17. August 2017

Libertäre Einsichten Wie kommt man eigentlich dazu, eigentümlich frei zu lesen?

... und die dazugehörige Literatur, die Ihr Weltbild verändern wird

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Bildquelle: shutterstock Stabil: Österreichische Goldkrone

Ich frage mich gelegentlich, wie eigentümlich frei so aus der Ferne wirken mag. Wie es wohl von jemandem wahrgenommen wird, der durch Zufall auf die Seite stößt oder nur ein geringes Interesse an den Themen hat, über die hier geschrieben wird. Unter „Warum ef?“wird suggeriert, man unterzeichne mit einem Abonnement seine Unabhängigkeitserklärung von der Sozialdemokratie. Sozialdemokratie – ist das nicht etwas Positives? Man liest weiter und stößt auf die Warnung vor dem „totalitären Sozialismus“. Man sieht sich Aufzählungen gegenüber, in denen Politiker und Bürokraten an die Seite von Sadisten und Masochisten gestellt werden. Man vernimmt sehr radikale, staatskritische Töne, trifft, wenn man sich durch die Liste der Autoren klickt, aber ausschließlich auf recht nett dreinblickende Gesichter. Was haben diese Anzugträger denn mit Anarchismus zu tun? Was zur Hölle ist hier los?

Begriffsklärung

Was bedeutet überhaupt „libertär“? Das ist ja schließlich der Oberbegriff, den sich eigentümlich frei zu geben scheint. Ich hätte Ihnen an dieser Stelle wirklich gerne einen geläufigeren Begriff vorgelegt, nur wurde das Wort „liberal“ in den letzten 150 Jahren seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Freiheit vor dem Zwang, vor der Fremdbestimmung durch andere – das ist, was es zuvor meinte, und der Wert, von dem die Leser und Autoren dieser Zeitschrift auch heute nicht bereit sind abzuweichen. Mit dem Begriff „libertär“ soll dieser Gedanke wieder ein Zuhause finden.

Libertäre und die Demokratie

Sammeln sich bei eigentümlich frei also Feinde der Demokratie? Das kommt ganz darauf an, was Sie mit dem Begriff verbinden. Die meisten Menschen in Deutschland stehen einer demokratischen Staatsform sicher positiv gegenüber. Sie vergleichen sie mit den Herrschaftssystemen der Monarchie und Aristokratie und betrachten die Demokratie als Fortschritt, weil in ihr nicht länger Adelshäuser oder Könige regieren, sondern das Volk.

Libertäre würden an dieser Stelle darauf hinweisen, dass dies nur stimmt, wenn das Maß der Fremdbestimmung durch den Übergang zur Demokratie tatsächlich abnimmt. Was nützt es dem Individuum, wenn es bei einer Wahl, an der potentiell Millionen von Menschen teilnehmen, nur eine einzige Stimme hat? Ist es in einem solchen System wirklich selbstbestimmter?

Libertäre befürworten es daher, derartige Entscheidungsfindungen zu dezentralisieren, sodass dem Einzelnen ein möglichst hohes Mitspracherecht zukommt. Der Ökonom Ludwig von Mises schrieb diesbezüglich: „Das Selbstbestimmungsrecht, von dem wir sprechen, ist jedoch nicht das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, sondern Selbstbestimmungsrecht der Bewohner eines jeden Gebietes, das groß genug ist, einen selbständigen Verwaltungsbezirk zu bilden. Wenn es irgend möglich wäre, jedem einzelnen Menschen dieses Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, so müsste es geschehen.“

Die drei libertären Lager

Sie sehen anhand des Zitats, dass man das Ideal der individuellen Selbstbestimmung nicht hochhalten kann, ohne gleichzeitig radikal zu sein. Darüber, wie weit man hierbei gehen kann, herrscht auch unter den Libertären Uneinigkeit. Das erste Lager der klassischen Liberalen hätte gerne, dass der Staat nichts weiter täte als die Gerichte, die Polizei und die Armee zu bezahlen und ein Mindestmaß an Infrastruktur und Bildung zur Verfügung zu stellen. Die Minimalstaatler, die das zweite Lager bilden, würden es gerne bei den ersten drei Aufgaben belassen. Und das dritte Lager der Anarchisten würde es befürworten, wenn man auch die Bereiche der Rechtsprechung und der Sicherheit fortan durch freiwillige Kooperation löste.

