03. Juli 2017

Finanzkrise Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Verdächtige Äußerung der Fed-Chefin

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Bildquelle: DonkeyHotey (CC BY 2.0)/flickr Janet Yellen bei der Arbeit: Keine Finanzkrise mehr zu Lebzeiten?

Seit 2007 tobt eine weltumspannende Schulden-, Finanz- und Wirtschaftskrise, die mit dem Untergang der Investmentbank Lehman Brothers im September des Jahres 2008 einen dramatischen Höhepunkt erlebte. Immerhin haben es die Zentralbanken, allen Unkenrufen zum Trotz, bis heute geschafft, den zeitweise dräuenden Totalcrash des Finanzsystems zu verhindern, wiewohl um den gewaltigen Preis einer Staatsverschuldungsorgie, wie die Welt sie zuvor noch nicht gesehen hat.

Eine Schuldenkrise beenden zu wollen, indem man in einem schuldgeldbasierten System die Geldmenge aufbläst und dadurch die Schuldensumme noch weiter nach oben treibt, ist allerdings ein eitles Unterfangen, das den Keim des nächsten Debakels schon in sich trägt. Die Frage ist daher nicht ob, sondern wann es zum Systemkollaps kommt, der zugleich den Zeitpunkt eines Neubeginns markieren wird.

Der deutsche Ökonom Thorsten Polleit, seines Zeichens Chefvolkswirt des Goldhandelshauses Degussa und Honorarprofessor an der Universität Bayreuth, analysiert in einem kürzlich via Twitter verbreiteten Beitrag die Lage. Eingangs gesteht Polleit zu, dass es gegenwärtig zu einer weltweiten Beruhigung der Lage kommt, um zugleich festzustellen, dass dies „nicht auf natürlichem Wege“ erreicht wurde. Als Ursache dieser nur scheinbaren Erholung identifiziert er die von den Notenbanken betriebene Doppelstrategie aus Nullzinspolitik und Geldmengenausweitung. Das zunehmende Vertrauen der Marktakteure in die Entschlossenheit der Geldeliten, keinesfalls eine Wiederholung eines „Falles Lehman“ zuzulassen und „whatever it takes“ („was immer notwendig ist“, EZB-Chef Mario Draghi) zu unternehmen, um sowohl den maroden Euro zu stützen als auch notfalls weitere gewaltige Anleihenankaufsprogramme aufzulegen, um Großfirmenpleiten zu verhindern, tun ein übriges, um die Zuversicht von Unternehmern und Investoren zu stärken.

Die apostrophierte Doppelstrategie der Notenbanken, die den Schuldnern zu Lasten der Sparer Luft verschafft, hat allerdings ihren Preis. Den erkennt mittlerweile jedermann beim Einkaufen – und zwar nicht nur dann, wenn es um den Erwerb von Immobilien oder Aktien geht. Die allgemeine Teuerung kommt immer stärker in Fahrt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert sogar unverblümt dazu auf, Deutschland und anderen vergleichsweise gut aufgestellten Volkswirtschaften eine höhere Inflation zuzumuten, um auf diese Weise die Sorgenkinder der Union, namentlich die wirtschaftlich schwer angeschlagenen und stark verschuldeten Riesen Italien und Frankreich, mittelfristig wieder wettbewerbsfähig zu machen.

Polleit: „Unternehmensgewinne, Arbeitsplätze und Haushaltslage der Staaten sind in hohem Maße davon abhängig, dass die Zinsen niedrig bleiben und die Kredit- und Geldmengen weiter anschwellen. Sie alle sind voll und ganz der Dauerschuldnerei verfallen.“ Das bedeutet, dass mit einer „Normalisierung“ der Zinspolitik und einer schrittweisen Anhebung des Zinsniveaus durch die EZB vorerst nicht gerechnet werden kann – ungeachtet der Tatsache, dass in den USA bereits eine Zinswende eingeleitet wird.

Die mit einer Zinsanhebung verbundenen Leiden wären von den Regierenden, die sich dann mit Serienpleiten und explodierender Arbeitslosigkeit, ja sogar mit Staatsbankrotten konfrontiert sähen, nur sehr schwer zu verkraften. Jedenfalls dann, wenn sie weiterhin an den Schalthebeln der Macht und den staatlichen Futtertrögen zu verbleiben gedenken.

Polleit kommt zu folgendem Schluss: „Das Fiat-Geldsystem ist eine böse Sache, bei der ein Schrecken ohne Ende vermutlich doch wahrscheinlicher ist als ein Ende mit Schrecken.“

Indessen drückte die Chefin der amerikanischen Fed, Janet Yellen, anlässlich eines Aufenthalts in London ihre Überzeugung aus, dass es „zu keiner weiteren Finanzkrise zu unseren Lebzeiten“ (sic!) kommen werde. Das klingt verdächtig nach den Einlassungen des US-Ökonomen Irving Fisher, der 1929 gerade einmal eine Woche vor dem „Schwarzen Freitag“ von einem „dauerhaften Hoch der Aktienkurse“ schwadroniert hatte. Vor diesem Hintergrund sollte der ungeheure Optimismus Yellens ein wenig zu denken geben. Der lässt nämlich gewisse Zweifel an Polleits Prognose vom Schrecken ohne Endeaufkommen …


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