15. August 2017

Story der EZB über Negativzinsen Frohe Kunde aus Frankfurt

Wie erhalte ich den Wert dessen, was ich mir erarbeite?

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Bildquelle: miqu77 / Shutterstock.com Mario Draghi: Retter vor dem Kollaps?

Dass Unternehmen seit jeher Geschichten erzählen, Metaphern und Märchen in Wort und Bild packen – sei es zur internen Kommunikation oder jener mit dem Kunden, sei es zur Vermarktung ihrer Produkte –, weiß jeder. Dass diese Methode heute als „Storytelling“ bezeichnet und als Story der Stunde gefeiert wird, ändert an der Sache nichts. Was dem freien und risikotragenden Unternehmer von Gläubigen jeder Art Staatsreligion allerdings gerne und ungeachtet der Tatsache, dass Kunden nie Opfer, sondern Entscheidungs- und Verantwortungsträger sind, als Verführung angekreidet wird, sieht im Fall der Medien ganz anders aus. Weitgehend und mehrheitlich wird ignoriert oder in Kauf genommen, dass hier, anstatt trocken, klar und hart über die Wirklichkeit zu berichten, einer übergeordneten und alternativlosen Wahrheit zugedient wird. Storytelling als Existenzlegitimation. Deutung statt Daten, Fake statt Fakten, Emotion statt Information.

Seit geraumer Zeit gilt das auch für die Europäische Zentralbank (EZB). Indes – ihre neueste Story sucht ihresgleichen. Sie geht dermaßen unter die Haut und ist von einer Erbaulichkeit und Froheit, die nur eine Reaktion zulässt: Dokument ausdrucken und überall im Haus verteilen. Die Rede ist vom Wirtschaftsbericht 05/2017. In Unterkapitel 3 der Rubrik „Kästen“ befassen sich die Frankfurter Währungshüter (ja – Sie dürfen lachen) mit dem Thema Null- und Negativzinsen. Fazit und vom Mainstream groß aufgemachtes Happy End: „Mit Blick auf das Euro-Währungsgebiet insgesamt haben sich die niedrigeren Zinssätze positiv auf das Nettozinseinkommen ausgewirkt.“ Die Zinsfalle ist ein Märchen. Sorge dich nicht. Lies die Schlagzeile und glaube. Alles andere ist falsch, Lüge, Fake. Auch der Negativertrag auf deinem Sparkonto. Oder anders gesagt: Wenn einem Zinsertrag von 1,50 Euro Spesen, Gebühren und Steuern von 25 Euro gegenüberstehen, dann ist das „insgesamt positiv“.

Das Problem: Die Schlagzeile vermag nicht einmal richtig zu täuschen, wie die EZB indirekt auch selber einräumt. In der Folge wird die Jubelaussage nämlich gleich wieder relativiert wenn da steht: Es „wird ersichtlich, dass sich die niedrigeren Zinsen – mit Blick auf das Euro-Gebiet insgesamt – positiv auf das Nettozinseinkommen der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften und des Staates, aber negativ auf das der finanziellen Kapitalgesellschaften auswirkten. Bei den privaten Haushalten (allen voran den deutschen, Anmerkung des Verfassers) war der Effekt weitgehend neutral.“ Im Klartext: Zuallererst profitieren von der Zinspolitik der EZB in unerbittlichem Opportunismus die Politiker und all jene, die von ihnen beschenkt werden. Selbstverständlich auf Kosten der nächsten Generationen. So sieht‘s aus. Und: Wer sich verschuldet, profitiert. Alle anderen sind selber schuld.

Analyst Michael Stappel von der DZ Bank kommt zu einem anderen Ergebnis. Nach detaillierter Prüfung der Bank stehen der Zinsersparnis von 144,7 Milliarden Euro in Deutschland Zinseinbußen auf den Geldvermögen privater Haushalte in Höhe von rund 344 Milliarden gegenüber. Neutral sieht anders aus.

Das Dilemma, in das man bei solch widersprüchlichen Informationen gestürzt wird: Kommunizieren tun sowohl EZB als auch Banken. Aber wer informiert noch und wer wirbt schon? Beide beides? Keiner nichts von beidem? Tatsache ist: Der beinahe täglich beschworene wirtschaftliche Boom im Euro-Raum und die stündlich nach oben korrigierten Wachstumsprognosen internationaler Organisationen verlieren ihre Kraft, sobald man feststellt, dass, was wirklich stetig und zuverlässig wächst, die Staatsschulden sind. Für den Euro-Raum sind dies aktuell 9.696,067 Milliarden (Eurostat). Vor diesem Hintergrund müssen die Zinsen niedrig bleiben, und die Staaten haben via EZB jedes Interesse, die Stimmung der Mehrheit dafür im positiven Bereich zu halten.

Aber die USA schaffen es doch auch? Allwöchentlich wird die gute Nachricht der Fed-Straffungspolitik nicht nur angekündigt, sondern quasi hochamtmäßig abgefeiert und wie ein Leuchtfeuer von Pressekonferenz zu Pressekonferenz, von Interview zu Interview getragen. Letzte Station bei John Williams, dem Leiter der Fed San Francisco (zur Zeit bezeichnenderweise im für die Zinsentscheidung zuständigen Offenmarktausschuss der Fed nicht stimmberechtigt). Botschaft auch hier: Ab September weiter in Richtung Zins- und Bilanznormalität.

Ja – fast scheint es, als ob die Amis es schaffen könnten. Ein weiterer Zinsschritt 2017 ist möglich. Aber all das, inklusive Börsengeschehen, ist Vordergrund. Im Dunkel der bunten Kulissen sieht die Situation anders aus. Die Summe der Studentenkredite hat sich seit dem dritten Quartal 2008, als Lehman Brothers pleite ging, bis heute mehr als verdoppelt. Sie ist von rund einer Billion Dollar bis zum ersten Quartal dieses Jahres auf 2,2 Billionen Dollar gestiegen. Die Geschwindigkeit dieses Anstiegs entspricht ziemlich exakt der Zunahme bei den Immobiliendarlehen vor der Finanzkrise. Bei den Autodarlehen hat sich das Volumen seit einem Tiefstand im Jahr 2010 fast verdoppelt. Es stieg von 668 Milliarden Dollar bis Ende vergangenen Jahres auf 1.112 Milliarden Dollar. Wie bei den Kreditkarten (Anzahl notleidender Kredite teilweise wieder über fünf Prozent) wurden wieder zunehmend Darlehen an finanzschwächere Personen vergeben. Zinsnormalisierung? Machen Sie Witze?

Natürlich gibt es verschiedene Szenarien, und es besteht die Möglichkeit, dass in Übersee weiter an der Zinsschraube gedreht wird im nicht kommunizierten Versuch, die vollkommen überdehnten Finanzmärkte, die früher oder später reißen werden, „kontrolliert“ und als sogenannte Krise sich bereinigen zu lassen und mit gleicher Klappe auch gleich die Schuldigen zu präsentieren und die längst geplante personelle Neuausrichtung zu rechtfertigen.

Man hat wenig Chancen, hier als 08/15-Medienkonsument über etwas zu verfügen, das die Bezeichnung „Durchblick“ verdient – auch nicht mit Brille, Lupe und in Großschrift. Man hat genau zwei Varianten. Die erste ist jene des Glaubens an Artikel, wie tagesspiegel.de ihn diese Woche publizierte. Da weiß man dann: „Mario Draghi bewahrte Europa vor einem wirtschaftlichen Kollaps.“ – „Die Zentralbanken sind selbst Teil des Staates und dieser daher immer zahlungsfähig.“ – „Draghi lag richtig.“ – „Ohne ihn wäre der deutsche Wirtschaftserfolg längst Geschichte.“ – „Zinsgewinn war seit eh und je nur eine Illusion.“ –„Die früher schneller laufende Geldentwertung war leichter zu verbergen.“ – „Die Inflationsrate von nur 1,3 Prozent signalisiert, dass die Wirtschaft in der Euro-Zone zu langsam läuft.“ – „Weil es nicht genügend Nachfrage nach Kapital gibt, gibt es auch keine rentablen Sparformen.“ – „Bürgerenteignung thematisieren, bedeutet Bürger in die Irre führen.“ So.

Die zweite Variante ist jene, sich drei Fragen zu stellen: Wer braucht welche Zinsen? Und wer hat die Macht, darüber zu entscheiden? Und vor allem: Wie schütze und erhalte ich den Wert dessen, was ich mir erarbeite? Die Summe, um die es dabei geht, ist nicht entscheidend. Bereits eine einzelne kleine Münze Gold wird möglicherweise irgendwann und wie schon oft am Ende großangelegter Beraubungs-Übungen durch Staaten über Sein oder Nicht-Sein entscheiden. Das ist die echte Story!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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