19. Mai 2017

Das Wesen des Staates Sind Sie bereit für die rote Pille?

Wie Ihre (teils unbewussten) Überzeugungen Ihr Denken über Politik und Wirtschaft bestimmen

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Bildquelle: shutterstock In der Matrix: Blaue oder rote Pille?

Der Kampf um die Meinungshoheit im Internet tobt. Kampagnen wie „Hatespeech“, „Fake News“ oder „postfaktisch“ versuchen, gefährliche andere Meinungen anzuprangern. Es werden zwei Arten von Schlagworten gebraucht: die unbedingt guten, wie „sozial“, „Demokratie“, „Gerechtigkeit“ oder „Bildung“, und die unbedingt schlechten, wie „rechts“, „Rechtspopulist“, „Turbokapitalismus“, „Gier“, „Klimaleugner“ oder „Putinversteher“. Wieso ist der Kampf um die Meinungshoheit so wichtig? – Es geht um Ihre Überzeugungen, lieber Leser, liebe Leserin, es geht letztlich um Ihre Wahrnehmung und Ihr Denken. Es geht um Propaganda und Indoktrination.

Propaganda und Indoktrination – Die Matrix: Ein „Gefängnis für Ihr Denken“

Künstlerisch wertvoll beschreiben die Wachowski-Geschwister „Indoktrination“ in ihrem Film „Matrix“ („The Matrix“, 1999), der von vielen als Science-Fiction verstanden wird, aber zugleich auch eine kafkaeske Metapher für unsere heutige Gesellschaft ist.

Viele von Ihnen werden die folgende berühmte Szene kennen: Der junge Mann Neo spürt, dass etwas mit der Welt um ihn herum nicht stimmt. Er fühlt, dass seine Bewertung der Realität nicht stimmig ist, ihn verwirrt, und er trifft auf den rätselhaften Morpheus, der ihm anbietet, ihm die Wirklichkeit zu zeigen. In der Schlüsselszene des Films zeigt Morpheus Neo zwei Pillen, eine rote und eine blaue, und sagt zu Neo: „Das ist deine letzte Chance. Danach gibt es kein Zurück. Du nimmst die blaue Pille – dann endet die Geschichte hier, du wachst auf in deinem Bett und glaubst, was immer du glauben möchtest. Du nimmst die rote Pille – du bleibst im Wunderland, und ich zeige dir, wie tief der Kaninchenbau geht.“ Neo zögert nicht lange, er will es wissen und schluckt die rote Pille.

Morpheus führt aus: „Die Matrix ist überall. Sie ist überall um uns herum. Selbst jetzt, in diesem Raum. Du kannst sie sehen, wenn du aus deinem Fenster siehst oder wenn du deinen Fernseher einschaltest. Du kannst sie fühlen, wenn du zur Arbeit gehst, wenn du in die Kirche gehst, wenn du deine Steuern zahlst. Es ist die Welt, die über deine Augen gelegt wurde, um dich für die Wahrheit blind zu machen.“ Neo: „Welche Wahrheit?“ Morpheus: „Dass du ein Sklave bist, Neo. Wie jeder andere wurdest auch du in Knechtschaft hinein geboren. In ein Gefängnis hinein, dass du weder schmecken, noch sehen, noch anfassen kannst. Ein Gefängnis für dein Denken.“

Im weiteren Verlauf des Films zeigt Morpheus Neo, in Science-Fiction-artiger Manier, dass die Menschen von den Machthabern sozusagen als Batterien, als Energielieferanten missbraucht werden; damit sie das nicht merken, wird eine imaginäre Wirklichkeit erzeugt, die die Menschen für wahr halten.

Zum Schutz des Glaubenssystems gibt es Agenten, die mit scheinbar allumfassender Macht ausgestattet sind und die jeden Systemkritiker erbittert verfolgen.

Im Laufe des Films lernt Neo, seine Überzeugungen zu korrigieren. Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern dauert und braucht Übung. Als er schließlich seine alten Einstellungen betrachten und korrigieren kann, verlieren auch die Agenten der Matrix ihre Macht über ihn. Am Ende des Films hat Neo erkannt, dass die größte Angst der Regierenden ist, dass die Beherrschten die Wirklichkeit erkennen, und er beschließt den Film mit den an die Herrscher gerichteten Worten: „Ich weiß, ihr habt Angst, Angst vor uns. Ihr habt Angst vor Veränderung. Ich kenne die Zukunft nicht. Ich bin nicht hierhergekommen, euch zu erzählen, wie das hier ausgehen wird. Ich bin gekommen, euch zu erzählen, wie es beginnen wird. Ich werde diesen Telefonhörer auflegen, und dann werde ich diesen Leuten zeigen, was sie nach eurem Willen nicht erkennen sollen. Ich werde ihnen eine Welt ohne euch zeigen, eine Welt ohne Vorschriften und Kontrollen, ohne Grenzen und Begrenzungen. Eine Welt, in der alles möglich ist.“

Sehr passend hat Morpheus Neo erklärt, wo er die Matrix überall wahrnehmen kann: Wenn er seinen Fernseher einschaltet, zur Arbeit geht oder seine Steuern zahlt. Doch was hat das mit Ihnen und der Bundesrepublik Deutschland zu tun?

Wer regieren will, braucht die Zustimmung im Denken der Regierten. Das war auch dem bedeutenden österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises (1881-1973) bekannt: „Eine dauerhafte Regierungsmacht kann nur eine Gruppe aufrichten, die auf die Zustimmung der Beherrschten rechnen kann. Wer die Welt nach seinem Sinne regiert sehen will, muss trachten, die Herrschaft über die Geister zu erlangen. Es ist unmöglich, die Menschen gegen ihren Willen auf die Dauer einem System untertan zu machen, das sie ablehnen.“ (Liberalismus, 1927, S. 41.)

Aus humanethologischer Sicht beschrieb der österreichische Evolutionsbiologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt, wie ein Staat die Hoheit über die öffentliche Meinung er- und behält: „Es bedarf dazu besonderer Sozialtechniken, wie jener der Indoktrination.“ – „Ohne staatsbürgerliche Erziehung zerfällt die Gemeinschaft. Indoktrination engt sie allerdings geistig ein.“ – „Die Infantilisierung durch Angst mit der durch sie induzierten erhöhten Gefolgsbereitschaft wird durchaus auch in modernen Staaten als Mittel benützt, Menschenmassen an eine Führung zu binden.“ (Die Biologie des menschlichen Verhaltens, 1984, 5. Auflage 2004, S. 843 ff.)

Bei der Austragung von Innergruppenkonflikten kommt es nach Eibl-Eibesfeldt zur Anwendung der Methoden der ideologischen Kriegsführung. Dabei geht es darum, im Gehirn des Gegners „Überzeugungen und Denkweisen aufzubauen, die den Gegner schließlich überzeugt das tun lassen, was man von ihm gerne will. Diesem Zweck dient die ideologische Kriegsführung, von der offenen Propaganda bis zu den subtilen Formen der Überredung und Beeinflussung. Meist kombiniert man diese Methode mit psychologischen Methoden des Hofierens, der Einschüchterung und des Angsterweckens.“

Wie stark der Mensch durch Indoktrination und Propaganda beeinflussbar ist, ist erschreckend: „Das hohe Risiko macht es unwahrscheinlich, dass das Individuum durch das Kriegführen selektionistische Vorteile erzielt.“ – „Dem Töten eines Menschen stehen primäre starke Hemmungen entgegen, die, wie ich annehme, eine biologische Ursache haben.“ – „Man überwindet sie durch Dehumanisierung des Feindes und durch betonten Kontaktabbruch.“ – „Der Mensch erweist sich in diesem Punkte als leicht indoktrinierbar.“

Der deutsche Philosoph und Psychiater Dr. Godehard Stadtmüller beschreibt in seinem Buch „Einstellung und Schicksal – wie Einstellungen unser Leben verändern“ (2010), wie Einstellungen, also tiefliegende, teils unbewusste Überzeugungen in psychologischer Hinsicht unser Denken bestimmen: „Es ist wichtig zu erkennen, dass nicht primär Wahrnehmung unsere Einstellung bestimmt, sondern umgekehrt: Unsere Einstellung bestimmt unsere Wahrnehmung.“ („Einstellung und Schicksal“, 2010, S. 10.)

Unsere (teils unbewussten) Einstellungen bestimmen also unsere Bewertung der Wirklichkeit, unser Gefühl und – daraus folgend – unser Handeln („Einstellung und Schicksal“, 2010, S. 29.)

Aus medizinischer beziehungsweise neurobiologischer Sicht beschreibt der deutsche Philosoph, Psychiater und Psychologe Dr. Manfred Spitzer in seinem Buch „Lernen“ (2002), wie die psychischen Vorgänge in unserem Gehirn auch physische Repräsentationen ausbilden. Das Gehirn sei neuroplastisch: Synapsen, Nervenzellen oder auch ganze Hirnareale verändern sich in Abhängigkeit von ihrer Verwendung. Wenn Sie wie ich in Franken oder Bayern wohnen und ab und zu BR Heimat hören, und Sie hören alle halbe Stunde Nachrichten, und in den Nachrichten kommt jedesmal der Name „Horst Seehofer“ vor, dann bekommen Sie auch physisch ein Horst-Seehofer-Gehirn. Die psychische Wirkung ist, dass Ihnen Horst Seehofer dadurch bekannter und damit vertrauter wird. Wie ich oben beschrieben habe, wird im Konfliktfall Kontaktabbruch als Propagandainstrument eingesetzt; der Unbekannte, der Nicht-Vertraute schreckt den Menschen eher ab. Im Falle der andauernden Namensnennung von Politikern in den Nachrichten passiert quasi das Gegenteil, und zwar ein Bekannt- und Vertrautwerden mit den Genannten.

Aus dieser interdisziplinären Sicht auf Indoktrination und Propaganda wird klar: Wer die Herrschaft über die Überzeugungen der Menschen hat, die sich bereits in frühester Kindheit bilden, hat die Herrschaft über ihr Denken und Tun. Was glauben Sie, warum die allermeisten Schulen und Universitäten staatlich sind? So beschreibt die „FAZ“ in ihrem Artikel „So können Schüler nur marktskeptisch werden“, dass durch die Schulbücher in Erdkunde, Geschichte und so weiter tendenziell die Zustimmung der Kinder zu einer freien Wirtschaft untergraben würde.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, wie leicht sich der Mensch als manipulierbar erweist, bis hin zur Tötung anderer Menschen (Krieg), wundert es Sie vielleicht nicht mehr, dass Ludwig von Mises staatlichen Schulen gegenüber eine sehr skeptische Einstellung hatte: „Man kann sie (die Schule) nicht entpolitisieren, wenn man sie als öffentliche Zwangseinrichtung beibehält. Es gibt da nur ein Mittel, der Staat, die Regierung, die Gesetze dürfen sich in keiner Weise um die Schule und um den Unterricht kümmern, öffentliche Gelder dürften dafür nicht verwendet werden, Erziehung und Unterricht muss ganz den Eltern und privaten Vereinigungen und Anstalten überlassen werden. Es ist besser, eine Anzahl von Buben wachsen ohne Schulunterricht auf, als dass sie wohl Schulunterricht genießen, dafür aber, wenn sie einmal herangewachsen sind, die Chance haben, totgeschlagen oder verstümmelt zu werden. Ein gesunder Analphabet ist doch immer besser daran als ein des Lesens und Schreibens kundiger Krüppel.“ (Liberalismus, S. 102.)

Wenn Sie mir bis hierhin gefolgt sind, wird es jetzt richtig spannend.

Was ist der Staat?

„Der Staat ist etwas Gutes. Der Staat, das sind wir. In der Demokratie geht alle Staatsgewalt vom Volke aus.“ – Bitte erlauben Sie mir, diese Glaubenssätze kritisch zu durchleuchten. Um im Bild der Matrix zu bleiben, würde ich Sie nun bitten, wenn Sie bereits Argwohn, Hohn oder Spott für mich und meinen Artikel empfinden, vielleicht etwas an der roten Pille zu lutschen, um sich doch noch eine gewisse Restoffenheit für die Neuheit der nun folgenden Gedanken zu erhalten.

Der Staat, wie er heute in Erscheinung tritt, ist eine Gruppe von Menschen, die über die in einem bestimmten Territorium lebenden Menschen mittels Androhung und Anwendung von Gewalt Herrschaft ausübt. Der Staat beschränkt sich dabei nicht auf verteidigende Gewalt, sondern geht auch mit aggressiver Gewalt vor: Wenn Sie Ihren ARD-ZDF-Deutschlandradio-Rundfunkbeitrag nicht bezahlen, wird zwangsvollstreckt, also unmittelbarer Zwang gegen Sie eingesetzt. Das verdrängen wir oft aus unserem Bewusstsein.

Anders in der Zivilgesellschaft: Wenn Sie eine Leistung nicht bezahlen, werden Sie vom Bezug ausgeschlossen. Sie dürfen dann Netflix oder Amazon Prime nicht sehen. Aber kein Unternehmen hat die Macht, Sie zu zwingen, für eine Leistung oder ein Produkt zu bezahlen, das Sie nicht haben wollen.

Zweiter wichtiger Punkt: Der Staat sind nicht Sie! Wenn Sie lesen: „Deutschland führt Krieg in Afghanistan“ oder: „Deutschland weitet seine Kriegsbeteiligung in Syrien aus“, dann ist es nicht das Land, das Krieg führt. Das Land ist ein geographischer Teil der Erdoberfläche. Es ist auch nicht das Volk, das Krieg führt. Im Flugzeug befindet sich eine konkrete Besatzung, und die handelt auf Geheiß einer kleinen Gruppe von Politikern, die im Kabinett versammelt sind. Ein Land oder ein Volk führt keinen Krieg, sondern die Regierung und ihre Unterstützer, also die konkrete Gruppe der Kriegsführenden und ihre Helfer.

Und nicht Sie oder Herr Müller können Gesetzesinitiativen einbringen und die Polizei anweisen, sie zu vollstrecken, sondern die Gruppe um Angela Merkel kann das. Ideologisch betrachtet sind der Dienstwagen der Kanzlerin und ihr Jet „Volkseigentum“, aber nicht das Volk wird im Dienstwagen der Kanzlerin gefahren, sondern sie selbst.

Die demokratische Legitimation aggressiver Gewalt

Nun könnten Sie einwenden: Ist die aggressive Gewalt des Staates nicht gerechtfertigt, weil die Regierenden ja demokratisch legitimiert sind? Weil die Staatsgewalt vom Volke ausgeht und das Volk sie unmittelbar innehat? – Hier die Realität: Die Staatsgewalt geht in der Bundesrepublik Deutschland von der Bundesregierung – der Exekutive – und ihren Unterorganisationen, also den Bundesländern und Kommunen, aus. Innerhalb des Staates gibt es noch die Judikative und die Legislative; und Politikern, Richtern und Bürokraten ist eines gemeinsam: Sie stehen alle auf derselben Lohnliste, sie werden vom Staat bezahlt, der sich die Gelder letztlich vom Steuerzahler besorgt. Die Gewalten sind also auch nicht getrennt, sondern vereint unter einem Dach.

Richtig ist, dass die Regierten über die Gesetzgeber und die Regierung abstimmen können. Aber eine Abstimmung darüber, ob aggressive Gewalt gegenüber den eigenen Bürgern oder anderen Staaten überhaupt zulässig sein soll, findet nicht statt. Sie dürfen nur wählen, wer herrscht, aber nicht, ob Sie überhaupt beherrscht werden wollen.

Und ob das Mehrheitsprinzip etwas ist, das es unbedingt hochzuhalten gilt, können Sie sich selbst fragen: Wenn der Staat entscheidet, dass die Brillenträger komplett zu enteignen oder außer Landes zu werfen sind, und eine Mehrheit der Wähler die Staatsvertreter gewählt hat, ist das eine demokratische Entscheidung.

Wie kann der Staat mehr Rechte haben als die Summe seiner Bürger?

Die Gretchenfrage, der Riss in der Matrix, aber ist: Wie kann eine Gruppe von Menschen (die Regierung) mehr Macht besitzen als alle anderen Menschen oder Gruppen von Menschen (Unternehmen, Vereine, Genossenschaften) zusammen? Kein Individuum und keine nichtstaatliche Vereinigung in Deutschland hat das Recht auf aggressive Gewalt. Nur verteidigende Gewalt ist gestattet (Notwehr, Nothilfe). Zudem hat jeder Einzelne das Recht auf Wiedergutmachung, wenn er verletzt, vergewaltigt, beraubt oder bestohlen wurde, aber auch das ist verteidigende Gewalt, weil er in seinem Selbsteigentum am eigenen Körper oder in seinen Besitzrechten verletzt wurde. Mehr als das Selbsteigentum am Körper und das Besitzrecht an den nicht durch Zwang, Diebstahl oder Betrug erworbenen Sachen hat aber niemand.

Wenn der Staat nun alle Staatsmacht von den Bürgern herleitet, wie kann ihm dann das Recht auf aggressive Gewalt übertragen werden, das niemand hat? Wie können die Deutschen der Bundesregierung mehr Rechte übertragen, als sie selbst besitzen? Richtig, hier liegt der logische Bruch, der für jedermann nach-zudenken ist. Wenn ein Unternehmen hergehen würde und sagte: „Zahle mir den Beitrag X im Monat oder ich sperre dich ein“, würde dies den Straftatbestand der schweren räuberischen Erpressung erfüllen. Wenn der Staat dies tut, ist das zwar formal legal (weil der Staat sagt, dass es formal legal ist), aber es wäre strafrechtlich ein Verbrechen, wenn irgendeine andere Gruppe oder Einzelperson dasselbe tun würde.

Im Endeffekt haben auch in modernen Demokratien einige Menschen mehr Rechte als alle anderen. Wie Fürsten oder Despoten üben sie aggressive Gewalt aus, nur sehen sie sich dadurch gerechtfertigt, dass eine Mehrheit der Betroffenen sie gewählt hat.

Der heutige Staat schützt und wahrt nicht primär und alleine die Rechte, die Freiheit und Sicherheit seiner Bürger, sondern er setzt Gewalt aggressiv zur Erhaltung der eigenen Macht gegen seine eigenen Untertanen und gegen andere Staaten ein. Es ist ein Parteien- und Interessen-Staat, der aggressive Gewalt einsetzt, um eine Gruppe auf Kosten einer anderen Gruppe zu bereichern: Durch Umverteilung, Zwangsmitgliedschaften, Zwangsabgaben, Monopole (insbesondere die Geldproduktion) oder Lizenzen zwingt er seine Bürger, für seinen Bestand zu sorgen und für die Versorgung der Wähler- und Interessengruppen, die ihn stützen. Er zwingt die Bürger, sich anders zu verhalten, als sie es freiwillig tun würden. In einem solchen Staat kann es keine Freiheit geben.

Demokratie und Staat, wie sie sein könnten – und sollten

Jetzt, da ich Sie in Ihrem Glauben an den Staat vielleicht ein wenig erschüttert habe, möchte ich Ihnen auch noch erklären, was Neo damit meinte, als er zu den Herrschern von einer Welt „ohne euch“ sprach, einer Welt „ohne Vorschriften und Kontrollen, ohne Grenzen und Begrenzungen. Eine Welt, in der alles möglich ist.“

Freiwillige Kooperation oder Zwang – es gibt keinen „dritten Weg“

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie beschreibt anschaulich, wie Menschen auf zwei Wegen zu Wirtschaftsgütern und der Arbeitsleistung anderer gelangen können: entweder durch freiwillige Zusammenarbeit oder dadurch, dass einer den anderen zu einer Handlung oder einem Unterlassen zwingt. Freiwilligkeit oder Zwang. Einen dritten Weg gibt es nicht. Im Mittelpunkt der freiwilligen Kooperation steht der Tausch. Da der Mensch nur handelt, um seine Situation – ceteris paribus – gegenüber der jetzigen Situation zu verbessern, ist der Tausch immer für beide Seiten vorteilhaft: Dem Käufer ist das Brot wertvoller als der Euro, den er dafür hingibt, dem Bäcker ist der Euro wertvoller. Wäre das nicht so, würde der Käufer den Euro nicht für das Brot hergeben. Der Tausch ist also immer eine Win-win-Situation.

Anders im Falle des Zwangs. Wenn Sie der Staat zum Beispiel zwingt, Rundfunkbeiträge zu bezahlen, haben sie nicht die Wahl, nein zu sagen. Es mag welche geben, die ihre Rundfunkbeiträge gerne bezahlen, und es mag welche geben, die sie lieber nicht bezahlen würden. Aber sie haben keine Wahl. Am Ende eines staatlichen Gebotes oder Verbotes steht immer der unmittelbare Zwang.

Kurzum, es gibt zwei Wege, an Wohlstand zu gelangen: Entweder durch freiwilligen Handel, Tausch und Arbeitsteilung oder durch die Plünderung anderer. Ein dritter Weg, nur so ein bisschen plündern, ist eben nicht möglich.

Es kann keinen allgemeinen Wohlstand geben, wenn der Staat die Mittelverwendung vorschreibt

Nutzen ist immer individuell-subjektiv und kann nicht objektiv oder kollektiv oder durch eine Mehrheit bestimmt oder gemessen werden. Jeder Mensch hat seine eigenen Präferenzen. Wird durch den Staat bestimmt, wie knappe Mittel verwendet werden, muss der Bürger tun, was der Staat vorgibt. Zwang ist immer egoistisch, weil der Wille des anderen unberücksichtigt bleibt. Wenn der Politiker ein Ge- oder Verbot erlässt, verlangt er, dass sich der Bürger anders verhält, als er es freiwillig tun würde, damit es ihm bessergeht. Die Mittelverwendung, die der Bürger im Auge hatte, wird ihm unmöglich gemacht.

Ludwig von Mises und andere Ökonomen haben nun herausgefunden, dass das Ziel – die Mehrung des Wohlstandes aller – nur in der Tauschwirtschaft und nicht in der Staatswirtschaft verwirklicht werden kann. In der Staatswirtschaft, also durch Zwang, können Mittel nur von einem zum anderen verteilt werden. Individueller Wohlstand lässt sich so nicht schaffen. Das Ziel der Staatswirtschaft, die Mehrung des Wohlstandes der Massen, lässt sich mit ihrem Mittel, dem Befehl von oben, gar nicht erreichen. Deshalb ist im vollständigen Sozialismus auch keine Geldrechnung möglich, weil es keine Preise gibt, also keinen Ausdruck individueller Präferenzen, sodass eine Einheit zur wirtschaftlichen Kalkulation fehlt. Dies hat Ludwig von Mises logisch in seinem Werk „Die Gemeinwirtschaft“ (1922) unbestreitbar und für jedermann zum Nachdenken bewiesen.

Nur die Zivilgesellschaft, frei von aggressiver Gewalt, schafft Win-win-Situationen, und jeder Zwang führt denklogisch eine Win-lose-Situation herbei. Es ist also nicht nur ethisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll, dass niemandem aggressive Gewalt gestattet ist, auch nicht dem Staat.

Das Merkwürdige ist, dass sehr viele Menschen, mit denen ich spreche, dieses Nichtaggressionsprinzip gutheißen. Es ist uns auch kulturell-religiös naheliegend, da Jesus Nichtaggression gepredigt und vorgelebt hat.

Die Gesellschaft ohne aggressive Gewalt ist die einzige dauerhaft durchführbare Gesellschaftsordnung

Das einzig dauerhaft durchführbare Gemeinwesen muss letztlich der Ethik der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und letztlich auch der christlichen Ethik entsprechen: Niemandem ist aggressive Gewalt gestattet, und jeder hat das Recht, sich vor aggressiver Gewalt zu schützen und sich zu diesem Schutz zu verbinden oder andere mit seinem Schutz zu beauftragen. Die Bürger bilden dann einen Staat im hier verstandenen Sinne, indem sie eine oder mehrere Institutionen gründen oder beauftragen, für ihre Sicherheit und die Wahrung ihrer Rechte zu sorgen. Da kein Einzelner das Recht zu aggressiver Gewalt haben kann, kann dies auch das Gemeinwesen selbst (also der Staat) beziehungsweise die beauftragte Institution nicht haben. Niemand wird gezwungen, diese Institutionen zu bezahlen. Da aber nach aller Erfahrung die Sicherheit für die meisten eines der höchsten Güter ist, kann nicht angenommen werden, dass die Menschen nicht bereit sein werden, für ihre Sicherheit und Freiheit zu bezahlen.

In einem solchen Gemeinwesen ist jeder Anreiz verloren, an eine Position zu gelangen, von der aus aggressive Gewalt ausgeübt werden kann, weil es sie nicht gibt. Nur so können Revolutionen, Bürgerkriege und Kriege dauerhaft verhindert werden. Wenn aggressive Gewalt als Mittel, Einkünfte zu erzielen und anderen zu befehlen, gestattet ist, kann es auf Dauer keinen Frieden geben. Es gibt dann immer Ausbeuter und Ausgebeutete, und letztere werden irgendwann versuchen, sich zu erheben, und die Ausbeuter müssen stets fürchten, ihre Machtposition zu verlieren.

Wir sind nicht am Ende der Geschichte angelangt

Sie können jetzt glauben, das alles sei absurd. So wie es ist, so muss es sein, ist eine beliebte Denke. Aber gerade das, dass die Dinge sich nicht verändern, ist wider alle Erfahrung. Wir sind nicht am Ende der Geschichtsschreibung angelangt, und der aggressive Staat ist nicht das letzte Kapitel der Menschheit, auch wenn er zur Zeit einen Höhepunkt erleben mag. Aber Höhepunkte sind immer auch Wendepunkte. Und so lassen Sie mich mit einem Zitat von Ludwig von Mises schließen: „aller Fortschritt der Menschheit hat sich gegen den Staat und seine Zwangsgewalt durchsetzen müssen.“

Warum sollte es da gerade unserer Generation anders gehen?

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite des Ludwig-von-Mises-Instituts Deutschland.


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Dossier: Staatswirtschaft

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Autor

Andreas Tiedtke

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