02. Juni 2017

Reise nach Karelien Das Land der Seen, Sümpfe und der SS-20

Keine Spur von Wohlstandsverwahrlosung

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Vom Massentourismus noch nicht entdeckt: Insel Kischi im Onegasee in Karelien

Es gibt sie noch, die weitgehend unbekannten Teile der Welt. Einer davon ist Karelien. Schon der Landeanflug eröffnet bei wolkenlosem Himmel den Blick auf eine atemberaubende Landschaft: Der herrliche Onegasee, der Alexander Puschkin so beeindruckt haben soll, dass er dem Helden seines berühmten Versepos den Namen „Eugen Onegin“ gab, hat zahllose kleinere Begleiter. Zwischen den Seen liegen ausgedehnte Birkenwälder, die gerade dabei sind, sich frisches Grün zuzulegen. Eine Wohltat für die Augen.

Unser Ziel ist Petrosawodsk, eine Stadt, die von Peter dem Großen gegründet wurde und als erste seinen Namen trug. „Sawod“ ist das russische Wort für Werk, die Stadt war also Teil des Plans, Russland zu industrialisieren. Wegen der reichen Eisenvorkommen der Gegend wurden hier vor allem Waffen hergestellt. Eine wesentliche Rolle wurde dabei den Verbannten zugewiesen, die in diese entlegene Region in Russlands Weiten geschickt wurden. Im letzten Jahrhundert wurden die Solowezki-Inseln das Modell des sowjetischen Lagersystems. Das Lager Solowki war Russlands erstes großes Häftlingslager. Als Alexander Solschenizyn den Begriff „Archipel Gulag“ prägte, dachte er auch an den Archipel Solowki.

Im vergangenen Jahrhundert war der Stadt Petrosawodsk eine wechselvolle Geschichte beschieden. Im Zweiten Weltkrieg war sie vier Jahre lang von den Finnen besetzt. Das war besonders pikant, weil Stalin geplant hatte, Petrosawodsk zur Hauptstadt der Karelo-Finnischen Sowjetrepublik zu machen. Dass sich Finnland im sogenannten Winterkrieg erfolgreich dagegen wehrte, Teil der Sowjetunion zu werden, durchkreuzte diese Absicht. Durch die Nähe zur finnischen Grenze war dieses Gebiet immer stark militärisch genutzt. Hier wurden viele der Waffen stationiert, von denen die Sowjetunion nach Einschätzung ihrer Generalität mehr besaß als die USA und die anderen westlichen Staaten zusammen. Auch etliche der sowjetischen Atomraketen SS-20 waren hier eingebunkert. Die starke Militärpräsenz ist bis heute sichtbar. An den Zivilteil des Flughafens grenzt unmittelbar ein militärischer. Als wir das Flugzeug verlassen, startet gerade ein Kampfjet. Von Flughafen kann kaum die Rede sein. Es ist eine Piste, ein kleines Gebäude, in dem der Check-in stattfindet. Das Gepäck wird direkt vom Flugzeug zum Vorplatz gebracht, wo die Passagiere unter freiem Himmel warten müssen.

Die Autoflotille ist inzwischen auch hier ganz modern, allerdings müssen die Wagen viel aushalten. Die Straßen sind löchrig, teils muss man auf Sandwege ausweichen. Es gibt kaum Verkehrsschilder, gefahren wird wie jeder denkt, dass er am schnellsten vorankommt. Unser Fahrer sieht sehr jung aus, als hätte er seine Fahrerlaubnis schon mit 15 gemacht. Bei manchen seiner kühnen Manöver muss ich vorsichtshalber die Augen schließen und beten. Aber es geht alles gut. Irgendwann taucht ein Schild auf, das den Weg nach St. Petersburg anzeigt, das knapp 500 Kilometer entfernt ist. Dann erscheint die Aufschrift „Murmansk“. Ich bin überzeugt, dass es sich um eine kleine Siedlung gleichen Namens in der Nähe handelt. Das nächste Schild klärt mich auf: „Murmansk 945 Kilometer. Hier gelten andere Maßstäbe.

