16. März 2018

Alternative Nachrichten am Abend Kätzchen. Eskalationsspirale. Anschläge. Populisten.

Was uns am Abend des 16. März bewegt

von Redaktion eigentümlich frei

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Bildquelle: shutterstock Linke und rechte Populisten gehen auf Schnupperkurs: Römische Koalitionsarena eröffnet Frühlingssaison

Bayrisches Kätzchen übt sich in Wulffsgeheul – Mutti ruft zur Ordnung

Berlin/München. „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Da hat sich Christian Wulff doch mal ein echtes Denkmal in der politischen Mottenkiste der BRD gesetzt. Obwohl ihn Trump in puncto medialer Hetze gegenüber einer Einzelperson mittlerweile trotz globalen Umweges dreimal überrundet hat, wird er hierfür unvergessen bleiben. Alle Jahre wieder können einfallslose Politiker diesen Satz als Spielball von und für die Kinder wieder hervorkramen. Aktuellstes Beispiel ist der neue Heimatminister, Heißluft Horst Drehhofer, der für Mutti immer wieder artig den rechten Bösewicht spielt, den sie dann ganz empört zur Ordnung ruft. Kaum in der Bundespolitik angekommen, mussten die großen Brüder ihr Spielzeug dann auch an Muttis Lieblingsbengel Horsti weiterreichen. Pünktlich am Morgen macht er den Aufschlag. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Am Nachmittag, als die ersten Wähler dann fürs Wochenende etwas früher Feierabend machten, warf Mutti den Ball zurück. Der Islam gehöre doch zu Deutschland, plusterte sie sich scheinheilig vor dem nach maßgeschneidertem Drehbuch agierenden Lausebengel auf. Beide wissen ja, wie es gemeint ist. Die Liste von Politkaspern, die dieses Stöckchen in den vergangenen Jahren je nach Wetterlage in die eine oder andere Richtung warfen, ist endlos. So oder so brachten die medialen Hündchen es jedoch immer brav in die Mitte zurück zu Mutti. Und ein paar gaffende Wähler dackelten wohlberechnet aus beiden Richtungen hinterher. Mit dem Ergebnis, dass sich Deutschland mit einer knappen Mehrheit an vier weiteren Jahren Groko ergötzen darf.

Wulff gehörte ja zu den ganz wenigen Darstellern des Berliner Polittheaters, die selbst mehrere Kinder hatten. Ein einzelner, aber sicherlich ein anspruchsvoller Restbezug zur realen Lebenswelt. Möglicherweise haben die Herausforderungen der Kindererziehung ja auch sein Gespür für die Mechanismen des ausgewachsenen Kindergartens massiv geschärft. Über den Nachwuchs der Familie Wulff ist abseits des Bobby-Car-Diebstahls zum Glück nie was an die Öffentlichkeit geraten. Es wäre müßig, über Papis präzise Erfahrungen zu sinnieren. Zweifellos werden sie ihm beim Umgang mit den verzogenen narzisstischen Wohlstandsgören an seinem früheren Arbeitsplatz aber sehr zupass gekommen sein. Und wie es sich gehört, wurde der ausnahmsweise qualifizierte Erzieher auch prompt vom medialen Elternrat abgesägt.

Russland weist britische Diplomaten aus – „Eskalationsspirale“ läuft

London/Moskau. Der russische Präsidentschaftswahlkampf läuft in Großbritannien auf Hochtouren. Sogar ohne dass Putin, ähnlich wie bei Olympia und der seinerseits äußerst diskret gehandhabten Unterstützung, überhaupt um Schützenhilfe gebeten hätte (wir berichteten). Möglicherweise hat Premierministerin Theresa May auch nur verstanden, dass es aktuell für beide eine Win-win-Situation darstellen würde. Denn ähnlich wie in Deutschland schlägt das gesellschaftliche Pendel nach der Verhaftung Martin Sellners gerade mächtig Richtung vernünftiger Ansätze aus. Selbst jenseits des Atlantiks schlug das Vorgehen bei Fox News hohe Wellen. Prompt beschloss May diese Woche, ein Drittel der russischen Diplomaten des Landes zu verweisen. Russland reagierte so besonnen, wie das Gewohnheitsrecht des internationalen Politzirkus es zulässt, und will in gleichem Umfang britische Diplomaten ausweisen. Bis 2012 markierte dieses Vorgehen im internationalen Politikspiel gewohnheitsmäßig die erklärte Vorstufe zum baldigen Krieg. Schließlich rissen in der Vergangenheit dadurch alle Gesprächskanäle ab, und verfeindete Politiker sandten sich bestenfalls noch versteckte Signale über Fernsehkameras, so Roosevelt und Hitler als prominentes Beispiel.

Im Koreakonflikt gilt hingegen der umgekehrte Weg mit dem geplanten Treffen von Trump und Kim Jong-un, das als massives Zeichen der Entspannung gewertet wird. Ein normales Gespräch führen, anstatt Atombomben zu werfen? Klingt absurd, aber hey, willkommen in der Politik. Falls jetzt jemand unruhig auf dem Stuhl hin und her wippen sollte, keine Sorge. Nicht umsonst wurde bereits die Einschränkung auf 2012 vorgenommen. Botschaften sind einflusstechnisch längst überflüssige Relikte aus lange vergangenen Zeiten. Sie wären sehr leicht durch moderne Kommunikationstechnik zu ersetzen. Zu der Zeit als etwa Bismarck noch auf dem Gesandtenstuhl in St. Petersburg saß und das Telegramm gerade erfunden war, konnten Botschaften tatsächlich in die Situation geraten, bei hoher Spannung schnell eigenständig entscheiden zu müssen. Spätestens im Kalten Krieg wurden sie mit dem roten Telefon für die Beziehungen zwischen den Großmächten aber zu Anachronismen. Gelegentlich wurden die verstaubten Drehbücher aber noch für aufmüpfige Diktatoren aus der zweiten Reihe hervorgekramt. 2012 brachen orchestriert alle westlichen Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zu Syrien ab. Im September 2013 sollte dann wegen traditioneller Giftgasattacken der Krieg folgen, aber der Wähler und die US-Generäle, auch der jetzige Verteidigungsminister James Mattis, zogen ausnahmsweise nicht mit. Botschaften sind heute vor allem Pöstchenvervielfältiger. Sie eignen sich wunderbar, um verdiente Parteisoldaten mit einem schicken Wohnsitz in ausländischen Großstädten zu belohnen. Wie absurd der Zweck dieser Institutionen mittlerweile ist, erkennt man wohl am besten daran, dass alle 28 Mitgliedsstaaten eine Botschaft bei der Europäischen Union in Brüssel unterhalten. Es ist einfach Wochenende. Der Pöbel verlangt nach Brot und Spielen. Was dem Michel sein Wulffsgeheul (siehe oben), ist dem Tommy aktuell sein Iwanbashing. Für einen Vertreter der politischen Spezies äußerst ungewöhnlich, verkündete der russische Außenminister Sergei Lawrow dann auch, nicht mehr auf die Kommentare aus London zu reagieren. In anderen Worten, sich fürs Stöckchenspringen im Kindergarten krankschreiben zu lassen. Mal schauen, wie lange er das durchhält.

Kurdische Anschläge – Islamrat fordert härteres Vorgehen gegen Rechtspopulisten

Deutschland. Letztes Wochenende kam es zu mehreren Anschlägen auf türkische Moscheen und sonstige Einrichtungen. Rasch hatten die üblichen Verdächtigen den rechten Phantomtäter wieder identifiziert. Bis Montag hatte er sich dann vom Biodeutschen in kurdische Gruppierungen verwandelt, und man zog sich klammheimlich zurück (wir berichteten). Es ist Freitag, und der Michel hat wieder eine harte Steuerwoche hinter sich gebracht. Zusätzlich hat das Bundeskriminalamt eine Studie über weitere potentielle Ausschreitungen im kurdisch-türkischen Stellvertreterkrieg angefertigt. Dank der erheblich gewachsenen freien Medienszene kann man die rechten Phantome bei den Hohepriestern des Hauptstroms noch nicht allzu leichtfertig von der Leine lassen. In Großlettern warnt das Bundeskriminalamt in der medialen Berichterstattung deshalb erst einmal allgemein vor Übergriffen auf Moscheen. Vorsichtig werden Ross und Reiter der Vergangenheit trotzdem beim Namen genannt. Natürlich nicht ohne irgendeinem Vertreter allgemeiner islamischer Verbände, zu denen ja auch die Kurden zählen, nicht doch noch ein Statement abzuringen, dass rechte Übergriffe doch das eigentliche Problem darstellen. Zwei völlig betrunkene Libertäre stellten einmal die These auf, dass der Staat sich aus einem endlosen Sammelbecken für innere wie intellektuelle Konfliktverweigerungen bildet. Der eigentümlich freie „Minority Report“ fürs Wochenende geht darauf basierend davon aus, dass die Phantome im Fall tatsächlich stattfindender Ausschreitungen bis Sonntagabend prominent auf dem Teleprompter vertreten sein werden. Am Montagmorgen, wenn der Michel wieder brav hinter seinem Steuerschreibtisch verschwunden ist, werden sie sich dann völlig überraschend in kurdische Extremisten zurückverwandeln.

Links-rechts-Achse statt Ballspiel? – Italienische Populisten gehen auf Schnupperkurs

Rom. Die weder gute noch schlechte, aber unterhaltsame Nachricht zum Schluss. Bekanntlich ist Italien, was den Austausch der alten Schlachtrösser an den Fleischtöpfen anbelangt, parteipolitisch ein Stück weiter als die BRD. Wie schon vor fünf Jahren, machten sich bei den Wahlen vor einigen Wochen zwei Clowns auf, die vom Duce und dem Führer mühsam aufgebaute deutsch-italienische Freundschaft zu zerstören (wir berichteten). 2013 konnten sich nach langem Hin und Her die Beharrungskräfte des Establishments dann noch einmal durchsetzen. Mit Wahlergebnissen für die „andere“ Groko weit unter 40 Prozent dieses Mal leider undenkbar. Also überlässt man das Feld erst mal wohl oder übel den Populisten und sieht zu, wie sie sich mit der Annäherung über die Ränder durch die Mitte außen rum abmühen. Deshalb gehen die Wahlsieger der neosozialistischen Fünf-Sterne-Bewegung und die auf nationaler Ebene überraschenden Neuaufsteiger von der rechten Lega jetzt auch vorsichtig aufeinander zu. Vor der eigentlichen Regierungsbildung, bei der sich die Populisten streng an den Maßstäben deutscher Effizienz orientieren wollen, steht am 23. März erst mal die konstituierende Sitzung des Parlaments an. Die größte Streitfrage, die traditionell daraus hervorgeht, ist die Ernennung eines allgemein akzeptierten Hauspräsidenten. Da Italien trotz vieler undurchsichtiger Versuche zu seiner Abschaffung nach aktuellem Stand der Dinge immer noch über ein Zweikammernsystem verfügt, bahnt sich hier ein erster Kompromiss an. Die fünf Sterne bekommen die große, die Lega die nachgeordnete Kammer. Somit wäre bei der ersten wichtigen Pöstchenverteilung also eine informelle Koalition geschlossen. In bezug auf das Amt des Ministerpräsidenten sieht sich im Moment jedoch noch keiner von beiden Spitzenkandidaten in der Lage, von seinem Anspruch abzurücken. Sollten sich beide nicht einig werden, wäre die weitere Entwicklung bis auf den Unterhaltungsfaktor komplett unberechenbar. Sollten sie doch zueinander finden, dürften immerhin noch einige unterhaltsame Monate bevorstehen, bevor dann bei beiden Parteien die obligatorische politische Verhausschweinung eintritt.

Zusammenstellung: Jean Modert


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