21. März 2018

Alternative Nachrichten am Abend Psychiatriegeschichte. Kubicki. Militär. Niederlande.

Was uns am Abend des 21. März bewegt

von Redaktion eigentümlich frei

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Beobachten Sie Politiker in ihrer nachempfundenen natürlichen Umgebung: Irrenanstalt

Forderung für die Psychiatriegeschichte – Paul Ziemiak wünscht freien Sonntag für Berufspolitiker

Berlin. „Wer ist Paul Ziemiak?“, wird sich wohl so manch einer von Ihnen beim Lesen der Überschrift gedacht haben. Nun, seines Zeichens ist er der völlig unbekannte Chef der Jungen Union, der Jugendsektion des leichenblassen CDU-Parteizombies. Also wahrlich kein Name, den es sich für die Beerdigung der schwarzen Hülle in der Post-Merkel-Ära noch zu merken gilt. Für Berufspolitiker natürlich der größte anzunehmende Unfall. Die Steuergelder sind durch den Listenplatz und die während der Regierungszeit noch geschaffenen Pöstchen und Versorgungsansprüche zwar gesichert. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Der Politiker auch nicht. Sein Lebenselixier bildet sich einerseits daraus, dem Bürger seine endlose Ohnmacht vor Augen zu führen, und andererseits aus dem narzisstischen Bad in der medialen Huldigung. Ziemiak scheint es als Abgeordneter aktuell an beidem zu fehlen. In Deutschland gibt es zwei Arten, diesem Zustand entgegenzuwirken. Bei weiblichen Exemplaren der Politspezies werden in solchen Situationen oft Fälle von sexueller Belästigung, wie zum Beispiel wohlmeinende Komplimente, beobachtet. Diejenigen, die im Genderpass vorübergehend „männlich“ angekreuzt haben, decken zumeist eine tief bedrohliche, rechte Verschwörung auf. Leider hat sich die sogenannte Emmanuel-Bernstein-Keule in letzter Zeit durch inflationären Gebrauch doch etwas abgenutzt. Also Zeit für etwas neues, etwas noch nie dagewesenes, den großen Sprung, dachte sich wohl Ziemiak. So wartete er mit einer Forderung auf, die ihm wohl lange über die eigene Lebensdauer hinaus einen Platz als Fallbeispiel in den Lehrbüchern der Psychopathologie sichern wird. All die Berufspolitiker, die in ihrem Leben noch nie gearbeitet haben, sollen am Sonntag endlich obligatorisch frei bekommen. An diesem Tag dürften weder Pressetermine noch Parteitage stattfinden. Damit wäre also auch geklärt, dass sich unter den einfachen CDU-Delegierten noch nie ein privat arbeitender Mensch befunden hat. Wagen wir für libertäre Leser kurz ein besonders provokantes Gedankenexperiment. Würde ein Grundeinkommen für Politiker, sogar in der Höhe ihrer aktuellen Bezüge, die Gesellschaft nicht weitaus billiger kommen, als wenn sie mit ständigen Verboten und sonstigen Beschäftigungen noch so tun müssen, als ob sie für die erhaltenen Steuergelder eine Gegenleistung erbringen? Vielleicht kann ja sogar noch keynesianisch eine Trumpsche Mauer um das Reichstagsgelände hinzugefügt werden. Am Ende würde eine Kombination aus Ausgewachsenen-Spielplatz und Freiluftpsychiatrie stehen. Die Futtergelder könnten dann mit dem Bernanke-Helikopter über dem Käfig abgeworfen werden. Die Kunst des Überlebens wird zukünftig leider eher darin bestehen, den einen umgebenden Wahnsinn mit einem langen zynischen Atem als das Theater zu belächeln, das er ist. Ohne dabei aber die von ihm ernsthaft ausgehenden Gefahren leichtfertig zu unterschätzen.

Russland – Kündigt Kubicki seinen Rückzug aus der FDP an, oder ist es nur routiniertes mediales Schäumen?

