12. September 2017

Anstoß zum eigenständigen Denken Individualisten gesucht

Mit Carlin, Chodorov und Mencken aus der platonischen Höhle der Politik

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Bildquelle: Jesus_is_coming.._Look_Busy_(George_Carlin).jpg: Bonnie from Kendall Park, NJ, USA (CC BY-SA 2.0)/Wikimedia Commons Glaubte der Regierung kein Wort: George Carlin (1937-2008)

Lassen Sie mich direkt vorab klarstellen: Ich verfolge den aktuellen Bundestagswahlkampf nicht. Das hat zum einen damit zu tun, dass ich mir die Themen, mit denen ich mich befasse und die mich bewegen, ungern vorgeben lasse, zum anderen halte ich es mit dem kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila, der einmal so schön und treffend feststellte: „Aktualität ist der Gipfel des Unbedeutenden.“

Vereinzelt dringen die in den Leitmedien diskutierten Themen aber doch zu mir durch. Ein Beispiel dafür ist der sich in der vergangenen Woche zugetragene Eklat um Alice Weidel, die anscheinend eine Wahlsendung des ZDF verließ, weil sie den Eindruck hatte, dass die Moderatorin Partei für ihre Kontrahenten ergriff. Ob sie mit diesem Vorwurf nun im Recht war oder nicht – wie bizarr ist es, dass Nachrichten von einer derartigen Inhaltsleere und Irrelevanz Millionen von Menschen in unserem Land beschäftigen? Fälle wie dieser liefern gute Beispiele dafür, welchen Einfluss die Leitmedien auf die Wahrnehmung ihrer Zuschauer haben: Sie engen das Sichtfeld der Menschen ein, machen stets aus einer Mücke einen Elefanten und bieten emotionale Manipulation anstatt wertvoller Information. Sie sind kein Werkzeug der Aufklärung, sondern helfen dabei, den Fernseher zu einer gedanklichen Vereinheitlichungsbox zu machen. Daher sollten Sie, wenn Sie die Welt um sich herum etwas besser verstehen wollen, nicht den Sender wechseln, sondern den Aus-Schalter drücken.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, haben Sie dies wahrscheinlich schon getan und bringen darüber hinaus ein Interesse an freiheitlichen Sichtweisen und Argumenten mit. In meinem vor gut vier Wochen veröffentlichten Artikel „Wie kommt man eigentlich dazu, eigentümlich frei zu lesen?“ habe ich bereits den Versuch unternommen, diese leicht verständlich zusammenzufassen und dem Leser Literatur an die Hand zu geben, mit der auch er (oder sie) aus der mentalen Zwangsjacke der staatlichen Erziehung ausbrechen kann. Im Bereich der Ökonomie empfahl ich die Lektüre von Henry Hazlitt, bezüglich des Geldsystems das Buch „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“ von Andreas Marquart und Philipp Bagus und mit Blick auf den Liberalismus den gleichnamigen Klassiker von Ludwig von Mises aus dem Jahr 1927.

„Ist das alles wirklich so relevant?“, mögen Sie sich an dieser Stelle denken. Ja, das ist es. Wenn Sie sich die Zeit nehmen und eines der genannten Bücher lesen, dann werden Sie sehr schnell merken, wie sehr Ihr altes Weltbild ins Rutschen gerät. Das Problem, das ich persönlich hatte, bevor ich auf diese Dinge aufmerksam geworden bin, war schlicht, dass ich es mir einfach nicht vorstellen konnte, dass mir das intellektuelle Rüstzeug, das es braucht, um unsere Welt zu verstehen, gänzlich vorenthalten wurde. Ich konnte es mir nicht vorstellen, dass sämtliche politischen Diskussionen aus meiner Schulzeit im Nachhinein nicht eine Sekunde beinhalteten, die wirklich von Wert war. Ich konnte es mir nicht vorstellen, belogen worden zu sein.

„Belogen“ – das ist ein hartes Wort, ein Wort, das impliziert, dass bewusst getäuscht wurde. Natürlich unterstelle ich das keinem Lehrer, keinem Professor und (in der Regel) auch keinem Journalisten. Ich verwende dieses Wort, weil die besseren Argumente die Strukturen des Staates delegitimieren würden und es deshalb in seinem Interesse ist, uns weiter im Dunkeln tappen zu lassen. Es ist eine systemische Lüge. Derartige Einsichten waren es vermutlich auch, die den amerikanischen Stand-up-Comedian George Carlin einmal zu der Aussage veranlassten: „Ich habe gewisse Regeln, nach denen ich lebe. Regel Nummer eins: Ich glaube nichts, was die Regierung mir erzählt. Nichts. Null.“

Wenn man nun beginnt, einiges von dem, das einem „von oben“ heruntergereicht wurde, zu hinterfragen und seine eigenen Recherchen anzustellen, stellt sich automatisch eine Veränderung in der eigenen Weltsicht ein. Man beginnt, Argumente kritischer zu analysieren, und lässt sich nicht länger durch Ad-hominem-Angriffe (denken Sie nur an das Wort „Rechtspopulist“) oder sonstige rhetorische Tricks manipulieren. Gewissermaßen ähnelt es dem Prozess, den Carl Gustav Jung als „Individuation“ bezeichnet hat. Man schert aus der Masse aus und verlässt sich bei der Beurteilung der Realität nicht länger auf Hörensagen, sondern die eigenen Sinne und den eigenen Verstand. Man versammelt sich nicht mehr hinter Schlachtrufen, Parolen und Flaggen, sondern folgt der inneren Stimme und dem besseren Argument.

Als eigentümlich frei vor knapp 20 Jahren an den Start ging, geschah dies in den Worten seiner Gründer, „um dieses Land zu verändern. Nicht weniger.“ Zwischen dem Status quo und jener Veränderung befindet sich jedoch ein Zwischenschritt, der vielleicht nicht oft und klar genug betont wird. Man muss diejenigen Menschen, die zum Ausscheren aus der Masse fähig sind, ausfindig machen und ihnen die Augen für das öffnen, was sie sind. Der amerikanische Publizist Frank Chodorov schrieb diesbezüglich: „Der Zweck der Lehre des Individualismus besteht also nicht darin, Individualisten zu formen, sondern sie zu finden. Besser: ihnen zu helfen, sich selbst zu finden.“

Ein anderer Vertreter der amerikanischen „Old Right“, Henry Louis Mencken, meinte einmal, dass es Individualisten seien, die den Dingen auf den Grund gingen, ohne dabei auf die vorherrschenden Aberglauben und Tabus zu schauen. Dieses Verhalten sei es, so Mencken, das sie zu der Schlussfolgerung führe, dass die Regierung, unter der sie leben, unehrlich, wahnsinnig und nicht hinnehmbar ist.

Das ist die These, die Libertäre zur Diskussion stellen. Sofern Sie sich an dieser beteiligen wollen, sind die im Text bereits genannten Bücher sicher etwas für Sie.

„Wie kommt man eigentlich dazu, eigentümlich frei zu lesen?“


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