05. April 2018

Alternative Nachrichten (Radio) Folge 18Geister. Abwarten. Quantitätsjournalismus. Atomkraftwerk.

Was uns am Abend des 5. April bewegt

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Bildquelle: shutterstock Schwarze Regenwürmer bangen vor der Stunde Null: Kommt er bald ihre Fleischtöpfe holen?

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Nach Abschied von der Macht – Dobrindt tastet vorsichtig nach rechts

Berlin. Man könne „den Eindruck bekommen, dass linke Chaoten eher geschützt als bestraft werden“. Diese vorsichtig in Richtung Vernunft schielende Formulierung stammt nicht etwa von rechten Fake-News-Portalen. Urheber der Aussage ist niemand anderer als der vormals höchstverantwortliche Dieselfahrerenteigner Alexander Dobrindt. Der CSU-Mann hat seit seinem Ausscheiden aus dem Amt mehrfach mit der Forderung nach einer „konservativen Revolution“ von sich reden gemacht (wir berichteten). In seiner früheren Tätigkeit war Dobrindt bekanntlich auch für den Breitbandausbau verantwortlich. Vielleicht reichen seine Neulandkenntnisse ja mittlerweile soweit, den Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung zu verstehen. Entsprechend leicht wäre also auch die aktuelle Verschiebung der gesellschaftlichen Politkoordinaten einzuordnen. Falls er nicht bereits bei dem Gesamtresultat unter 40 Prozent des offiziell linken Parteienblocks bei der Bundestagswahl stutzig wurde. Möglicherweise durchlebt das politisierte Deutschland ja gerade eine Wiederholung der „Stunde Null“ vom 8. Mai 1945. Diese Bezeichnung stammt freilich nicht vom Autor dieser Zeilen, sondern von einem führenden deutschen NS-Forscher. Mit „Stunde Null“ bezeichnet er einen Vakuummoment beim Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes. Auf der einen Seite rollten die Besatzungsmächte heran, auf der anderen Seite befanden sich noch die strammen Systemkader des untergehenden Braunsozialismus. Dazwischen sahen sich die Mitläufer in einem schweren Dilemma. Wer die Uniform jetzt voreilig abzustreifen versuchte oder gar am Endsieg zweifelte, konnte fast sicher sein, dass ehemalige Genossen kurzen Prozess machten. Wer sie hingegen nicht schnell genug abstreifte, musste andererseits damit rechnen, dass die neuen Machthaber auch nicht eben zimperlich vorgehen würden. Wird zugrundegelegt, dass die Erklärung 2018 bereits die Grenze von 80.000 Unterschriften überschritten hat, kann man sich durchaus kurz vor einem solchen Übergangsvakuum sehen. Natürlich ist den Initiatoren der genannten Erklärung, im Gegensatz zu den antifaschistischen Vollstreckern des Merkel-Systems, keine Gewaltaffinität zu unterstellen. Insofern sie sich nicht unter dem direkten Schutz von Muttis noch strahlender Aura befinden, droht den CDU-Mitläufern jedoch ein als ähnlich schlimm empfundenes Schicksal wie der Tod. Der Verlust ihrer geliebten Fleischtöpfe und, Gott bewahre, ehrliche Arbeit. Offenbar versucht Dobrindt nun öfter, den rechten Blinker zu setzen, bevor er dort als ehemaliger Verkehrsminister von einer neuen Gesellschaftsbewegung überrollt wird. Seine Parteifreunde im Münchner Stadtrat dürfen den Antifanten derweil weiter Subventionen zuschustern, falls er den linken Blinker wider Erwarten doch noch mal benötigen sollte.

Ruhiges Abwarten einer Entscheidung des ungarischen Volkes? – Fehlanzeige

Budapest. Am Sonntag finden in Ungarn nationale Parlamentswahlen statt. Vernünftigerweise sollte der Artikel mit der Bereitstellung dieser Information wieder enden. Wer sich weiter für das Thema interessiert, kann am Sonntagabend den Fernseher einschalten. So leicht ist es jedoch nicht, wenn sich hyperpolitisierte linke Medienschaffende mal wieder im Fieberwahn befinden. Gewählt wird in Ungarn, wie in Deutschland, alle vier Jahre. Das letzte Mal, als die Nummer drei der deutschen Mediendämonen im Amt bestätigt wurde, hielt die Welt noch überwiegend wegen der Krimkrise den Atem an. Ein Jahr später brach sich die illegale Masseneinwanderung dann vollends Bahn, und allgemein sichtbar manifestierte sich die neue Ost-West-Spaltung. In den meisten osteuropäischen Ländern, auch dem einwohnerstarken Polen, entschieden sich die Wähler bisher für den weiteren Weg nach rechts. Verzweifelt hoffen deutsche Journalisten nun auf den Befreiungsschlag durch den Sturz der wichtigsten Symbolfigur im Kampf um den gesunden Menschenverstand. Bei der Wahlkampfberichterstattung darf die traditionelle Reduzierung des jeweiligen Volkes auf den Status unterbezahlter, edler Wilder natürlich nicht fehlen. Die Menschen seien ja gar nicht „rechts“, nur irgendwie „abgehängt“. Zwar konnte der „Spiegel“ einige Stimmen einfangen, die tatsächlich eine gewisse, glaubwürdige Unzufriedenheit mit der Regierung Orbán aufzeigen. Korruption und Bürokratie, insbesondere für Kleinunternehmen, hätten zugenommen. Also die quasi integralen Verschleißerscheinungen einer Regierung, zumal wenn sie auch noch der Europäischen Union angehört. Eventuell, so die Hoffnung des linken Hasses, wirken die Umfragen, die ja beim Brexit und bei Trump so grandios danebenlagen, dieses Mal in unsere Richtung. Die Redaktion der „Alternativen Nachrichten“ übt sich ausnahmsweise in der gesellschaftlichen Tugend der Distanzierung. Entsprechend halten wir uns von dem lächerlichen Theater der Hauptstromkollegen fern und analysieren erst nächste Woche in Ruhe die Entscheidung der Ungarn.

Google und Reporter ohne Grenzen – Neuer Warnhinweis für Quantitätsjournalismus

International. Im Zuge der aktuellen Marktumbrüche entfernt sich bei der Spaltung zwischen etablierten und freien Medien weiter voneinander, was nicht zusammengehört. Die sogenannte journalistische Lobbyorganisation Reporter ohne Grenzen (RSF) ist eine neue Kooperation mit dem Internetkonzern Google eingegangen. Im Streit um Werbung und intellektuelle Eigentumsrechte wirkten der Platzhirsch aus dem Silicon Valley und der deutsche Hauptstrom vor kurzem noch wie ein rotes Tuch aufeinander. Aber wie auch schon an anderer Stelle festgestellt, wirkt politisch nichts so vereinigend wie ein gemeinsamer Feind. Einige Monate nach der Trump-Wahl kam dann die alte Zeitungsente im brandneuen „Fake News“-Gewand daher. Eine „Fake News“, so alt, dass sie noch „Falschmeldung“ hieß, besagte einmal, dass ein Goldfisch nur über ein Gedächtnis weniger Sekunden verfüge. Entsprechend sei er jedes Mal, wenn er einmal in seinem Aquarium auf und ab geschwommen ist, überzeugt, einen ganz neuen Ort zu entdecken. Wird nun „Goldfisch“ wahlweise durch „Leser“ oder durch „Wähler“ ersetzt, drängt sich der Verdacht auf, dass einige politmediale Eliten diese „Fake News“ für bare Münze genommen haben. Entsprechend war man überzeugt, diese ewige Begleiterscheinung des Nachrichtenwesens mit einem Aufmacher in der „Washington Post“ als brandneues Phänomen verkaufen zu können. Seitdem ist die Zeitrechnung in ein gefaktes „Vor-Fake-News-Zeitalter“ und ein postfaktisches „Fake-News-Zeitalter“ unterteilt. Deshalb müssen jetzt allerlei Töpfe für die Bekämpfung dieser neuartigen Bedrohung mobilisiert werden. Man kämpfe zwar schon länger gegen Fake News, ließ Reporter ohne Grenzen ganz tapfer vermelden. Aber leider hätten sie sich da schon etabliert gehabt. Also soll jetzt eine neue journalistische Vertrauensinitiative das Kind aus dem Brunnen ziehen. RSF will bis Mai 2019 einen neuen Kriterienkatalog für „vertrauenswürdige Medien“ erarbeiten. Wer die entsprechenden Vorgaben der Nichtregierungsorganisation erfüllt, der bekommt ein begehrtes Quantitätssiegel als solch vertrauenswürdiges Medium. Die Internetgiganten der sozialen Netzwerke sollen diese Medien bei der Verbreitung auf ihren Plattformen dann bevorzugen. Laut RSF hat Google bereits grünes Licht für die Zusammenarbeit erteilt. Um 1900 führten die Briten das Warnhinweisschild „Made in Germany“ ein. Damit sollten die Konsumenten vom Kauf deutscher Produkte abgehalten werden. Bewirkt wurde freilich das Gegenteil. Wie lange wird es also wohl dauern, bis dieses Gütesiegel den kritischen Leser eher verschreckt als anlockt? Beziehungsweise die Verkaufszahlen der freien Medien gerade durch die Abwesenheit desselben noch weiter zulegen? Bei Reporter ohne Grenzen hofft man noch, bald auch Facebook und Twitter an Bord begrüßen zu dürfen. Warum sich ausgerechnet Internetpioniere an das sinkende Schiff des oftmals nur noch mit Staatsgeldern am Leben gehaltenen Mediensystems ketten sollten, bleibt ein Rätsel. Naja, jedem das Seine.

Handel verbindet – Erstes türkisches Atomkraftwerk stammt aus Russland

Ankara/Moskau. Für Libertäre ist es fast schon eine redundante Lebensweisheit, dass Handelsbeziehungen im allgemeinen die Völkerverständigung bestärken. Mit wenigen Ausnahmen, bevorzugt aus dem Bereich der Europäischen Union, wo man sich über vieles nicht wundern sollte, wird dieser Befund auch international anerkannt. Ein gutes Beispiel aus der Praxis liefern jetzt wieder der NATO-Staat Türkei und das im Westen zunehmend geächtete Russland. In Ankara feierten die Staatschefs Putin und Erdoğan jetzt den Bau des ersten türkischen Atomkraftwerks Akkuyu an der Mittelmeerküste. Auftragnehmer ist der russische Staatskonzern Rosatom. In fünf Jahren sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, ab 2025 sollen dann alle vier Reaktoren ans Netz angeschlossen sein. Die planmäßigen Kosten werden auf umgerechnet 16 Milliarden Euro beziffert. Nach Fertigstellung soll das Atomkraftwerk etwa zehn Prozent des türkischen Energiebedarfs abdecken. In den traditionellen Sphären der geopolitischen Machtpolitik stellen Russland und die Türkei eigentlich ewige Rivalen dar. Ohne am Schluss noch mal in die historischen Details zu gehen, sei nur kurz darauf verwiesen, dass diese Feindschaft von den europäischen Imperialmächten je nach Interessenlage auf die eine oder andere Weise ausgenutzt wurde. Damit scheint nun Schluss zu sein. Politik trennt, Handel verbindet.

Zusammenstellung: Jean Modert


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