahlungsmittel. Als vorteilhaft, wenn nicht gar notwendig erwies sich dabei der Umstand, dass die Hasmonäerdynastie von Anfang an die weltliche und geistliche Autorität in einem erblichen Hochamt bündelte (1. Makkabäer 14, 41 folgende). Im Gegensatz dazu wurde übrigens vor dem babylonischen Exil eine strikte Trennung beider Funktionen praktiziert. Hierzu passt ferner, dass vermutlich bereits unter Simon Makkabäus die relativ kleine Gruppe der Sadduzäer, eine philosophische Schule und politische Interessensgruppe, die sich überwiegend aus der judäischen Feudal- und Funktionärselite rekrutierte, die Priesteraristokratie und Tempelverwaltung stellte.

Der Schekel und die Tempelabgabe

Die Tempelabgabe selbst basierte auf dem Sinaibund des Alten Testaments. Er sah vor, allen männlichen Israeliten ab dem 20. Lebensjahr ein Sühneopfer aufzuerlegen. Dabei handelte es sich um ein jährliches „Lösegeld anlässlich der Veranlagung“, demnach jeder „einen halben Schekel, entsprechend dem Schekelgewicht des Heiligtums, entrichten soll“ (2. Mose 30, 12).

Indem die Hasmonäer die Seigniorage in das Gewand der alttestamentarischen Tempelabgabe kleideten, verschafften sie ihrem Münzsystem nicht nur sakrale Legitimation, sondern übten auch erheblichen sozialen Druck auf ihre Glaubensbrüder aus. Letzterer scheint allerdings nicht ausgereicht zu haben, denn als drittes Element der Neuordnung wurde das moralische Gebot zu einem gesetzlichen Zwang für alle im hasmonäischen Machtbereich sesshaften Juden – insgesamt etwa eine Million Menschen – erklärt. Diese konnten fortan allein durch Zahlung Tyrischer Schekel ihre Schulden beim Tempel begleichen.

Fiskalisch erwies sich das neue Geldsystem als durchschlagender Erfolg. Der Tyrische Schekel wurde alsbald zur bedeutendsten Münze Kleinasiens. Hierzu trugen auch die etwa sechs Millionen Juden in der Diaspora bei, unter denen die erwachsenen Männer in der Regel ebenfalls ihr Sühneopfer leisteten. Als Kopfabgabe – ein halber Schekel entsprach etwa zwei Tagesverdiensten – spülte allein die Tempelabgabe etwa eine Million Schekel oder 330 Talente Silber pro Jahr in die Schatzkammer des Allerheiligsten. Das entsprach in etwa dem Finanzbedarf zweier römischer Legionen, zusammen gut 10.000 Soldaten.

Ein kaum zu steigerndes Sakrileg

Der letzte Vergleich erhellt auch ein bis heute mit einem großen Fragezeichen versehenes Sakrileg besagter Münzreform: Die Vorderseite der tyrischen Prägung zierte traditionell der Stadtgott Melkart. Als „Baal von Tyros“ stand er in unversöhnlicher Gegnerschaft zum Jahwe-Glauben (der keine Gottesbilder kennt). Warum wurde dieser Akt kaum zu steigernder Gotteslästerlichkeit in Kauf genommen? Warum riskierte die Hasmonäerdynastie mit ihrer Münzordnung bewusst das in sie gesetzte Vertrauen?

Vermutlich weil ein spezielles Bedürfnis der Herrscherelite existierte, das nur durch Tyrische Schekel befriedigt werden konnte. Als historisch gesichert gilt, dass Johannes Hyrkanos in seiner 30-jährigen Regierungszeit das Herrschaftsgebiet Judäas mehr als verdoppeln konnte. Hierbei nutzte er in erheblichem Umfang die Dienste fremder, also vor allem nichtjüdischer Söldner. An dieser Stelle schließt sich der Kreis: Der griechische Münzfuß war der Dollar der hellenistischen Welt und der antike Besoldungsstandard. Die – später vermutlich nach Jerusalem verlegte – tyrische Prägeanstalt wiederum war für die unerreichte Wertbeständigkeit und Reinheit ihrer Silberlegierungen bekannt. Beide Faktoren in Kombination waren unabdingbar, um große Söldnerkontingente unter Vertrag zu nehmen, ohne die wiederum keine Landnahme möglich war. Die gotteslästerliche Münzreform der Hasmonäer sicherte den hierfür konstanten Mittelzufluss.

Das Pessachfest als Zahlungstermin

Als im vierten Jahrzehnt unserer Zeitrechnung ein charismatischer Wanderprediger der Prophezeiung Sacharjas folgend auf dem Rücken eines Esels unter dem Jubel zahlreicher Anhänger in Jerusalem Einzug hielt, hatte die oben skizzierte Fiskalordnung nach wie vor unverändert Bestand.

Die hasmonäische Dynastie war allerdings bereits knapp 70 Jahre zuvor von den unter Johannes Hyrkanos judaisierten Herodianern ausgelöscht und diese wiederum durch die Römer entmachtet worden. Als willfähriger Kollaborateur des Imperiums erwies sich der sadduzäische Priesteradel. Gegen Sicherstellung der öffentlichen Ordnung sowie Abführung fälliger Reichssteuern, der sprichwörtlichen „Zinsmünzen“, konnte er seine Amtsgewalt durchgängig wahren.

Der Zeitpunkt des Einzuges zum Pessach war keineswegs zufällig gewählt. Am Hochfest war Zahlungstermin für die Tempelsteuer, deren Fälligkeit einen Monat vorher durch Boten im ganzen Land angemahnt wurde. Einem solchen Boten begegneten Jesus und Simon Petrus zuvor noch in Kapernaum (Matthäus 17, 24). Als Galiläer waren sie, wie auch die anderen Jünger, rechtlich nicht zur Zahlung verpflichtet. Gleichwohl wird Petrus von Jesus aufgefordert, einen Fisch zu fangen und ihm das Maul zu öffnen: „Du wirst darin eine Münze finden, die für deine und meine Abgabe ausreicht. Bezahle damit die Tempelsteuer!“

Anders sah die Rechtslage bei den Judäern aus. Wer die Steuer nicht zahlen konnte, bei dem wurde gepfändet, einschließlich die Person selbst sowie ihre Angehörigen. Mit dieser Aufgabe waren nicht nur die Zöllner, sondern auch die ebenso missliebigen öffentlichen Geldwechsler betraut, die im Gegensatz zu privaten Anbietern – auf diese bezieht sich Jesus beispielsweise im Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25, 14 folgende) – als „Beamte“ des Tempelfiskus hoheitlich handelten.

Ein Frontalangriff auf das Geldsystem

Kurz nach dem Einzug folgt mit der Tempelreinigung jene in allen vier Evangelien bekundete Schlüsselszene, die ganz bewusst gegen das Fundament der sakralpolitischen Ordnung zielt (Markus 11, 15): „Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug.“ Konkret bezeichnet er die Schnittstelle zwischen Zentralbank und Tempelfiskus als „Räuberhöhle“.

Wie die Geldwechsler standen auch die Händler im Dienst des Tempels. Sie verkauften als Monopolisten vorgeschriebene Opfergegenstände, wie sie für die Tempelkulte im gesamten Mittelmeerraum typisch waren. Hierzu gehörten beispielsweise sogenannte Votivfiguren oder eben Tauben. Können diese nicht mehr durch den Tempelbezirk getragen werden, lassen sich damit auch keine Verkaufserlöse mehr erzielen, die dem Tempelschatz zufließen.

Ebenfalls erhellt sich in diesem Zusammenhang die Andeutung Jesu, den Tempel nach dessen Abriss in drei Tagen wieder aufzubauen (Johannes 2, 19). Der Fokus auf das administrative statt das steinerne Fundament, also die Schuldenkataster und Steuerlisten, rückt das Vorhaben dann auch in den Bereich des Machbaren.

In den Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas leitet dieser Angriff gegen die Seigniorage als Lebenselixier der judäischen Münzordnung unmittelbar zur Passionsgeschichte über. Die Evangelisten berichten inhaltlich übereinstimmend: Die „Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen“ (Markus 11, 18). Als (fiskal‑) politisches Delikt fielen Urteil und Vollstreckung in die behördliche Zuständigkeit der römischen Gerichtsbarkeit und nicht des jüdischen Sanhedrin. Letzterer war gleichwohl im Verbund mit der Tempelwache zuständig für die Ermittlung und Anklage im Fall einer Störung der öffentlichen (Geld‑) Ordnung. Für die Verhaftung bedurfte es dann lediglich noch einer Investition von 30 Tyrischen Schekeln zum Kauf eines Verräters. In diesem Fall Judas Iskariot.

Das Erbe des Schekel-Rebells

Das Erbe des gekreuzigten Schekel-Rebells traten in der Jerusalemer Urgemeinde in alter Tradition Jakobus, der Bruder Jesu, als weltlicher und Simon Petrus beziehungsweise Kephas – aramäisch für „Stein“ und eine Erinnerung an den Tempelberg beziehungsweise das alte Priesteramt – als geistlicher Sachverwalter an.

Dem globalen Siegeszug der Seigniorage tat das Wirken des galiläischen Zimmermannssohns hingegen keinen Abbruch – vorerst. Sollte sich die Offenbarung dereinst tatsächlich erfüllen und der „Menschensohn kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen“ (Matthäus 16, 27), so stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Hüter des Mammons, des unredlichen Steuerflusses und Geldschöpfungsgewinns, hinausgeworfen werden „in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen“ (Matthäus 8, 12).

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Nur Bares ist Wahres!“


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