08. Januar 2018

Skandal um „Halbneger“-Tweets Noah, du kleiner Rassist!

Kein „weißes“ Phänomen

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Bildquelle: shutterstock Kommt überall vor: Rassismus

Momentan wird mal wieder eine neue AfD-Sau durch die deutsche Medienlandschaft gejagt. Hauptdarsteller in dieser Rassismus-Soap sind der 23-jährige Noah Becker, hauptberuflich Sohn von Tennislegende Boris Becker, und der AfD-Abgeordnete Jens Maier.

Die ganze Geschichte beginnt mit einem Interview der Zeitschrift „Emotion“, in dem Noah Becker ein paar erhellende Ansichten zum angeblichen Rassismus in Deutschland preisgibt. Infolgedessen postet ein erboster Jens Maier einen Tweet, in dem er Noah Becker als „Halbneger“ bezeichnet. Die Wortwahl ist zugegebenermaßen etwas fragwürdig, und man fragt sich, wieso Maier nicht imstande ist, die Folgen eines solchen Postings adäquat einzuschätzen. Falls er bewusst provozieren wollte, wundert man sich, warum er den Post nach einigen Protesten ganz schnell wieder zurückzog. Im Endeffekt liefert der Abgeordnete der skandalisierungssüchtigen deutschen Journaille einen vorhersehbaren Aufreger, der der sich im Aufwind befindenden Partei eher schaden als nutzen wird. Da bringt es auch wenig, wenn Maier im Nachhinein seine Mitarbeiter für die Postings verantwortlich macht.

Es lohnt sich allerdings, die vorausgegangenen Aussagen von Noah Becker, die den AfD-Mann schließlich zu seinen Äußerungen verleitet haben, einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn wie im Krieg gilt auch bei verbalen Attacken, dass man sich stets verdeutlichen sollte, welche Handlungen einer Attacke vorausgegangen waren. Heute spricht schließlich auch keiner mehr davon, dass England und Frankreich Deutschland im Zweiten Weltkrieg den Krieg erklärt haben und nicht andersherum.

In dem Interview erklärt Noah, dass der Rassismus und die „Gewaltbereitschaft der Hassenden“ ihm richtig wehtun. Auf die Frage, ob er selbst schon einmal Rassismus in Berlin erfahren habe, antwortet er schließlich wie folgt:„Ja, auch ich bin wegen meiner braunen Hautfarbe attackiert worden. Im Vergleich zu London oder Paris ist Berlin eine weiße Stadt. Grüßt mich heute ein anderer schwarzer Mann, verhalte ich mich nach diesen diversen negativen Erlebnissen viel solidarischer mit meinen Brüdern. Wer eine dunklere Hautfarbe hat, müsste stolz sein auf den Weg, den wir gegangen sind. Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken oder von Rassisten kleinmachen zu lassen.“

Auf erfahrenen Rassismus (wie auch immer der wohl konkret ausgesehen haben mag) antwortet Noah also mit eigenem Rassismus. Anhand der Hautfarbe entscheidet er, zu wem er sich besonders solidarisch verhält und wen er als „Bruder“ bezeichnet. Warum sollen sich denn Weiße nicht auch solidarischer untereinander verhalten, wenn Dunkelhäutige es anscheinend genauso machen? Und wer jetzt einwirft, dass Noahs Verhalten nur eine Reaktion auf erfahrenen Rassismus ist, dem sei gesagt, dass dieser Rassismus vielleicht auch nur eine Reaktion auf erfahrenen Rassismus ist. Immer mehr einheimische Deutsche haben mittlerweile rassistische, antideutsche Erfahrungen machen müssen. Ob auf dem Fußballplatz, in der Schule oder am Bahnhof – auch manchen Deutschen platzt nach rassistischen Beleidigungen, Pöbeleien und tätlichen Übergriffen irgendwann der Kragen. Dass integrierte Deutsche mit Migrationshintergrund schließlich darunter leiden, ist natürlich schade, aber durch eigenen Rassismus macht es Noah Becker bestimmt nicht besser.

Vielleicht sollte er sich mal anschauen, welches die größte rassistische Vereinigung in Deutschland ist. Die NPD? Weit gefehlt! Die größte rassistische Vereinigung in Deutschland sind heute die „Grauen Wölfe“, eine nationalistische türkische Organisation mit knapp 20.000 eingetragenen Mitgliedern und noch weitaus mehr Anhängern. Zahlen, von denen die NPD mit ihren knapp 4.000 Mitgliedern nur träumen kann.

Außerdem würde mich mal interessieren, warum selbst die meisten erfolgreichen Ausländer „weiße“ Stadtviertel den „bunten“ vorziehen? Würde Noah Becker nachts mit seiner Freundin lieber durch das weiße Grunewald oder das braune Neukölln streifen? Fragen über Fragen… Aber um Noahs eigenen Rassismus noch einmal deutlich zu machen, hilft es vielleicht auch, seinen Ausgangspost ein klitzekleines bisschen zu verändern. „Ja, auch ich bin wegen meiner weißen Hautfarbe attackiert worden. Im Vergleich zu Tallinn oder Paris ist Berlin eine braune Stadt. Grüßt mich heute ein anderer weißer Mann, verhalte ich mich nach diesen diversen negativen Erlebnissen viel solidarischer mit meinen Brüdern. Wer eine weiße Hautfarbe hat, müsste stolz sein auf den Weg, den wir gegangen sind. Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken oder von Rassisten kleinmachen zu lassen.“

Den Rassismus-Vogel schießt allerdings der afrodeutsche „Welt“-Redakteur Martin Niewendick ab, der uns weißen Bio-Deutschen in seinem Kommentar zum „Becker-Eklat“ droht: „Aber Maier und seine Gesinnungsgenossen werden sich damit abfinden müssen, dass wir (‚die Mischlinge‘) nicht nur viele sind. Wir werden auch immer mehr, was bedeutet, dass die Jens Maiers (hier: Synonym für die ‚Weißen‘) dieser Welt immer weniger werden. Und das ist eine gute Nachricht.“

Und die Moral von der Geschicht‘: Rassismus ist sicher kein „weißes“ Phänomen, sondern betrifft die Menschen „über Grenzen, Nationen, Hautfarben und Religionen hinweg“, um es mit den Worten Noah Beckers zu sagen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Krautzone“.


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