04. August 2018

„Metwo“-Kampagne Rassismus überall

Asiatische Einwanderer kommen praktisch nicht vor

von Alexander Wendt

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Bildquelle: shutterstock Rassismus: In Deutschland allgegenwärtig?

„Metwo“, eine Art Klagesammelbox zum Thema Rassismus in Deutschland, lehnt sich nicht nur in seinem Hashtag-Kürzel an „Metoo“ an, die Debatte über sexuelle Belästigung, sondern auch im Stil.

Wie die Vorgängeraktion findet auch „Metwo“ überwiegend in den etablierten Medien statt, es dominieren aktivistische Twitterer und Twitterinnen – und die Zusammenstellung reiht Berichte über echte Übergriffigkeiten und Diskriminierungen unterschiedslos zusammen mit Alltagsärger und Fällen auf, in denen sich selbst der Gutmeinende fragt, welches Unrecht da eigentlich stattgefunden haben soll. Für die Medien gilt allerdings: Steht irgendwo ein Hashtag, ist die Behauptung nicht weit, es handle sich schon um eine gesellschaftliche Debatte. Und die sollte man nicht – siehe „Metoo“ – durch zu viel Skepsis stören.

Zunächst eine generelle Bemerkung: Der Lebensgefährte des Autors ist aus Asien nach Deutschland eingewandert. Ich weiß von ihm, dass es durchaus Anpöbelungen und gedankenlose Bemerkungen gibt, die Migranten zu Recht auf die Nerven gehen. Wenn es in „Metwo“ nur darum gehen würde, hätte die Debatte durchaus Sinn. Denn dann würden Teilnehmer vermutlich auch hin und wieder betonen, dass ein Migrant sich Deutschland deshalb ausgesucht hat, weil es deutlich mehr bietet als gelegentliche abfällige Kommentare und ab und zu schlechtes Wetter. Und dass es sich nicht bei jeder tölpeligen Bemerkung um Rassismus handelt.

Viele Medien verarbeiten das, was Twitterer bei „Metwo“ anlanden, noch einmal zu großen Artikeln. Wogegen nichts grundsätzlich zu sagen wäre. Es geht um die Art und Weise, wie es geschieht. Beispielsweise in der „Berliner Morgenpost“, die am 1. August „Metwo“ in einem ausführlichen Artikel unter der Überschrift „Training gegen Rassismus?“ behandelt.

Gleich zu Beginn heißt es dort in einer Aufzählung von Fällen: „Oder der Schüler, der fehlerfreie Diktate schreibt und trotzdem keine Eins bekommt, weil die Lehrerin erklärt: ‚Wenn ich dir eine Eins gebe, was soll ich dann den Deutschen geben?‘“ Das wäre in der Tat ungeheuerlich. Anruf bei einer der beiden Autorinnen, Theresa Martus. „Haben Sie mit dem Schüler gesprochen, dem das passiert ist? Und der Lehrerin?“ Nein, antwortet sie, das hätten sie und ihre Kollegin nicht, es handle sich nur um eine Übernahme einer Schilderung auf Twitter unter „Metwo“. Dann hätte sie aber in indirekter Rede stehen müssen, um deutlich zu machen: Es handelt sich um eine ungeprüfte Schilderung. Auf den Leser muss der „Morgenpost“-Text so wirken, als hätte eine Recherche stattgefunden.

Aber gut, zweite Frage: Welche Tweets bilden die Grundlage? Die Redakteurin schickt einen Screenshot von zwei Tweets. Ein Tweet stammt von Dejan Mihajlovic aus Freiburg: „In der Grundschule erhielt ich im Zeugnis in Deutsch eine Zwei, obwohl alle meine Leistungen zuvor mit Eins bewertet wurden. Der Lehrer fragte meine Mutter und mich, wie sich wohl deutsche Mitschüler fühlen würden, wenn ein Ausländer in Deutsch eine bessere Note als sie hätte. Hat mich geprägt.“ Der andere von einer Rachel aus der Nähe von Köln: „Mein Bruder ist Klassenbester gewesen, Einser-Schüler. Erhält eine Klassenarbeit Note ‚Zwei‘, vergleicht Fehler mit Mitschüler und stellt fest, dass er trotz weniger Fehlern eine schlechtere Note hat. Lehrer nur: ‚Wenn ich dir eine Eins gebe, was soll ich dann den Deutschen geben?‘“

Beide Mitteilungen referieren die Antwort der Lehrerin nahezu wortgleich und stammen vom gleichen Tag, dem 27. Juli. Ganz nebenbei: Die Geschichte von fehlerfreien Diktaten, für die es trotzdem keine Eins gibt, erzählt keiner der Tweets. Diese Umdrehung haben erst die „Morgenpost“-Journalistinnen hinzugefügt. Besonders logisch klingen beide Twitter-Schilderungen nicht. Warum sollte eine diskriminierungswütige Lehrerin im Fall von Mihajlovic ihren Schüler ständig mit Eins benoten, um ihm dann auf dem Zeugnis eine Zwei zu geben, und das auch noch mit einer Begründung, die geradezu schreit: Verklag mich? Im Fall zwei: Sicher, auch ein Klassenbester und Einserschüler kann eine Zwei bekommen. Auch hier wäre die identische Begründung der Lehrkraft identisch dämlich.

