23. Mai 2017

Die „FAZ“ über Rolf Peter Sieferle Leserbrief gegen anonyme Denunzianten

Verbittert, todernst, vereinsamend?

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Bildquelle: Hans-Jürgen van de Laar (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons Postum anonym denunziert: Rolf Peter Sieferle (1949-2016)

Unter dem appetitmachenden Motto „Vom Freigeist zum Rechtsradikalen“ veröffentlichte die „FAZ“ in der Ausgabe vom 12. Mai einen Artikel von Jan Grossarth über den Historiker Rolf Peter Sieferle. Der im September 2016 auf eigenen Entschluss aus dem Leben geschiedene Gelehrte wird in dem Text als ein bedeutender Kopf gewürdigt, der aber am Ende seines Lebens wegen einer schweren Krebserkrankung, einer drohenden Erblindung und der weitgehenden Nichtanerkennung durch das tonangebende akademische Milieu verbittert „nach rechts gerückt“ sei, also praktisch zwar nicht direkt den Verstand, indessen doch die Zurechnungsfähigkeit verloren habe, denn dass einer zugleich Freigeist und rechts sein könne, übersteigt die Vorstellungskraft hiesiger Feuilletonisten so sehr wie die transzendentale Deduktion.

„Die Gedanken des erblindenden Historikers überschreiten die Grenze zur bitteren Verschwörungstheorie“, steht in dem Text zu lesen (man darf es nicht verwechseln mit der essigsauren und der salzigen Verschwörungstheorie); manche seiner Sätze „ähneln plötzlich wie ein Zwilling der NS-Propaganda“ (na was denn sonst!). Die zwingende Folge: „Sieferles Freunde sind irritiert.“ Und zwar alle drei. Jene im Artikel zu Wort kommenden „Freunde“ wollen allerdings anonym bleiben; so weit geht die postume Freundschaft schließlich nicht. „‚Ich wusste nicht, was in ihm vorging, wie weit er nach rechts gerückt war‘, sagt einer. ‚Er hat viel Quatsch geschrieben.‘“ Immerhin: „Sieferle soll bei klarem Verstand gewesen sein.“ Soll. Die „Zeitung für Deutschland“ bei der Arbeit an Artikeln für die DDR 2.0.

Ein vermutlich falscher und deswegen auf Anonymität nicht bestehender Freund Sieferles, der in der Schweiz lebende, zuletzt in Würzburg lehrende Sinologieprofessor Raimund Th. Kolb, hat einen Leserbrief an die „FAZ“ geschrieben, in dem er auf die Petitesse hinweist, dass mindestens jede zweite biographische Angabe beziehungsweise Spekulation in dem Artikel, unter anderem auch die angebliche Krebserkrankung, nicht stimmt. Anstatt diesen für deutsche journalistische Verhältnisse respektablen Schnitt zu würdigen, insistiert er auf eine Richtigstellung, ohne sich allerdings Illusionen über deren Veröffentlichung zu machen: „Sehr verehrte Damen und Herren der Redaktion, mein Leserbrief richtet sich gegen die ehrenrührigen Anwürfe, die Herr Grossarth in seiner nachrufenden Portraitierung meines alten Freundes erhebt; es mangelt mir dabei an Naivität, zu glauben, dass meine Entgegnung in unseren Zeiten wenn überhaupt, dann unversehrt zur Veröffentlichung gelangen wird.“

Da liegt der Mann richtig, mag man sich in der Redaktion gedacht haben. Wozu sollte man schließlich erst eine Denunziation drucken, wenn danach ein Vertrauter des Denunzierten die Möglichkeit erhielte, den ganzen schönen Rufmord wieder kaputtzumachen? Außerdem schaden solche Briefe dem Image der Qualitäts- und Wahrheitspresse. Und last but not least: Wer will schon einen, wie man sagt, gestandenen Professor der Naivität überführen? Die „FAZ“ lehnte den Abdruck des Leserbriefs ab.

Dieses Briefs: „Als langjährigem Freund Rolf Peter Sieferles, der mit ihm bis zum Vortag seines Freitodes intensiven Kontakt pflegte, bescherte mir die Lektüre von Jan Grossarths Artikel ‚Am Ende rechts‘ neben passagenweise begrüßenswerten Einlassungen nicht wenige empörende Provokationen. Leider gestattet das Leserbriefformat nur eine selektive Entgegnung.

Abgesehen vom bisweilen flegelhaften Stil des Skribenten wurden ganz wesentliche Eigenschaften und Äußerungen des Nachgerufenen falsch oder verzerrt dargestellt. Die Recherchen zur Person basieren erklärtermaßen auf anonymen Aussagen, die zumindest in einem mir bekannten Fall durch erworbenes Vertrauen und dessen Missbrauch zustandekamen. Manches stammt aus der linken Ecke ehemaliger Freunde, die von Heidelberg bis Wien und sonstwo reicht. Gerade dort scheint man blind gegenüber den politischen Ansichten des Freundes gewesen zu sein, die sich mit dem ‚Epochenwechsel‘ (1994) deutlich manifestiert hatten und sich im weiteren lediglich auf dem Weg der Differenzierung und Zuspitzung befanden. Sieferle war nicht nur Historiker, sondern auch Soziologe und Politologe, also im besonderen Maße berufen, sich als zoon politikon über unsere Gegenwart Gedanken zu machen.

Laut Grossarth soll sich Rolf Peter Sieferle bei ‚klarem Verstand‘ befunden haben, als er den Weg des linken Heils verließ. Folgerichtig wird eine bürgerliche Kindheit emotionaler Entbehrungen konstruiert, die ihn auf dieses Ziel hin dirigiert. Rolf Peter Sieferle befand sich nicht auf dem Weg der Erblindung, es sei denn man erklärt eine operable Glaskörpertrübung dazu, und war schon gar nicht krebskrank; er war kein Academicus superciliosis, also alles andere als ein Narziss, wie insinuiert wird, sondern stets überaus bescheiden, zurückhaltend, liebenswürdig und enorm hilfsbereit. Er soll gegen Ende ‚verbittert, todernst, vereinsamend‘ gewesen sein, so wird angeblich behauptet. Dies ist schlichtweg unwahr und vermutlich das Revancheurteil von politisch Enttäuschten oder Wichtigtuern.

Als Umwelthistoriker und mit Garrett Hardin war für Sieferle seit jeher klar, dass wir in einer Welt begrenzter Ressourcen leben (living within limits), uns aber gegensätzlich verhalten. Als Verantwortungsethiker musste er deshalb von der Migrationskrise tief beeindruckt sein. Er wusste, was es heißt, wenn Nationalstaaten ihre Grenzen zur Aufnahme von ‚youth bulges‘ aus Afrika und dem Nahen Osten mit hoher Bevölkerungswachstumsrate öffnen und diese damit noch verantwortungslos befördern. Das Schwinden des Nationalstaates, der für ihn größten Leistung menschlichen Organisationsvermögens, die politisch-systemische Befindlichkeit unseres Landes, die schroffe politische Lagerbildung, der Verlust jeglicher Diskussionskultur und anderes mehr stellten für ihn keine Lebensfreude generierenden Entwicklungen dar. Wie sehr er darunter litt, konnte man nur zwischen persönlichen Zeilen ahnen.

Grossarth reitet jenseits seines historischen ‚levels of incompetence‘ auf dem Zeitgeistkaltblüter, hie und da die Nazikeule schwingend, gegen den toten Apostaten R.P.S. an, indem er ihn mittels sinnentstellenden Zitatfragmenten und frei schwebenden Unterstellungen auf ebenso leichtfertige wie rufschädigende Weise zum spät bekennenden Nationalsozialisten erklärt. Da genügt es zum Beispiel, vom ‚Virus‘ des Relativismus zu schreiben, also über den nihilistischen Relativismus, und schon betreibt man ‚NS-Propaganda‘. Sancta simplicitas! Widerwärtig soll Sieferle die Demokratie gewesen sein – keineswegs, Herr Grossarth, nur deren deutliche Degradation bereitete ihm Sorge und ließ ihn über die fatalen Folgen nachdenken.

‚Prole drift‘, jene enorme Schubkraft hinter der Auflösung bürgerlicher Lebensweisen, inkludiert die Umgangsformen, auch die mit politisch Andersdenkenden. Nach Auffassung des Verstorbenen sollte es sich bei Kritik in einer kritischen Zeitung ‚um Unterscheidung, um genaues Hinsehen, und um eine faire Auseinandersetzung im Geiste intellektueller Redlichkeit‘ handeln (am 22. Februar 1996 an die Redaktion der ‚FR‘), noch dazu, wie ich meine, im Falle einer Person, die leider nicht mehr zu antworten vermag.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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