09. Januar 2019

Reaktionen auf den Tweet der ZDF.Korrespondentin Nicole Diekmanns Wenn Satire eine Bauchlandung auf der Realität hinlegt

Inklusive unfreiwilliger Tragikomik

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: Jan von Uxkull-Gyllenband / Shutterstock.com Merkel-Gegner: Alles Nazis?

Eigentlich beziehe ich mich nur ungerne auf Artikel der unseriösen Revolverpostille „The Huffington Post“, zählt sie doch zu den schlechtesten Zeitungen Deutschlands. Und bin überhaupt nur deshalb darauf gestoßen, weil man es sich im „Focus“ zur unschönen Angewohnheit gemacht hat, regelmäßig auf die Ausdünstungen dieses meistens eher unfreiwillig komischen Schundblättchens zu verlinken.

Der Anlass ist allerdings ein durchaus ernster. Es geht um einen Vorfall, den man eigentlich als nichtig verbuchen könnte, wäre der politische Hintergrund nicht doch schwerwiegender, als ein oberflächlicher Blick vermuten lässt. Wobei man sich darüber streiten kann, ob man das alles überhaupt noch ernst nehmen kann.

Der Tweet einer ZDF-Korrespondentin namens Nicole Diekmann sorgte unlängst für etwas Trubel und zog einige wüste Beschimpfungen von, wie die „Huff’n‘Puff-Post“ schlagzeilte, „rechten Wutbürgern“ im Internet nach sich. Um die soll es hier nicht gehen – sie sind teilweise wirklich sehr grob gewirkt. Würde man sich nur auf den Schlagabtausch zwischen Diekmann und ihren „Hassern“ beschränken, übersähe man dabei aber eben erwähnten Hintergrund, zudem einen auf beinahe schreiend ironische Art doppelbödigen, denn der Clou an Diekmanns Tweet war, dass sie damit – und zwar ungewollt – eine Wahrheit aussprach, die, wie die ZDF-Journalistin laut eigener Aussage wohl intendierte, an ihrem eigenen „Sarkasmus“ grandios scheiterte.

Ein Nutzer fragte Diekmann, die sich zuvor über „Nazis“ ausgelassen hatte – die, möchte man der Relotiuspresse glauben, an jeder Straßenecke Deutschlands mit schwarzlichtern funkelnden Augen der Machtübernahme harren –‍, wer für sie eigentlich ein Nazi sei. Ihre Antwort, schon in der Formulierung andersbegabt genug: „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt.“

Sieht man einmal von der gewohnt genderprimitiven Schreibweise beziehungsweise der leider schon pandemischen Spracheinkotung ab, die Leser bekanntlich für so bescheuert hält, sie ständig darauf hinweisen zu müssen, dass es noch andere Geschlechter als das männliche gibt (eine hochinnovative Erkenntnis, auf die man heuer erst in soziologischen Hauptseminaren stößt), stolpert Diekmanns sicher bestmenschlich gemeinter „Sarkasmus“ insofern über sich selbst, als dass er eine eigentlich traurige Wahrheit ausspricht: Heutzutage gilt in der Tat fast schon jeder, der nicht links oder grün ist – oder linksgrün, das lässt sich freilich kreativ kombinieren –‍, als „Nazi“. Man braucht schließlich nur die Nase an die Ausscheidungen führender linker oder grüner – oder eben linksgrüner – Politiker zu halten oder diverse linke „Diskussionen“ in den sozialen Schwätzwerken zu verfolgen, um auf ein diesbezüglich sehr reichhaltiges empirisches Anschauungsmaterial zu stoßen.

Es ist noch gar nicht so lange her, vielleicht ein halbes Jahr, da Merkel-Kritiker – ich erfinde es ja nicht, die entsprechenden Artikel stehen noch online, jeder kann sich bei Bedarf selbst davon überzeugen – in den (irre‑) führenden Fischröckchen der Republik als „rechte Merkel-Gegner“, in einigen besonders missratenen Printprodukten gar, kein Witz, als „Rechtsextremisten“ verleumdet wurden. Machte man sich die Mühe, etwas genauer hinzuschauen, durfte man wenig überraschend feststellen (wundert das jemanden angesichts des rapiden mentalen Verfalls der Mainmüllhalde noch?), dass die meisten der Demonstranten, um die es dabei ging, keineswegs „Rechte“ waren, sondern eigentlich nur Leute, die vom Politrick der Bundesgeschäftsführerin die Schnauze voll hatten. Was sie natürlich nicht automatisch zu „Rechten“ macht.

Dasselbe gilt mittlerweile freilich für jedwede Abweichung von der rasierklingenscharfen Linie des veröffentlichten Meinensollens: Überall nur noch Nazis. Dieselnazis, CO2-Nazis, Anti-Euro-Nazis, Nazis, die Europa ins Meer kippen wollen („Europaskeptiker“, also solche, die dem Europäischen Sowjet kritisch gegenüberstehen), Feinstaub-Nazis, antivegane Nazis; dann gibt es noch – so wie mich zum Beispiel – Anti-Gender-Nazis, also solche, die rechtsverschwörerischerweise den teils doch arg leninistisch dahermarschierenden Gender-Bullshit ablehnen, der sich regelmäßig totalitärerweise fragt, warum eigentlich noch nicht in jedem Beruf die totale 50-zu-50-Gleichheit zwischen Männern und Frauen herrscht, und deshalb nach dem starken Führerstaat ruft, um solche ideologischen Unreinheiten zu beseitigen. Und jetzt raten Sie mal: Weist man dann darauf hin, dass es nicht immer an struktureller patriarchalischer Nazimännergewalt liegen muss, wenn es in manchen Berufen ein genderungerechtes Ungleichgewicht gibt, sondern – Entschuldigung, ich wollte es ja nur angemerkt haben – möglicherweise an real existierenden Unterschieden zwischen Männlein und Weiblein, was ihre Berufs- oder Lebensplanungen betrifft, wie auch immer, ist man natürlich? Klaro: Nazi.

Zugegeben, das war etwas überspitzt. Da jedoch gerade im linken Meinungsspektrum (ich bitte für den Euphemismus um Verzeihung, da man heute ja kaum noch von einem Spektrum, sondern meistens eher einem linken Meinungsminimalismus sprechen muss, der sich auf das automatisierte Herunterbeten derselben drei Glaubenssätze ganz buchstäblich beschränkt) jeder, der diese drei... na gut, zweieinhalb Leersätze (kein Schreibfehler) nicht unterschreiben möchte, ganz schnell zu einem, Sie erahnen es schon, Nazi umgedeutet wird, der Deutschland mittels rechtsextremistischer Fackelzüge in eine Flammenhölle zu verwandeln trachtet, tritt sich Diekmanns mutmaßlich gewitzter Sarkasmus gleich selber die Beine weg.

Denn vor dem Hintergrund dieses schon surrealen Gesinnungsterrors der Kaderpresse kann es ja gar nicht verwundern, dass Diekmanns angeblicher Sarkasmus nicht als solcher erkannt, sondern für bare Münze genommen wurde. Es ist nun mal so: Und bist du nicht linkswillig, gebrauche ich strukturell stalinistische sprachliche Schwarzlistengewalt, du brauner Aussatz.

Nun gut. Es hätte ja auch völlig genügt, zu schreiben: „Jeder, der nicht die Grünen wählt.“ Denn mit „jeder“ ist selbstverständlich nicht nur das männliche Geschlecht gemeint.

Aber jetzt erklären Sie das mal einem Haufen Volldeppen, die überall nur männliche Verschwörungen gegen die Genderreinheit der deutschen Sprache am Werk sehen. Viel Glück.

Und zum Schluss gibt es nach längerer Pause wieder traditionsgemäß einen „gespielten Witz“, und der ist wirklich saukomisch: „Diekmann habe eindrucksvoll bewiesen, ‚wie neutral, unparteiisch und kritisch unser Journalismus heute ist‘, war so zu lesen.“

„Focus Online“: „ZDF-Journalistin bekommt rechten Shitstorm ab“


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