Berlin. Wandelt Wolfgang Kubicki jetzt auf den Spuren von Sigmar Gabriel? Früher traten Politiker, wenn sie einen Machtkampf mit nachrückenden Omega-Tieren nicht mehr zu gewinnen wussten, aus „persönlichen“ oder „gesundheitlichen“ Gründen zurück. Gabriel hat dafür eine neue Taktik entwickelt, die dem Abgang noch einen pathologischen Anstrich gestürzter Helden hinzufügen kann: die Forderung, die russischen Sanktionen, wenn auch nicht aufzuheben, so doch nach modernem Neusprech zu „lockern“ (wir berichteten). Nun muss auch Wolfgang Kubicki wohl irgendwo in einer Randnotiz der Lokalpresse seinen Rücktritt angedeutet haben. Denn aktuell stürzt sich die Journalistenschar auf ihn wie Piranhas auf frisches Blut. „FDP-Politiker distanzieren sich von Kubicki“ titelte etwa „Spiegel Online“. Wer sich ein wenig mit den abartigen Regeln des politischen Betriebes auskennt, der weiß, dass eine öffentliche Distanzierung den wirkmächtigsten Dolchstoß im tagtäglichen Intrigantenstadl darstellt. Über eine Lockerung der Sanktionen könne erst nachgedacht werden, wenn sich die Außenpolitik der russischen Regierung substantiell ändere, ließ der außenpolitische Parteisprecher verlautbaren. Dies sei jedoch momentan nicht in Sicht. Ergo, solange die deutsche Presse nicht beschließt, halbwegs neutral über die russische Außenpolitik zu berichten, müssen die russischen Diplomaten leider draußen bleiben. Ist der vorlaute Kubicki damit in einem hinter den Kulissen tobenden FDP-Machtkampf endgültig angezählt? Möglich. Aber bei aus dem Hauptstrom abgezapften Quellen sollte immer eine ordentliche Portion Hysterie einkalkuliert werden. Schließlich erfüllen die medialen Torwächter ja eine Doppelfunktion. Dass ihnen die Verantwortung obliegt, die geistig gesunden Bürger um jeden Preis aus dem politischen Diskurs rauszuhalten, ist bekannt. Umgekehrt müssen sie jedoch, ähnlich den Wächtern an der Berliner Mauer, jeden potentiellen Ausflug langsam altersunabhängig werdender Politiker in die Realität verhindern. Bestes Beispiel war die Berichterstattung über die jüngste AfD-Reise nach Syrien. Warum ausgerechnet Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht diese Mechanismen scheinbar so schwer begreift, wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Aber zu Kubicki und Russland: Möglicherweise darf der Kieler Jurist seine Legislaturperiode im Falle der obligatorischen Distanzierung von seinen Verlautbarungen durchaus noch zu Ende führen. Allerdings war es eben wichtig, den potentiellen Fahnenflüchtling rasch zurück ins Glied zu treiben. Offenbar nähert sich die emotionale Wirkung des mystischen osteuropäischen Landes im polit-medialen Diskurs immer weiter den dieselbefördernden, klima- und anders mordenden deutschen Autobahnen an.

Antwort auf Trump-Zölle – Mehr Militär, auch mehr Freihandel?