Aber gut: Es gibt Geschichten, die sich unlogisch anhören und trotzdem stimmen. Es soll auch dämliche Lehrerinnen geben. Ich schreibe deshalb Dejan Mihajlovic an und bitte ihn, mir zu sagen, wann der Vorfall passiert ist, wie die Schule heißt – und wenn möglich auch noch die Lehrerin zu nennen, um den Versuch zu unternehmen, das Ganze nachzuprüfen. Rachel bitte ich um die Kontaktdaten ihres Bruders, um ihm die gleichen Fragen zu stellen. Im Fall eins kommt keine Antwort, im Fall zwei tatsächlich die Mailadresse eines Mannes mit dem Familiennamen, den auch Rachel trägt. Und er – ein freundlicher junger Mann – schreibt Folgendes: „Hallo Herr Wendt, meine Schwester hat aus ihrer Erinnerung heraus ein wenig falsch berichtet. Tatsächlich handelte es sich um meinen Deutschlehrer (ich würde bevorzugen, ihn anonym zu lassen). Da, wie meine Schwester schon beschrieben hat, ich grundsätzlich gute Noten hatte, stand das Fach Deutsch konstant heraus. Daraufhin suchte meine Mutter ein Gespräch mit dem Lehrer, um zu fragen, wie ich mich verbessern könnte. Seine Antwort war daraufhin, er könne mich als ausländischen Schüler nicht besser bewerten als meine deutschen Mitschüler. Ich weiß nicht, ob er tatsächlich aus rassistischen oder gar antisemitischen Gründen gehandelt hat, zumal er auch mit einer Ausländerin verheiratet ist. Ich habe für mich einfach den Schluss gezogen, Deutsch nicht in mein Abitur einfließen zu lassen. Ich weiß nicht, inwiefern ich Ihnen weiterhelfen konnte. Für Rückfragen stehe ich Ihnen immer zur Verfügung. Mit freundlichen Grüßen, XX.“

Die Geschichte stellt sich also etwas anders dar. Das Autorenduo der „Berliner Morgenpost“ hätte auch nur 24 Stunden gebraucht, um den Tweet-Inhalt zu überprüfen, statt ihn einfach eins zu eins zu übernehmen.

Übrigens gibt es auch eine interessante Wortmeldung in Rachels Timeline, allerdings nicht von ihr selbst: „Die exakt gleiche Story habe ich jetzt unter diesem Hashtag schon mindestens fünfmal von verschiedenen Personen gelesen.“ Andere Meldungen auf „Metwo“ machen schon auf den ersten Blick stutzig. Beispielsweise die einer Elif Koroglu. Von ihr gibt es gleich eine Sammlung von Diskriminierungsschilderungen. Beispielsweise diese: „Ein Altnazi-Deutschlehrer als Vertretungslehrer: ‚Du musst ganz besonders aufpassen, du brauchst es am meisten!‘ – Ich, die Klassenbeste, die elfte Klasse auf dem Gymnasium übersprungen.“ Als „Altnazi“ bezeichnet man Leute, die Mitglied der NSDAP beziehungsweise in deren Gliederungen waren. Elifs Lehrer müsste demnach mindestens 90 sein. Möglicherweise arbeitet er ja deshalb nur vertretungsweise und nicht ganztags. Oder die junge Frau ging vor etwa 30 Jahren zur Schule. Dagegen spricht allerdings nicht nur ihr Foto, sondern auch die Serie ihrer nächsten Tweets, die von ihrem offenbar gegenwärtigen Leben als Studentin handeln. Einer ihrer Professoren etwa, schreibt sie, habe ihr gesagt: „Sie dürfen nicht fehlen, ob Sie da sind oder fehlen, beides fällt auf.“ Was nun wirklich ein elegantes Kompliment ist, noch dazu eins, das sich auf nichts Körperliches bezieht, sondern darauf, dass ihre Anwesenheit bei Veranstaltungen offenbar geschätzt wird. Elif Koroglu schreibt auch gar nicht, was sie daran verletzend oder gar rassistisch findet. Sie postet es einfach unter dem Hashtag „Metwo“.

Und nicht nur dieses für sie empörende Vorkommnis, sondern auch gleich das nächste, eine Frage, wie sie zu Erdoğan steht: „‚Mal so ganz unter uns, du bist ja deutsche Staatsbürgerin, aber würdest du Erdoğan wählen, wenn du könntest?‘ – Äähm, schon mal was von geheimer Wahl gehört?“ Selbstverständlich gilt das Wahlgeheimnis, wobei ihr Hinweis hier etwas unlogisch daherkommt, denn so, wie es ihre Schilderung nahelegt, kann sie an der Wahl in der Türkei gar nicht teilnehmen. Es muss auch niemand über seine politischen Präferenzen Auskunft geben. Aber was ist an der Frage diskriminierend oder gar rassistisch?

Unter „Metwo“ finden sich auch Tweets wie dieser: „Besonders Diskriminierung in der Schule.“ Hm. Man wüsste es gern genauer.

Oder dieser von „Hz Yunus“: „Das Wort ‚getürkt‘ ist der Beweis, dass Deutschland ein türkenfeindliches, rückständiges Land ist.“ Der Begriff „getürkt“ stammt bekanntlich von dem vermeintlichen Schachroboter, den der Österreicher Wolfgang von Kempelen 1769 baute. In Wirklichkeit spielte nicht die als Türke ausstaffierte Puppe Schach, sondern ein kleinwüchsiger Schachmeister, der in dem Apparat steckte. Das umgangssprachliche Wort für „täuschen“ bezieht sich also gar nicht auf Türken. Aber abgesehen davon: Was hält Herrn Yunus davon ab, das rückständige Deutschland zu verlassen und Wohnsitz in der fortschrittlichen und nun wirklich türkenfreundlichen Türkei zu nehmen?

Manche Tweets beschäftigen sich auch gar nicht mit einer echten oder gefühlten Diskriminierung, sondern mit allgemeinen Mitteilungen, etwa dieser von „Nazim“: „Multikulti wird es auf dem gesamten Planeten geben, da führt kein Weg dran vorbei. Dagegen anzukämpfen, ist zwecklos. Homogene Nationen sind ein Auslaufmodell. Wir gehören in Deutschland zu den Ersten, die Erfahrung damit machen. Wenn nicht wir, wer sonst!?“ Gern möchte der Leser wissen, warum Nazim nicht erst einmal die Überwindung des Nationalstaats in der Türkei anstrebt oder die ordentliche multikulturelle Durchmischung Saudi-Arabiens.

Insgesamt fällt bei „Metwo“ ein gravierender Mangel an Einwanderern aus Ostasien auf, die über Diskriminierung klagen. Vor Jahren hatte ich einen Text über den Erfolg vietnamesischer Einwanderer in Deutschland geschrieben. Das Blatt, für das ich ihn ursprünglich verfasst hatte, wollte ihn nicht drucken. Ich veröffentlichte ihn dann auf der „Achse des Guten“. Der Text trug mir 2015 eine Einladung an die Universitäten von Hanoi und Saigon ein, um dort über das Thema zu sprechen. Während meiner Recherche hatte ich mit Menschen geredet, die als Boat People nach Westdeutschland gekommen waren oder als Werksvertragsarbeiter in die DDR, außerdem mit Kindern vietnamesischer Einwanderer (die an Schulen und Universitäten fast alle weit überdurchschnittlich abschneiden). Natürlich fragte ich auch alle nach Diskriminierungserfahrung. Alle, ausnahmslos alle hatten gelegentlich Anpöbelungen und dumme Bemerkungen erlebt: über ihren Akzent in der ersten Einwanderergeneration, über ihr fremdes Aussehen. Und durchweg alle kommentierten das sinngemäß so: „Idioten gibt es überall.“ Niemand von meinen Gesprächspartnern schrieb die Diskriminierung der ganzen Gesellschaft zu. Niemand von ihnen fühlte sich als Opfer. Ein Schüler der zweiten Generation sagte den bemerkenswerten Satz: „Wenn mich jemand beleidigt, strenge ich mich erst recht an, um besser zu sein als er. Das ist meine Rache.“

In der Debatte um Migration, neue Deutsche und Diskriminierung kommen asiatische Einwanderer praktisch nicht vor, weder in den etablierten Medien, siehe oben, noch in der Politik. Man ahnt, warum. Sie liefern zwar fleißig Steuern und Sozialabgaben ab, treten nicht in Männergruppen gegen andere Männergruppen an, bei ihnen läuft auch keine Großfamilienhochzeit aus dem Ruder. Aber sie enthalten dem ewig nach neuen Mündeln fahndenden deutschen Milieu den kostbarsten Stoff der Migranten vor, mindestens so wertvoll wie Gold: die Rassismus-Klage.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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