Petrosawodsk soll eine der schönsten russischen Städte sein, ein Eindruck, der sich bestätigt, wenn man sich das Stadtbild imaginiert, nachdem alle Bauten restauriert und Straßen und Gehwege in Ordnung gebracht worden sind. Natürlich muss man sich die Vorstädte wegdenken, aber das ist bei allen russischen Städten der Fall. Ein besonderer Blickfang ist der in den 50er Jahren im Stalinschen Prunkstil gebaute Bahnhof. Für die Arbeiter und Bauern sollte es Paläste geben. Das wurde nicht auf die Wohnungen bezogen, sondern auf die öffentlichen Bauten. Der Wartesaal mit seinen prächtigen Kandelabern und den goldenen Ziergittern bietet ein fürstliches Ambiente. Den Gefangenen, die in Viehwaggons diesen Bahnhof passiert haben, ist diese Pracht verborgen geblieben.

Die Universität, die uns eingeladen hat, strahlt noch viel sowjetisches Flair aus. Es fällt aber sofort auf, wie gepflegt alles ist. Keine Spur von Wohlstandsverwahrlosung, wie sie in unseren Bildungsstätten Einzug gehalten hat. Die Studenten sind sehr gut gekleidet und sorgfältig frisiert. Den großen Einkommensunterschied zu Deutschland sieht man den jungen Leuten nicht an. Wahrscheinlich haben sie aber statt 20 Teilen nur ein bis zwei im Schrank hängen.

Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, ehe unsere erste Veranstaltung beginnt. Wir gehen in eine kleines Café auf der anderen Straßenseite, das wie eine Hommage an die Zarenzeit wirkt, mit Stofftapeten und antiken Möbeln. Das Angebot ist klein, aber sehr verlockend. Wir haben keine Zeit, Kuchen zu ordern, können aber einen ausgezeichneten Kaffee genießen. Auf dem Rückweg sehe ich mir ein Großplakat näher an, das mir schon aufgefallen war. Ein Rotarmist lächelt den Betrachter an, aber der Text droht: „Hundert Jahre Große Sozialistische Oktoberrevolution – wir kommen wieder“. Es ist das Plakat der örtlichen Kommunisten. Mehrheitlich wird die angebliche Revolution als Staatsstreich gegen die demokratische Regierung Kerenski betrachtet. Darin sind die Russen uns voraus.

Unsere ersten Referate halten wir vor den Vertretern des Lehrkörpers. Es handelt sich überwiegend nicht um Historiker, sondern Juristen und Wirtschaftswissenschaftler, die sich weiterbilden wollen. Ihre Einlassungen sind interessant und zeugen davon, dass sie sich sorgfältig vorbereitet haben. Am Nachmittag gibt es einen Ausflug mit den Studenten zu einem Wasserfall „ganz in der Nähe“. Die Nähe betrug dann 66 Kilometer. Aber die Fahrt hat sich gelohnt. Der Kiwatsch-Fall, einer der größten Flachlandwasserfälle Europas, befindet sich im gleichnamigen Naturpark. Besonders für Geologen ist Karelien ein Paradies. Die Steine am Ufer des Wasserfalls zählen zu den ältesten der Erde – zwischen ein und zwei Milliarden Jahre alt, Teile der ehemaligen Erdkruste. Sie sind so hart, dass ihnen kaum beizukommen ist. Hier kann man die geologische Erdgeschichte studieren: altes kristallines Grundgestein, Gneis, Granit, Amphibolit, Gabbro-Basalt, um nur einige Formationen zu nennen, die es sonst nur noch in Kanada gibt.