Berlin/Washington. Der amerikanische Präsident beschwerte sich in den letzten Wochen zu Recht über die enorm hohen EU-Zölle. Und reagierte mit dem Erlass eigener Zölle, auf die denkbar törichteste Weise (wir berichteten). Wirtschaftsminister Peter Altmaier durfte deshalb unter dem Vorwand, in dem Konflikt zu vermitteln, nach Washington reisen. Die Entscheidungskompetenz liegt in dieser Frage jedoch gar nicht bei ihm, sondern, wie bereits vermerkt, bei der EU. Also nutzt er seine Reise, um den Bürgern ein anderes politisches Lieblingsprojekt aufs Auge zu drücken. Die Umverteilung zugunsten der Günstlinge im militärisch-industriellen Komplex. Die Ausgaben für nicht fliegende Flugzeuge, nicht schwimmende Schiffe und nicht vorhandene Wintermäntel sollen zügig auf die von den USA geforderten zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Ein zweiter Punkt, in dem Altmaier den Vereinigten Staaten entgegenkommen will, ist der Import von Flüssiggas nach Europa. Das durch Fracking gewonnene Schiefergas wird tiefgefroren per Schiff transportiert. In Deutschland existiert derzeit jedoch keine logistische Infrastruktur zum Entladen und Weitertransport. Hier soll nun mittelfristig Abhilfe geleistet werden. Die Möglichkeit, amerikanisches Gas nach Deutschland zu importieren, könnte bei vernünftigen Rahmenbedingungen zu mehr Wettbewerb am Energiemarkt führen. Viel wahrscheinlicher ist allerdings die übliche Subventions- und Vetternwirtschaft, die auf die ein oder andere Weise auf jeden Fall steigende Preise für den Endverbraucher zu gewährleisten weiß. Andererseits könnte diese Politik auch langfristig die Spannungen mit Russland verschärfen. Neben den fehlenden Wintermänteln ist zur Zeit vor allem der Energiehandel Putins wichtigste Lebensversicherung gegen eine potentielle europäisch-amerikanische Militäraggression. Die potentielle Wirkung eines einseitigen Transfers der aktuellen Abhängigkeit von russischem auf amerikanisches Gas bei drastisch steigenden Militärausgaben darf jeder selbst beurteilen.

Kommunalwahlen in den Niederlanden – Mainstream befürchtet „Holländische Heilung“

Niederlande. Die gute Nachricht zum Schluss. Aus der Volkswirtschaft stammt der Begriff „Holländische Krankheit“. In den 1960er Jahren wurden in der Nordsee Erdölvorkommen entdeckt. In der Folge sank die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in den Niederlanden jedoch ab, da sich zu viele Akteure auf die Verheißungen des schnellen Rohstoffreichtums verließen. Insbesondere die Politik schaffte es, die neugewonnenen Gelder durch Sozialleistungen noch schneller zu verbrennen, als sie gefördert wurden. Darauf basierten die Studien, dass der Menschheit sehr bald das Öl ausgehe. Scherz beiseite, der vermeintliche Reichtum erwies sich schnell als süßes Gift. Aufgrund damals noch funktionierender Marktmechanismen blieb den Niederländern nichts anderes übrig, als mit schmerzhaften Reformen gegenzusteuern. Korruption, Vetternwirtschaft und andere Begleiterscheinungen großer Rohstoff-Funde gelten seitdem in der Volkswirtschaft als „Holländische Krankheit“. Aber wo Krankheit ist, kann nun mal auch Heilung entstehen. Als Mitglied der Euro-Zone werden die Niederlande aktuell nicht mehr mit dem süßen Gift billiger Rohstoffe, sondern der gesteigerten Stufe von billigem Geld überschwemmt. Obwohl heute nur Kommunalwahlen anstehen, wird der durchschnittliche Medienkonsument bereits auf einen massiven „Rechtsruck“ vorbereitet. In Rotterdam läuft es sogar auf ein Duell zwei großer Rechtsalternativen hinaus: der bekannten PVV um Geert Wilders und der lokal dominierenden Leefbaar des 2002 von einem radikalen Tierschützer ermordeten Pim Fortuyn. Auf Basis der medialen Prognosen scheint es so, als würde das Pendel der Zeit womöglich auch in den Niederlanden ein Stück Richtung Vernunft zurückschwenken. Morgen wissen wir Genaueres.

Zusammenstellung: Jean Modert


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Alternative Nachrichten

Mehr von Redaktion eigentümlich frei

Über Redaktion eigentümlich frei

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige