20. März 2018

Alternative Presseschau (Radio)Afrin. Buchmesse. Feuilleton.

Der Angriff ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht

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Bildquelle: shutterstock Zwischen Aleppo und der türkischen Grenze kämpfen Kurden mit Islamisten: Wo liegt überhaupt dieses Afrin?

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Afrin: Untergang und Rebellion

Imad Karim betrauert die Niederlage Afrins. Am Wochenende sei das syrische Gebiet von Erdoğans Truppen überrannt worden, die gerade ein Massaker verüben. Ein Genozid könnte folgen, so Karim pessimistisch auf „Jouwatch“. Die Stadt sei eine der wenigen liberalen Rückzugspunkte gewesen, an denen man sich vor dem Islam schützen konnte. Die Einnahme der Stadt durch eine Allianz aus islamischen Milizen und türkischen Truppen sei eine Schande auf der Stirn Deutschlands und der gesamten freien Welt. Auch der Westen werde unter dem „Verrat an der Freiheit“ bald selbst leiden müssen.

Laut dem ehemaligen zweiten Vorsitzenden der Partei der Demokratischen Union (PYD) beginne nach der Besatzung der Widerstand und der Guerillakrieg gegen die türkischen Streitkräfte. Am Sonntag und am Montag plünderten türkische Milizen bereits private Wohnungen, so Kevin Hoffmann in der „Jungen Welt“. Selbst im Mainstream sorgte die Eroberung Afrins für Empörung. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn ordnet die Annexion als „zusätzliche Tragödie auf syrischem Territorium“ ein. Dass es sich bei Afrin um syrisches und nicht um kurdisches Hoheitsgebiet handelt und ein Angriff dementsprechend einen Verstoß gegen das Völkerrecht darstellt, erwähnt weder die „Junge Welt“ noch Imad Karim mit einem einzigen Wort.

Auch in der sozialistischen „Unsere Zeit“ geht man davon aus, dass Afrin erst der Anfang ist. Die Türkei wolle den Krieg, mit deutscher Unterstützung, auf den gesamten Norden Syriens und den Irak ausweiten. Autor Rüdiger Göbel kritisiert zudem die Angriffe auf türkische Einrichtungen in Deutschland. Egal wer dafür verantwortlich sei, ob Kurden oder islamische „Agents Provocateurs“, am Ende würden nur Erdoğan und seine Kriegspropagandisten zu Opfern stilisiert und friedliche Antikriegsproteste diskreditiert, schließt Göbel auf „Unsere Zeit“.

Buchmesse: Belebende Diskurse

Nach der Leipziger Buchmesse rattern die Schreibmaschinen. Was ist passiert? Auf „Compact Online“ fasst man trocken zusammen: „Auch Mainstreamer und postnationale Untertanen müssen zugeben: Alternative Medien wie ‚Compact‘ bringen wieder Leben in die todlangweiligen Buchmessen.“ Insbesondere die „Huffington Post“ drosch wieder auf die Rechten ein, zähneknirschend musste allerdings der „Tagesspiegel“ den „großen Andrang“ bei „Compact“ beschreiben. Die Mainstreampresse verleumdete, ließ fast ausschließlich die Gegner zu Wort kommen und unterstellte „Sezession“ und „Compact“ sogar einen geplanten Regimesturz. „Compact Online“ betont, dass sich die beiden rechten Verlage allerdings in den meisten Punkten ziemlich uneins seien.

Für Ellen Kositza machte die Leipziger Buchmesse trotz aller Widrigkeiten „große Freude“. Kositza fasst die Pressestimmen zusammen, räumt mit Gerüchten des Hauptstroms auf und wundert sich, dass das Lautstärkemaximum von 70 Dezibel nicht für linke „Spontandemonstrationen“ gelte. Dazu verlinkt die „Sezession“ einige Berichte und Mitschnitte über den Trubel in Leipzig.

David Berger sieht auf „Philosophia Perennis“ die „diskursfeindlichen, linken Medien“ in der Verantwortung. Die Ausschreitungen und Tumulte beruhten darauf, dass sie den Verlust ihrer politischen Deutungshoheit nicht ertragen könnten, so Berger. Die Einheitsfront von linken Altparteien und Medien sei für die Demokratie gefährlicher als jedes Buch.

Die Christen hatten auf der Buchmesse zwar weniger Trubel, dafür aber ebenfalls Erfolg. Es bestehe noch immer großes Interesse an der Bibel. Besonders gefragt, so betont das evangelische Portal „idea“, sei Literatur über christliche Spiritualität. Vor allem im Bereich der Religionspädagogik gab es einen grundlegenden Wandel, so ein Medienvertreter der katholischen Kirche. Eine christliche Vorbildung finde im Elternhaus nur noch selten statt – die Buchautoren reagierten. Auch unter dem verstärkten Druck des Online-Buchhandels müssen christliche Buchläden, auch über die Bücher hinaus, besondere Angebote machen, so „idea“.

Feuilleton: Sozialdemokratische Aristokratin und fortschrittsfeindliche Langköpfe

In der „Blauen Narzisse“ wundert sich Felix Menzel, warum Hannah Arendts „Die Freiheit, frei zu sein“ wie „geschnitten Brot weggeht“. Das Lob der Medien sei für die kleine Sensation verantwortlich. Dahinter stehe ein Motiv: „Vielmehr scheint der Essay ein anderes Bedürfnis der etablierten Gegenwartsintellektuellen zu befriedigen. Er gibt ihnen die Möglichkeit, aus der unbequemen Denkerin Hannah Arendt eine nette Sozialdemokratin zu machen“, so schätzt Menzel den Erfolg des 50 Jahre alten Textes ein. In Arendts Text herrsche zudem das gefährliche Missverständnis vor, dass Wohlstand automatisch Freiheit hervorbringe. Dieses Axiom stehe zu anderen Texten Arendts in deutlichem Widerspruch, so Menzel in der „Blauen Narzisse“.

„Novo“ klagt das fortschrittsfeindliche Klima in Deutschland an. Es sei anzunehmen, dass jede „hinreichend fortgeschrittene Gesellschaft“ weiterem Fortschritt mit Abneigung begegne, so Autor Peter Heller. Für Heller ist die Zeit des Fortschritts in Deutschland längst vorbei: „Nein, seit hundert Jahren hat dieses Land nichts wirklich Neues mehr hervorgebracht.“ Man habe vergessen, was Innovationen sind und woher sie kommen. Die künstliche Stimulierung der Wissenschaft mit Fördergeldern, um Innovationen auszulösen, sei der falsche Weg. Erfindungen entstünden nicht an der Hochschule, sondern in der praktischen Anwendung, betont Heller auf „Novo“.

Auf „Tichys Einblick“ kritisiert man den „Spiegel“, der anhand archäologischer Funde historisch beweisen will, dass Bayern früher multikulturell war. Forscher fanden heraus, dass unter den germanischen Bajuwaren eine Anzahl von Frauen mit einem „Turmschädel“, einem durch Abbindung überhöhten Schädel, gelebt habe. Der „Spiegel“ interpretiert gewagt: „Vor 1.500 Jahren lebten Bayern mit Frauen aus Südeuropa zusammen – Hinweise auf Fremdenfeindlichkeit fanden Forscher nicht.“ Autor Alexander Wallasch legt den Fund anders aus: Nach einigen Generationen starb der qualvolle Brauch aus Vorderasien aus. Dies sei ein gelungenes Beispiel für Integration und Assimilation.

„Jouwatch“: „Imad Karim: ‚Afrin ist gefallen!‘“

„Junge Welt“: „Türkei lässt plündern“

„Unsere Zeit“: „Afrin reicht Erdogan noch lange nicht“

„Compact Online“: „Regimestürze und Hirnfürze – Die Mainstreampresse über COMPACT auf der Leipziger Buchmesse“

„Sezession“: „Buchmesse Leipzig: Lumpen, Lügen, Lücken“

„Philosophia Perennis“: „Krawalle auf Leipziger Buchmesse: ‚Bücherverbrennungen nur noch eine Frage der Zeit‘“

„idea“: „Großes Interesse an der Bibel“

„Blaue Narzisse“: „Hannah Arendt als Sozialdemokratin?“

„Novo“: „Jede Innovation ist disruptiv“

„Tichys Einblick“: „Schädelvermessungen sollen beweisen: Bayern ist historisch multikulti“

Zusammenstellung: Florian Müller


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