Marktwirtschaft

Zu Beginn des Textes ist bereits angeklungen, dass es durchaus schon einmal eine liberale Ära gab. Das Buch, das Ihnen vielleicht wie kein zweites einen Einblick in jene zu geben vermag, ist Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“. Darin beschreibt er beispielsweise, wie er nach Amerika reist, in New York an Land geht und sich fragt, wie es wohl für all jene Europäer sein muss, die nicht wieder zurückkehren werden, sondern sich dort eine Zukunft werden aufbauen müssen. Trotz rudimentärer Englischkenntnisse beginnt er sich auf die Suche nach Arbeit zu machen, und als der Tag sich seinem Ende zuneigt, hat er bereits drei Jobs gefunden.

Wenn man heute in Deutschland mit derartigen Strukturen sympathisiert, muss man sich schnell den Vorwurf der sozialen Kälte gefallen lassen. Aber ich frage Sie: Wenn Sie den soeben beschriebenen Arbeitsmarkt mit unserem heutigen vergleichen, welcher ist dann der unsoziale? Der, der selbst den unqualifiziertesten Arbeitern eine Vielzahl von Chancen eröffnet, oder der, der die Leitersprossen der sozialen Mobilität absägt und diese Leute aufs Abstellgleis stellt?

Sofern man die mentale Zwangsjacke der staatlichen Erziehung noch nicht abgelegt hat, mag man an dieser Stelle anmerken, dass eine solche Laissez-faire-Politik doch sicher zur Verarmung der unteren Schichten führen würde, zu unsäglichen Arbeitsbedingungen und einer nicht planbaren Zukunft für die Arbeiter. Und auch das ist falsch.

Dieses Missverständnis hat zwei Gründe. Zum einen werden uns in der Schule Bücher wie die von Henry Hazlitt vorenthalten. Dessen Ausführungen zum Thema der Ökonomie, die zum Beispiel in „Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft“ zu finden sind, sind so klar, so intuitiv, dass sie jeder Mittelstufeschüler ohne Probleme würde verstehen können.

Der andere Grund ist, dass uns das ungedeckte Papiergeldsystem nicht erklärt wird. Viele Libertäre würden argumentieren, dass genau dieses die Wurzel vieler unserer heutigen gesellschaftlichen Probleme darstellt. Betrachtet man nun die Ungleichheit bezüglich Einkommen und Vermögen, die Macht der Finanzindustrie, die Boom-Bust-Zyklen, die sogenannten „Finanzkrisen“ oder Themen wie die Altersarmut – sie sind allesamt untrennbar mit unserem Fiat-Geldsystem verbunden.

Um Ihnen zu zeigen, dass es sich auch ohne staatliches Falschgeld ganz gut lebt, kehren wir zurück zu Stefan Zweig, der im ersten Kapitel seines Buches schreibt: „Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: Es war das goldene Zeitalter der Sicherheit.“ – „Unsere Währung, die Österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit.“ – „Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran.“

Besonders achten sollten Sie auf den zweiten Satz. Stefan Zweig war kein Ökonom, und doch kommt er auf diesen Seiten immer wieder zurück auf die Stabilität des Geldes. Nun kann man sich dies heute kaum noch vorstellen, aber in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war es tatsächlich so, dass das Preisniveau stabil war. Der damalige Goldstandard setzte dem Geldmengenwachstum enge Grenzen, was in der Kombination mit Effizienzgewinnen in der Industrie und einer höheren Produktion zu gleichbleibenden oder gar leicht fallenden Preisen führte. In einer solchen Welt reichen selbst kleine Gehaltszuwächse, um Jahr für Jahr ein wenig wohlhabender zu werden.

Das Geldsystem und die Österreichische Schule der Nationalökonomie

Geldmengenwachstum. Effizienzgewinne. Goldstandard. Viele Menschen beginnen mit den Augen zu rollen, sobald diese Begriffe fallen. Sie fragen sich, ob sie sich nun auch noch damit auseinandersetzen müssen. Gibt es denn dafür nicht die Ökonomen?

Genau da liegt das Problem. Damit Sie ein Gefühl dafür bekommen, wie groß unsere Probleme in diesem Bereich sind, machen Sie sich bitte folgendes klar: Das Studienfach der Volkswirtschaftslehre basiert gewissermaßen darauf, dass es einen Bogen um all die Dinge macht, über die die Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie reden. Wenn Sie jemandem, der einen Bachelor-Abschluss in VWL hat, erklären, dass Banken bei ihrer Kreditvergabe Geld aus dem Nichts erschaffen, ernten Sie mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit einen Blick des Entsetzens. Das wird dort schlicht nicht angesprochen. Im Master-Studium oder dem Doktorprogramm mögen Namen wie Mises oder Hayek vielleicht fallen, aber an diesem Punkt sind die Studenten bereits so in die Hauptstromlehre investiert, dass sie sich davor hüten werden, den hohen Grad der Mathematisierung ihres Fachs zu hinterfragen (denn genau das tut die Österreichische Schule). Die, die es dennoch tun, bezahlen oft mit dem Preis, Deutschland verlassen und im Ausland lehren zu müssen (Jörg Guido Hülsmann in Angers in Frankreich, Philipp Bagus in Madrid).

Dasselbe gilt im übrigen für die Ausbildung im Bankwesen. Wenn Sie dieser Bereich interessiert, würde ich Sie auf einen Text aus der Feder von Mathias Steinmann verweisen, der in eigentümlich frei 174 unter dem Titel „Warum ‚Banker‘ das Bankensystem nicht verstehen“ erschienen ist. Einen allgemeinen, leicht verständlichen Einstieg in das Thema des Geldsystems bietet das Buch „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“ von Philipp Bagus und Andreas Marquart.

Präferenzen sind nicht gleich Politik

Sie merken hoffentlich, dass die libertäre Position eine sehr freiheitliche und individualistische ist. Sie geht davon aus, dass Menschen in vielerlei Hinsicht unterschiedlich sind, und maßt sich nicht an, diese natürliche Vielfalt durch staatliche Einfalt zu ersetzen. Sie sieht es vor, dass Menschen sich im weitesten Sinne selbst regieren und jeder Mensch nach seiner Façon selig werden kann. Natürlich impliziert dies auch, dass man im Gegenzug damit zurechtkommen muss, dass andere Menschen andere Werte haben und sich dementsprechend nach anderen Lebensentwürfen ausrichten werden. Diesbezüglich schrieb Ludwig von Mises in seinem Buch „Liberalismus“: „Ein freier Mensch muss es ertragen können, dass seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und er muss es sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen.“

In unserer hochgradig politisierten Zeit ist dies vielleicht der wichtigste Punkt. Wenn die Kräfte von links und rechts aufeinander prallen, geht es in der Gemengelage schon einmal unter, dass die Grundursache des Konflikts oftmals der Staat ist. Denn ohne eine allmächtige Zentralregierung müsste man keine nationalen Mehrheiten organisieren, um gemäß den eigenen Vorstellungen leben zu können. Man müsste keine Angst vor Menschen mit anderen Ansichten und Wertvorstellungen haben, weil man im gegenseitigen Einverständnis leben würde, dass man diese einander nicht aufzwingt. Man wäre in der Lage, die Dinge vor Ort in die Hand zu nehmen – ganz unbürokratisch und unpolitisch.

Das ist es, was hinter dem Begriff „libertär“ steckt und worüber bei eigentümlich frei des öfteren geschrieben wird. Wenn Sie sich von derartigen Gedanken angesprochen fühlen, dann ist die nachfolgende Literatur sicher etwas für Sie.

Stefan Zweig: „Die Welt von Gestern“

Henry Hazlitt: „Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft“

Philipp Bagus, Andreas Marquart: „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“

Ludwig von Mises: „Liberalismus“

Murray Rothbard: „Die Anatomie des Staates“


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