30. August 2018

Berichterstattung über Chemnitz und andere Vorfälle Rülpsen und Tölpeln

Wenn Journalisten aus Dunkelland berichten

von Alexander Wendt

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Bildquelle: shutterstock Sachsen: Das deutsche Ungarn?

Wir müssen Jakob Augstein dankbar sein. Er spart sich rhetorische Windungen. „Sachsen ist das deutsche Ungarn“, schreibt der „Spiegel“-Miteigentümer nach der Tötung eines Deutschen in Chemnitz, mutmaßlich durch einen Syrer und einen Iraker, und den anschließenden Demonstrationen und Ausschreitungen.

„Deutsches Ungarn“, das heißt: Das Bundesland im Südosten ist in der Berichterstattung als Feindstaat zu behandeln. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Berichtet wird aus diesem Landstrich nur, was sich skandalisieren lässt. Auf Recherche kommt es nicht an. Erkenntnisinteresse ist überflüssig, denn die Erkenntnis steht bei Augstein und ähnlichen Schreibern schon bombenfest: Sachsen oder eben Ungarn – feinsinnigerweise vermeidet er die Wendung „deutsches Polen“ – ist ein von moralisch Minderwertigen bevölkerter Landstrich.

Bei Augstein liest sich das so: „Sachsen ist wie das Internet. Nur in echt. Der ganze niedrige Hass, der sich im Netz Bahn bricht – in Sachsen kann man ihn auf der Straße sehen. Die Videos aus Sachsen zeigen sie ja, die dicken, stiernackigen Männer, die mit ihren Glatzen aussehen wie Pimmel mit Ohren – allerdings Pimmel mit Sonnenbrillen. Sie sind das Fleisch gewordene Rülpsen und Tölpeln, das die sozialen Medien durchflutet.“

Niedriger Hass ist streng zu unterscheiden von hohem Hass, der sich im Netz Bahn bricht, nämlich aus Augsteins Rechner via „Spiegel Online“. „Pimmel mit

Ohren“, damit befolgt der Erbe mit Ohren die erste Regel der Propaganda: den Gegner zu dehumanisieren. Nach den Massenübergriffen zu Silvester 2015 in Köln mit rund 1.000 Straftaten twitterte Augstein übrigens: „Ein paar grapschende Ausländer, und schon reißt bei uns der Firnis der Zivilisation.“

Was passierte in Chemnitz am Wochenende? Nach derzeitigem Ermittlungsstand erstachen zwei Migranten aus dem Irak beziehungsweise Syrien den 35-jährigen Chemnitzer Daniel H. nach Angaben der Staatsanwaltschaft „ohne rechtfertigenden Grund“ und verletzten zwei weitere. Danach setzte sich am Sonntag ein Protest- und Trauerzug von etwa 800 Menschen in Bewegung. Nach Angaben der Polizei befanden sich darunter auch etwa 50 Rechtsextremisten, unter anderem von Pro Chemnitz und der NPD, teils aus der Hooligan-Szene. Einige zeigten am Karl-Marx-Denkmal den Hitlergruß und riefen: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. Sowohl vom Sonntagabend als auch von den Demonstrationen am darauffolgenden Montag (einschließlich eines Marsches von Linksextremisten) liegen zahlreiche Videoaufnahmen vor. Die von vielen Medien mit Berufung auf anonyme Augenzeugen berichteten „Hetzjagden“ auf Ausländer finden sich in den Videos nicht – nur in einer Szene sieht man einen einzelnen Mann, der kurz auf einen vermeintlichen Ausländer zurennt, wobei es zu einem kurzen Körperkontakt zu kommen scheint, einem Tritt ins Gesäß. Genau zu sehen ist das nicht. Nach Angaben der Chemnitzer Polizei gab es auch keine verletzten Ausländer. Zwei Verletzte – durch Flaschenwurf und Böller – registrierten die Beamten erst am Montag, als rechts- und linksradikale Demonstranten einander nahe kamen.

Welche Quellen und Erkenntnisse Merkels Pressesprecher Steffen Seibert dazu veranlassten, von „Hetzjagden auf Menschen anderer Herkunft“ in Chemnitz zu sprechen, bleibt im Dunkeln. Dass der Regierungssprecher in Bezug auf Chemnitz von „Zusammenrottungen“ spricht, ist ebenfalls bemerkenswert. Der Begriff „staatsfeindliche Zusammenrottung“ stammt aus der DDR, er bezeichnete dort ein Delikt. Spontandemonstrationen – und um eine solche handelte es sich am Sonntag – sind in der Bundesrepublik nicht per se strafbar.

Aber strafbar ist natürlich ein öffentlicher Hitlergruß. Es ist abstoßend, wenn jemand drohend auf einen Passanten zurennt, es ist dumpf, „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ zu schreien, und abstrus außerdem, denn Daniel H., der Erstochene, hatte kubanische Wurzeln.

Hier soll es nicht darum gehen, Dumpfes weichzuzeichnen, sondern zu sortieren. Und vor allem die Frage zu beantworten: Warum wird ein Vorfall, der sich in Sachsen abspielt, dem deutschen Ungarn also, und in dem (auch) Rechtsextreme eine Rolle spielen, medial und politisch so viel anders behandelt als ähnliche Ereignisse mit anderem Schauplatz und anderer Färbung?

Es beginnt schon damit, dass der Erstochene in offiziellen Stellungnahmen nur ganz am Rand vorkommt. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig spricht davon, er sei „tragisch“ „zu Tode gekommen“, als hätte es sich um einen Unfall gehandelt. Und stern.de schreibt von einer „Messerstecherei“, so, als hätte auch Daniel H. zugestochen, das Medium macht ihn also sprachlich auch zu einem Täter unter mehreren. Die Berichterstattung konzentriert sich auch nicht auf die Chemnitzer, die Blumen am Tatort niederlegen und ohne Parolen trauern, sondern ganz auf den rechtsextremen Block (unter Aussparung des linksextremen). Dabei bleibt es aber nicht. Chemnitz, das ist natürlich ein Fanal, ein weiterer Beweis in der langen Beweiskette für das eigentlich schon von der Bundesrepublik abgefallene rechtsbraunniedere Land Sachsen.

„In Sachsen erweisen sich Dinge als gesellschaftliche Realität, die man aus jedem Drehbuchmanuskript als zu klischeehaft streichen würde“, schreibt „Zeit Online“. „Längst dient dort der illiberale Staat ungarischen Zuschnitts als Leitstern, der die kritische Öffentlichkeit bekämpft und den Mob ermächtigt. Er entsteht im Zusammenspiel zwischen wutschnaubender Basis und dem Versagen von Politik wie Exekutive. Er entsteht in Dresden wie in Chemnitz.“

Irgendwelche Belege dafür, dass die Hitlergruß-Zeiger von der Landesregierung „ermächtigt“ worden seien, präsentiert „Zeit Online“ nicht. Und welche Regierung „ermächtigt“ eigentlich linksextreme Böller- und Flaschenwerfer in Chemnitz, Kandel, Berlin, Hamburg?

Der „Tagesspiegel“ schreibt am 28. August: „In der Nacht zum Sonntag ist in Chemnitz ein Mann erstochen worden. Und obwohl zunächst niemand weiß, wer er war und wie er zu Tode kam, glauben nur ein paar Stunden später Hunderte Chemnitzer, sie müssten ihn rächen.“ Und: „Es ist eine Woche her, da hinderten Polizisten in Dresden ein Reporterteam am Filmen von Pegida-Demonstranten. Jetzt übt sich ein Mob in Chemnitz in blinder Selbstjustiz.“

Daran ist praktisch alles Blödsinn: Dass „niemand“ gewusst habe, wer das Opfer war, ist eine ebenso unsinnige Behauptung wie die, es sei unklar, „wie er zu Tode kam“. Er hieß Daniel H., er wurde erstochen – beides war sehr schnell bekannt. In Dresden hatte die Polizei ein Team von „Frontal 21“ auch nicht am Filmen gehindert, sondern wegen einer Anzeige nach dem Ausweis gefragt (das Team filmte sowohl die Polizei als auch Leute auf dem Weg zu einer Pegida-Demonstration sehr ausgiebig). In die gleiche postfaktische Ecke gehört die „Tagesspiegel“-Erfindung, in Chemnitz habe ein „Mob“„blinde Selbstjustiz“ verübt. Denn das würde ja bedeuten, irgendjemand hätte tatsächlich die Messer-Täter oder Leute, die dafür gehalten wurden, getötet oder verletzt. Nichts davon, siehe oben, ist passiert. Und was die Ereignisse in Chemnitz für den „Tagesspiegel“ mit einer Ausweiskontrolle in Dresden zu tun haben? Ganz einfach: Beides passierte in Sachsen. Das ist für Journalisten, die Sachsen tatsächlich für ein deutsches Ungarn und Ungarn für einen Finsterstaat halten, Beleg genug.

Noch ein qualitätsmedialer Quatsch über Chemnitz gefällig? Stern.de behauptet: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer „schweigt“ zu den Ereignissen. Weiter unten im Text heißt es dann, er habe „einen Tag gebraucht“, um sich zu äußern. Das ist deutlich schneller, als sich praktisch alle Politiker und Medien im Januar 2016 zu den Massenübergriffen in Köln geäußert hatten. Vermutlich wollte Kretschmer erst einmal Fakten zu den Ereignissen lesen – aus Sicht des „Stern“ offenbar ein schweres Vergehen.

Hier liegt der eigentliche und über den Fall vom Wochenende hinaus interessante Punkt: Zwar klingeln alle „Metwo“-Glöckchen bei einem kollektiven Urteil über Migranten – aber über Sachsen, als Land, als Bevölkerung, darf jederzeit kollektiv geurteilt werden. Es darf praktisch alles behauptet werden, Fakten muss niemand sortieren, Ermittlungen niemand abwarten. Generalverdacht ist vielmehr erste Journalistenpflicht.

Dabei handelt es sich um ein Muster, das Medien und Politiker schon seit ziemlich langer Zeit lustvoll praktizieren. Eigentlich beginnt alles im Jahr 2000 mit der Horrorgeschichte von den 50 Skinheads, die im sächsischen Sebnitz das Kind des deutsch-irakischen Apothekerpaars Kantelberg-Abdulla im Freibad ertränkt haben sollten. „Eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen“, schlagzeilte die „Bild“. Die „taz“: „Badeunfall erweist sich als rassistischer Mord“. Heribert Prantl kommentierte hoch erregt die „braunen Hintergründe der Tat“. Nur hatte es die Tat, wie sich drei Tage nach der „Bild“-Titelgeschichte herausstellte, nie gegeben – die ganze Geschichte basierte auf einem Lügengespinst der Kantelberg-Abdullas, auf das (fast) alle Medien ohne Prüfung einstiegen.

Es folgte 2007 die Geschichte des Hakenkreuz-Mädchens von Mittweida: Sie behauptete, zwei glatzköpfige Neonazis hätten ihr mitten in der Stadt ein Hakenkreuz in die Haut geritzt. Wieder berichteten fast alle Medien, obwohl es keine Zeugen gab, als sei die Tat schon bewiesen. „Passanten schauten zu“, dichtete die damalige Korrespondentin der „Süddeutschen“. Dabei hatte das noch nicht einmal das Mädchen behauptet. Aber das Narrativ, die ganze Sachsenstadt stecke dahinter, musste einfach ins Blatt. Auch diese Geschichte erwies sich als komplett gelogen; ein Gericht verurteilte das Mädchen rechtskräftig wegen Vortäuschung einer Straftat.

Ebenfalls 2007 schrieben Dutzende Medien, im sächsischen Mügeln habe es eine „Hetzjagd“ von Einheimischen auf indische Einwanderer gegeben. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergaben etwas anderes: nämlich eine Schlägerei auf einem Dorffest zwischen Deutschen und Indern, bei der die Inder abgebrochene Flaschen eingesetzt und ihre Gegner erheblich verletzt hatten. Auch die „Hetzjagd“ hatte nicht stattgefunden.

Bemerkenswerterweise fragt sich bis heute kaum ein Journalist, warum das Wort „Lügenpresse“ zuerst in Sachsen benutzt wurde und wie groß ihr Anteil daran ausfällt, dass die AfD in dem Land heute mit der CDU gleichauf liegt. Stattdessen knallen bis heute bei den meisten Pressevertretern alle Sicherungen durch, sobald die Triggerworte „Sachsen“ und „Nazis“ auftauchen, beziehungsweise, sie knallen gerade wegen der Enten-Serie durch. Es geht ihnen um den nachgereichten Beweis, dass die Sebnitz-Geschichte eben doch irgendwie stimmte. Das funktioniert genauso, als ob das Pawlow-Glöckchen „Ungarn“ und „Orbán“ und alles mit Trump läutet: Der Beitrag schreibt und sendet sich praktisch von selbst.

Ganz anders als etwa die Berichte von der vorübergehenden Machtübernahme des linksextremen Mobs in Hamburg zum G-20-Gipfel. Da hieß es skrupulös: „Es flogen Steine.“ Offenbar aus eigener Kraft. Da beschäftigten sich viele, viele Journalisten hingebungsvoll damit, wie sehr die Polizei zwar vermummte, aber doch pazifistische „Aktivisten“ schon durch ihre Anwesenheit provoziert hatte.

Und ganz anders sieht es auch aus, wenn jemand aus einer anderen politischen Richtung Selbst- beziehungsweise Parallel-Justiz versucht – zum Beispiel im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dort luden gerade Linksextreme, die dort um das besetzte Haus Rigaer Straße 94 siedeln, eine Anwohnerin vor eine Art Tribunal. Ihr Vergehen: Die Frau habe angesichts einer Schlägerei, in die ein Mitglied der Linksaußen-Szene verwickelt war, die Polizei gerufen. Das gilt in diesem Milieu als schwerster Regelverstoß.

Bis jetzt gibt es dazu keine Twitter-Stafetten von Politikern, kein Überbietungswettbewerb von Kommentatoren, niemand schreibt, Kreuzberg sei das deutsche Nordkorea. Und auch Regierungssprecher Steffen Seibert schweigt dazu. Nicht nur für 24 Stunden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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