Der vierstufige Wasserfall ist immer noch mächtig, obwohl ihn die Sowjets durch eine Staumauer im Oberlauf des Flusses auf ein Viertel seiner ursprünglichen Größe reduziert haben. Am Ufer wächst die seltene Karelische Birke, ein unansehnlicher Baum, krumm und schief mit grauer Rinde, dessen Holz im Inneren keine Jahresringe, sondern eine marmorartige Struktur aufweist. Viele Möbel in den Zarenpalais sind aus Karelischer Birke gefertigt. Das Holz ist so hart, dass es ursprünglich auch beim Eisenbahnbau verwendet worden sein soll. Seit man seinen Wert für die Möbelindustrie erkannt hat, wird es nur noch dafür benutzt. Inzwischen wird es auf dem Weltmarkt nicht nach Festmetern, sondern pro Kilogramm verkauft. Die Nachfrage ist so hoch, dass der Baum auf der Roten Liste der akut bedrohten Arten landete. Die Karelische Birke ist eine Spontanmutation. Aus hundert Birkensamen können hundert Karelische Birken entstehen, oder keine. Bis heute hat die Forschung nicht entschlüsseln können, warum sich eine Birke entschließt, nach sechs bis sieben Jahren zu mutieren.

Zurück in Petrosawodsk werden wir mit einem prächtigen violett-burgunderfarbenen Sonnenuntergang überrascht, ein Naturspektakel, das nur der hohe Norden bietet. Wie Sankt Petersburg hat auch Petrosawodsk weiße Nächte, aber die sind noch 30 Tage entfernt. Am nächsten Morgen werden wir zur Juristischen Fakultät gefahren, die am Stadtrand liegt. Auf dem Weg dorthin müssen wir durch die sowjetischen Hochhausviertel, die immer noch deprimierend wirken, trotz einiger zaghafter Verschönerungsversuche. Ein Viertel aller 650.000 Bewohner Kareliens lebt in Petrosawodsk, die Mehrheit wohl in diesen Plattenbauvierteln. Eine Wohnung im Zentrum kostet ab 1,2 Millionen Rubel, das sind rund 20.000 Euro. Die Baukredite sind sehr teuer, um die 15 Prozent. Wer kann sich das leisten, habe ich mich immer wieder gefragt.

Unsere Veranstaltung mit den Studenten wird eine Überraschung. Sie sind exzellent vorbereitet und stellen erstaunliche Fragen. Unser Thema ist die Aufarbeitung der beiden Diktaturen in Deutschland. Ein Student will Näheres über die Rolle des ehemaligen Vertriebenenministers Theodor Oberländer wissen, der bei uns schon fast vergessen ist. Aber auch nach der aktuellen Flüchtlingskrise wird gefragt. Es wird eine lebhafte, kurzweilige Diskussion.

Am Abend eines langen Unitages werden wir mit einem Spaziergang an der Seepromenade der Stadt belohnt. Das Wasser ist tiefblau und soll sauberer sein als der Baikalsee. Es gab auch für diesen See Pläne, sein Wasser mittels Kanälen umzuleiten, dazu ist es zum Glück nie gekommen. Am Beginn der Promenade steht ein Denkmal von Peter dem Großen. Die meisten anderen Skulpturen sind Geschenke aus anderen Städten. Die sehr unterschiedliche Qualität hat zu dem geflügelten Spruch geführt, dass man Petrosawodsk das geschenkt hat, was man selbst nicht mehr haben wollte. Wenn überhaupt, trifft das aber nur zum Teil zu. Es sind sehr schöne, elegante und interessante Plastiken dabei. Von der Seepromenade aus ist die „Alte Stadt“ zu sehen, eine Art bewohntes Freilichtmuseum, in dem die schönsten Holzhäuser der Gegend versammelt wurden. Es gibt einen Eindruck von der Vielfältigkeit der sibirischen Holzarchitektur. Von den legendären Kirchen und Klosterbauten haben wir leider nichts sehen können. Im Onegasee gibt es die Insel Kischi, deren Klosterbauten und Kirchen zum Weltkulturerbe gehören. Allein dafür lohnt es sich, noch einmal nach Karelien zu kommen, bevor es vom Massentourismus entdeckt wird.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Russland

Mehr von Vera Lengsfeld

Über Vera Lengsfeld

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige