12. Juni 2017

Wolf hört mit Heiko wird verrissen

Des Justizministers Buch bei Amazon und die Gegenmaßnahmen

Artikelbild
Bildquelle: JouWatch (CC BY-SA 2.0)/flickr Sorgt für „Begeisterung“ bei Amazon: Heiko Maas

Die wichtigste Webseite dieser Tage ist die Produktseite des Buches von Heiko Maas bei Amazon. Seit dem Tag seines Erscheinens am 23. Mai haben sich 112 Kundenrezensionen gesammelt mit einem Notendurchschnitt von einem Stern. Das muss man erst mal schaffen. Das Beste dabei ist: Unter den Kritiken findet sich ausschließlich Wohlformuliertes. Die Kunden bringen ihre Meinung über diesen bigotten Minister, der „auf dem linken Auge blind ist“, so zivilisiert zum Ausdruck, dass allein die Form der Texte das staatlicherseits verbreitete Hetzklischee widerlegt, die neue gesellschaftliche Opposition versammele nur „die Abgehängten“. Sprich: die dümmlichen Loser. Eine besondere Freude ist es, in dem Reigen der brillanten Verrisse die wenigen Besprechungen zu lesen, die fünf Sterne vergeben haben. Es handelt sich bei diesen ausschließlich um satirische Lobeshymnen. Jede einzelne davon wäre einen bezahlten Beitrag auf dieser Seite hier wert. Die beste von ihnen – von satten 2.009 Kunden als „hilfreich“ bewertet – trägt den Titel: „Heiko Maas ist Liebe. Heiko Maas ist Leben.“ Eine Erzählung, wie sie auf dieser SeiteFlorian Müller schreiben würde. Humorvoll surreal, spitzfindig, böse. Die am höchsten bewertete Ein-Sterne-Wertung bringt die Ungeheuerlichkeiten dieses Justizministers weniger poetisch, aber präzise auf den Punkt. Maas, so der User marcolino1107, betrachte alle, die nicht seiner Meinung seien, automatisch als „rückwärtsgewandte Populisten, die Ausländer hassen und fremdenfeindlich sind“. Linke Gewalt oder islamistische Hetze „nimmt er nicht als bedrohlich wahr“ und male stattdessen einen neurechten Teufel an die Wand, während Veranstaltungen der AfD in einer Demokratie nur unter Polizeischutz stattfinden könnten. „Für mich ist dieses Verhalten eines Bundesjustizministers etwas befremdlich, denn ich habe noch nie gehört, dass man wegen der Rechten ein Fußballspiel oder ein Rockkonzert abgesagt hätte, auch ist es mir noch nie zu Ohren gekommen, dass sich einer der ‚neuen Rechten‘ irgendwo in die Luft gesprengt hätte.“ Unter dieser Besprechung verweist ein weiterer Nutzer auf den offenen Brief der Ehefrau des rheinland-pfälzischen AfD-Landesvorsitzen Uwe Junge an den SPD-Landtagspräsidenten Hendrik Hering, der auch bereits auf eigentümlich frei publiziert wurde und der ganzen Nation offenlegt, wer hier eigentlich aufgrund seiner Überzeugungen seines Lebens nicht mehr sicher ist.

Dies alles geschieht auf Amazon, einer Seite, deren Kundenrezensionen um ein Vielfaches häufiger gelesen werden als sämtliche Medien der Alternativpresse zusammen. Aus diesem Grunde muss unser Justizminister, Verteidiger der Demokratie, auch ein paar Hebel in Bewegung gesetzt haben, denn seit einigen Tagen ist es nicht mehr möglich, eine Kundenrezension zu Maas‘ Buch zu verfassen – es sei denn, man hat es bei Amazon bestellt und schreibt so mit der Markierung „Verifizierter Kauf“. Diese Einschränkung ist vollkommen unüblich, denn schließlich muss es möglich sein – und ist es auch –, seine Meinung zu einem Produkt auch dann bei Amazon zu äußern, wenn man es im lokalen Handel erworben, geschenkt bekommen oder woanders bestellt hat. Ich habe es heute noch ganz frisch mit einer Plattenkritik zu einem Album getestet, das ich nicht bei Amazon erworben habe, und es funktionierte wie erwartet problemlos. Nur die Majestätsbeleidigung des Justizministers ist fortan nur noch möglich, wenn man die 20 Euro für sein Manifest gezielt an Amazon überwiesen hat. Da ich dies nicht tun werde und mir als Medienmensch natürlich ein Presseexemplar vorliegt, beglücke ich nun also das Publikum dieser Seite mit der Besprechung, die ich bei Amazon gepostet hätte, wäre dies aufgrund der dicken Extrawurst des Zensurministers noch ohne „verifizierten Kauf“ möglich. Sie geht so:

Ein viel zu toleranter Minister

Was Heiko Maas in diesem Standardwerk als Programm gegen den Niedergang von Demokratie und Sicherheit in Deutschland durch die rechte Gefahr vorstellt, ist ein Anfang, geht aber natürlich nicht weit genug. Was ist zum Beispiel mit Xavier Naidoo? Die Söhne Mannheims dürfen weiterhin auftreten, sie füllen die Hallen, sie entern die Charts. Hier wären entschlossene Anrufe des Ministers bei den Konzertveranstaltern fällig; sollten Konzerte trotz der ministerlichen Intervention stattfinden, wären Demonstrationen und Blockaden obligatorisch, zu denen der Minister leider noch nicht offen aufrufen kann, deren Teilnehmern er allerdings im Vorfeld Rechtssicherheit signalisieren könnte. Was ist mit der Bundeswehr? Das Abhängen von Helmut-Schmidt-Wehrmachts-Porträts und das Verbot der sogenannten „volkstümlichen“ Lieder unter den Soldaten ist reine Symbolpolitik. Wer Maas liest und den Antifaschismus wirklich verstanden hat, dem muss doch klar sein, dass das Soldatenwesen an sich, die Uniform, die Waffengewalt sowie jedwede Form von Hierarchie bereits faschistische Wesenszüge hat, weshalb die Bundeswehr vollständig abzuschaffen wäre. Selbiges gilt selbstverständlich auch für Staatsgrenzen, denn „Nationalismus“ kommt von „Nation“ und ist eine direkte Folge daraus. Ein Minister „gegen rechts“, der zu diesem Schritt nicht bereit ist, bleibt in seiner Mission auf halber Strecke stehen.

Bei der Bekämpfung von Meinungsverbrechen im Internet sollten die von Maas engagierten Institute endlich weiter greifen und die bei der NSA längst übliche „Drei-Sprünge-Überwachung“ auf Löschungen in den sozialen Netzwerken anwenden. Hier wäre ein Schweigeparagraph angemessen. Wenn also etwa jemand mit einer Person, die sich des Meinungsverbrechens schuldig gemacht hat, bei Facebook und Co befreundet ist oder mit einer befreundeten Person dieser Person befreundet ist, selber aber keine Meinungsverbrechen begeht, muss sein Schweigen zu denselben auch für seine Löschung ausschlaggebend sein. Was der Minister in seinem Buch leider vollkommen außer acht lässt, ist das alltägliche Gespräch zwischen Nachbarn, Arbeitskollegen oder innerhalb von Familien. Wie häufig kommen zwischen Gartenzaun, Gastwirtschaft, Schulhofvorplatz oder Kegelbahn offensichtlich gefährliche Meinungen zutage, die sich bloß halbherzig als ganz normale, demokratische Kritik an den Zuständen tarnen? So etwa Angst vor der Sicherheit der Kinder beim Schulausflug in die Großstadt, Zweifel an der Europäischen Union, kleinmütige Konzentration auf vermeintliche Steuerverschwendungen wie den Berliner Flughafen oder verknöchertes Bestehen auf der eigenen, traditionellen Familie (Vater, Mutter, Kind, Hund), das sich als launige Erzählung aus den Ferien tarnt, in Wirklichkeit aber bloß heteronormativen Zwang zementieren möchte. An dieser Stelle steht zu hoffen, dass Heiko Maas sich ein Herz nimmt und nicht bloß im Internet, sondern auch im Alltag der Bevölkerung Strukturen schafft, mit denen eine flächendeckende Achtsamkeit diesbezüglicher Umtriebe garantiert ist.

Heiko Maas: „Aufstehen statt wegducken“ (amazon.de)


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Heiko Maas

Mehr von Selina Wolf

Über Selina Wolf

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige