26. September 2017

AfD-Wahlabendsplitter Zwischen Uruks und Mahuts

Mehr als nur ein phantastischer mythologischer Metaphernsalat

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Bildquelle: © Robin Krahl, CC-by-sa 4.0. Quelle: Wikimedia Commons Jörg Meuthen: Hobbit oder Uruk?

Wahlabendsplitter. Ankunft zur 18-Uhr-Runde im Wahlstudio der ARD. Jörg Meuthen ist als erster da und nimmt auf dem meterlangen Sofa im Akklimatisierungs- und Warmmachbereich vor dem Sendestudio Platz. Später treffen Kauder, Oppermann, Kubicki, Dietmar Bartsch und Anton Hofreiter ein. Man kennt sich, grüßt sich, plaudert miteinander, aus den Augenwinkeln den Uruk auf dem Sofa musternd und eine Distanz von exakt vierzehneinhalb Fuß haltend. Die erste Hochrechnung flimmert über den Bildschirm. Freude kommt auf, speziell bei denen auf dem Sofa. Ein Schmerzensanflug huscht über Hofreiters erzenes Antlitz und trübt, ungefähr fünf Flügelschläge eines längst ausgerotteten Schmetterlings lang, sein sieghaftes Auge. Oppermann, der den von Schulz exakt in dieser Sekunde geänderten Schlachtruf „Die Zukunft braucht eine neue Opposition!“ noch nicht kennen kann, bleibt daneben dennoch vergleichsweise unbeeindruckt, Kauder sowieso, denn der verfügt nur über eine Miene. Frau Miosga bittet vor die Kameras, Oppermann geht voran, bedeutet Meuthen mit einer durchaus charmanten Geste, sich einzureihen, und gibt ihm die Hand, Bartsch und Kubicki tun es ihm nach. Mit sichtlichem Widerwillen (er kann doch zwei Gesichter!) fügt sich auch Kauder ins Unvermeidliche, Hofreiter hat Glück oder lässt sich absichtlich so weit zurückfallen, dass er den Unreinen nicht nach hier einstweilen noch geltenden, jedoch bald täglich neu auszuhandelnden Konditionen begrüßen muss.

Bei den beiden großkoalitionären Wahlverlierern herrscht derweil eitel Freude, als die Spitzenkandidaten aufs Podium treten und verkünden, ihre jeweiligen Wahlziele erreicht zu haben: die Sonnenkanzlerin mit der Frohbotschaft, dank des schlechtesten Ergebnisses aller CDU-Zeiten und massiver Stimmverluste stärkste Partei geblieben zu sein, der Herausforderer mit der noch mehr bejubelten Offenbarung, man werde die Koalition beenden und endlich in die Opposition wechseln. Allein diese beiden TV-Sequenzen, also insgesamt circa 20 Sekunden Einblick ins demokratische Hochamt unmittelbar nach der Ausschüttung des heiligen Resultates, könnten genügen, um in das homerische Gelächter über die skurrilen Riten der Sterblichen einzustimmen und so schnell nicht damit aufzuhören.

Vor dem Club, in dem die AfD ihre Wahlparty veranstaltet, sammeln sich die ersten sogenannten Gegendemonstranten. Als wir zum zweiten Mal zum ARD-Hauptstadtstudio, zur sogenannten Elefantenrunde, fahren, wälzt sich bereits auf der anderen Straßenseite der vorwiegend schwarze Lindwurm in Gegenrichtung auf die AfD-Party zu. „Ganz! – Berlin! – hasst die AfD!“ skandieren die Marschierer.

Die Mahuts versammeln sich, während die Elefanten irgendwo an einem geheimnisvollen Ort im öffentlich-rechtlichen Labyrinth die besagte Runde bilden, in einem Raum mit Sitzgruppe, Mittelgroßbildschirm, Fingerfood und Getränken, um von hier den Dickhäutern beim pluralistischen Happening zu hospitieren. Der Fahrer ist mit ins Wartezimmer gekommen, bedient sich bei den Häppchen, spricht die hiermit geflügelten Worte: „Das ist das Beste, was ich jemals für meine Gebühren bekommen habe“ und trollt sich, seinen Wagen zu bewachen. Im Vorzimmer wird Katja Kipping für die Sendung geschminkt; mannhaft unterdrücke ich das indiskrete Verlangen, ein Händi-Foto von ihr zu machen. Ohnehin kommt Herr Minister Herrmann von der CSU herein und nimmt auf dem anderen Schminkstuhl Platz (Merkel und Schulz haben offenbar separate Boudoirs; vielleicht teilt sich die Kanzlerin auch eins mit Christian beziehungsweise lässt ihn schon mal zuschauen). Herrmann ist der einzige, den ich begrüße, weil: Mia san mia. Während sich im TV die Runde ins Eckige bewegt, kümmert sich im Zuschauerraum einzig das AfD-Detachement um den Ruf der deutschen Winzer. Wie schön Frau Kipping immer von „Geflüchteten“ spricht! Wie lange mag solch eine Dressur dauern? – Jemand sagt: „Die Eine-Million-Euro-Frage bei Jauch: Nennen Sie vier aktuelle FDP-Politiker!“ – Mit ermüdlicher Beharrlichkeit werfen die Etablierten-Vertreter Jörg Meuthen die angeblichen und tatsächlichen rassistischen Entgleisungen von AfD-Mitgliedern vor. Es handelt sich dabei übrigens stets um Worte, während die Rechtsbrüche der Kanzlerin konkrete Taten sind, die konkrete Opfer und konkrete materielle Schäden produziert haben. Zu den konkreten Angriffen auf Mitarbeiter und Personal der AfD kommen wir gleich. Einige der geschäftig in den Gängen umhereilenden öffentlich-rechtlichen Angestellten heben im unbeobachteten Moment den Daumen, als sie Meuthen hinausgehen sehen. Offenbar hasst doch nicht ganz Berlin die AfD.

Mit der Rückkehr zur Wahlparty beginnt der unerfreuliche Teil des Abends. Der Lindwurm ist eingetroffen, das Haus ist von aggressiven Beststudenten und anderen Hochbegabten eingeschlossen. Forsch bahnt der Fahrer, ein ehemaliger Soldat, dem Auto einen Weg durch die unwillig Platz machenden und Hassparolen ausstoßenden Racker. Hinter deren Belagerungsring bildet die Polizei einen zweiten, sonst hätten die lustigen Linksfaschisten längst den Club gestürmt und die umliegenden Krankenhäuser auf künftige Zeiten eingestimmt. Die Freude, endlich drin zu sein, wird getrübt von der Frage, wie man wieder herauskommt. Tatsächlich wird der Chef einer von sechs Millionen Wählern ins Parlament geschickten Partei am Abend nicht zu einem lange geplanten Interview ins SWR-Sendestudio vom Alexanderplatz in die Tiergartenstraße fahren können, weil die Berliner Polizei nicht garantieren mag, dass er dabei unverletzt bleibt. Die Beamten selber können nichts dafür, ihnen ist kein anderes Mittel gestattet, die Opposition vor den Bodentruppen der Etablierten zu schützen, als ihren Körper dazwischenzustellen. Er sei stolz darauf, diese Veranstaltung zu schützen, sagt einer von ihnen.

Als die Lebensgefährtin von Meuthen mit ihrer siebenjährigen Tochter, eskortiert von Security und Polizei, zum benachbarten Hotel läuft, werden sie von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis beschimpft und attackiert. Das Kind ist danach völlig verstört. Später bricht Meuthen selbst auf, ebenfalls von einem uniformierten Kordon geschützt, und der Mob rastet völlig aus. Pfiffe, Schreie, besessene, wutverzerrte Gesichter – ein Goya-Capriccio anno 2017. Die Kobolde rennen neben dem Oppositionstrüppchen her, brüllen „Nazis raus!“, „Haut ab!“, „AfD – Rassistenpack!“ und ähnliche Urworte orphisch; einige versuchen, in den Kordon zu drängen. Man sieht staunend und betroffen: Manche dieser Bakchen würden den AfD-Vorsitzenden gern zerreißen, ihn auf dem Altar ihres perversen Antifaschismus, der längst dem Original zum Verwechseln ähnlich sieht, dem Götzen der Diversity, Vielfalt, Buntheit und Menschenfreundlichkeit zum Opfer bringen. Der Kampf gegen die vermeintlichen Nazis bringt lauter neue echte hervor. Ich laufe ein paar Meter hinter dem kleinen Pulk und rechne jeden Moment damit, von der Seite angesprungen zu werden, doch die gesamte Aggressivität der Meute konzentriert sich auf Meuthen, ungefähr wie Boxer während des Kampfes den Ringrichter nicht wahrnehmen. Vor dem Hotel flutschen zwei brüllende Furien von höchstens 20 Jahren durch die Security und kreischen ihr „Wir kriegen euch!“ auf einem Hysterielevel, das Drogengebrauch vermuten lässt. Als Meuthens Begleiter die eine auf Polnisch anspricht, ist die kurz völlig irritiert und blafft schließlich, er möge gefälligst deutsch zu ihr sprechen. Endlich schließt sich die Hoteltür hinter uns, und das beste Deutschland, das es jemals gab, bleibt draußen. An der Hotelbar klingt der Abend beschaulich aus. Eigentlich schade, dass den Schulz, Tauber, Stegner, Roth, Schwesig, Gabriel eine solche Erfahrung mit den Früchten ihrer Saat verwehrt bleibt.

Am Rande: Wieviel Courage erfordert es, sich gegen die AfD zu „bekennen“? Null. Welche Gefahr droht bei einer Demo gegen „rechts“? Keine. Was aber gewinnt man? Ein gutes Gewissen, „zivilgesellschaftliche“ Anerkennung, Aufstieg auf der Tugendskala, „Sinn“, Lob vom Parteisekretär, gegebenenfalls Kohle von Frau Schwesig, gegebenenfalls Sündenablass, in jedem Fall Herdenbehagen. Es ist pures Wellness.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.

Mehr – und das noch audiovisuell – vom unnachahmlichen Michael Klonovsky in diesem Video


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