18. Mai 2017

China und Europa Weiße Linke und heilige Muttis

Der Osten erglüht!

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Bildquelle: shutterstock In China geschmäht: Weiße Linke

Auf der Webseite von „open Democracy“ widmet sich ein Beitrag dem in chinesischen Online-Foren vagabundierenden Terminus „baizuo“, „oder wörtlich: die ‚weiße Linke‘“ (ich danke Leser *** für den Hinweis). Der Begriff sei erstmals vor etwa zwei Jahren aufgetaucht und gehöre inzwischen zu den am meisten gebrauchten „abfälligen Beschreibungen, mit denen chinesische Netizens ihre Gegener in Online-Diskussionen diskreditieren“. In China kann also jemand geschmäht werden, indem man ihn als „weißen Linken“ bezeichnet – ist das nicht skurril? – beziehungsweise diesem Menschen vorwirft, wie ein solcher zu argumentieren. Aber selbstredend findet die für Langnasen ungewöhnliche Verbindung eines schlimmen Wortes mit einem Gutwort vornehmlich auf sie selber Anwendung, insofern sie eben der Kategorie „weiße Linke“ zugeordnet werden.

Doch wer gehört in diesen edlen Kreis? Ein Online-Portal stellte die Frage und bekam zur Antwort, das Wort „baizuo“ werde gemeinhin verwendet, um diejenigen zu beschreiben, die sich um „Themen wie Immigration, Minderheiten, LGBT und Umwelt“ kümmerten und „keinen Sinn für die wirklichen Probleme in der Welt“ besäßen; „heuchlerische Humanitaristen“, die sich für Frieden und Gleichheit einsetzten, „um ihr Gefühl moralischer Überlegenheit zu befriedigen“. Wer „weiße Linke“ sage, referiert der Autor des Artikels, insistiere auf ein Symptom „westlicher Schwäche“. Texte des Tenors „Die weiße Linke zerstört Europa“ seien im chinesischen Netz weit verbreitet.

Im Mai 2016 bezeichnete Amnesty International China als „das einladendste Land für Flüchtlinge“. Die Pekinger „Global Times“ fragte ihre Leser, was sie von dieser Aussage hielten, und das Ergebnis war das genaue Gegenteil: 90,3 Prozent sagten „Nein“ zu der Frage „Würden Sie Flüchtlinge in Ihrem eigenen Haushalt akzeptieren?“, 79,6 Prozent lehnten „Flüchtlinge in ihrer Stadt oder Nachbarschaft“ ab. Viele Netizens hielten die Amnesty-Behauptung für den „Teil einer ausländischen Verschwörung mit dem Ziel, die chinesische Regierung unter Druck zu setzen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen“.

Die Karriere des Begriffs, heißt es weiter, hänge mit der europäischen „Flüchtlingskrise“ zusammen, und Angela Merkel „war die erste westliche Politikerin, die als ‚baizuo‘ bezeichnet wurde, wegen ihrer Flüchtlingspolitik der offenen Tür. Ungarn dagegen wurde von chinesischen Netizens für seine harte Linie gegenüber Flüchtlingen, wenn nicht für sein autoritäres Oberhaupt, gelobt.“ Ein zweiter – ebenfalls abfälliger – Titel, der neben „baizuo“ benutzt werde, sei „shengmu“, was soviel wie „heilige Mutter“ bedeute. (Die Chinesen blicken durch; in Deutschland beschreibt diese Chiffre praktisch die einzige Alternative zur Realpolitik.) Doch auch Obama und Hillary Clinton habe man den Ehrentitel „baizuo“ verliehen. Trump indes „wurde als Vorkämpfer für alles angesehen, was die ‚weiße Linke‘ ablehnte, und Kritiker der ‚baizuo‘ wurden natürlich seine enthusiastischen Anhänger“.

Bezeichnend ist folgender Passus: „Viele chinesische Studenten und Jobsucher in Europa halten es einfach für unfair, dass sie ‚so hart arbeiten müssen, um bleiben zu dürfen, während diese Flüchtlinge einfach kommen und Asyl beanspruchen‘.“ Aus der innenpolitischen Perspektive liege die Anti-baizuo-Haltung auf einer Linie mit dem brutalen Pragmatismus im postsozialistischen China, wo Darwins „Logik des ‚survival of the fittest‘“ gelte (ich will freilich darauf hinweisen, dass Darwins Modell keineswegs so simpel angelegt ist und eben auch „the choice of beauty“, die für ihn quasi schon im Vogelreich beginnende Kulturfähigkeit, einschließt). In China gelte der Grundsatz, dass jeder für seine Misere verantwortlich sei und jeder sich selber helfen müsse.

Beim Online-Dienst Weibo – quasi dem chinesischen Pendant zu Facebook – wurde ein Essay mehr als 7.000 Mal geteilt, dessen Verfasser, ein „fantasy lover Mr. Liu“, die europäische Philosophie „von Voltaire und Marx zu Adorno und Foucault“ mit den „weißen Linken“ als Abschluss eine „geistige Epidemie auf dem Weg zur Selbstvernichtung“ nennt. So nah ist uns das Reich der Mitte!

Wenn man jetzt einen Kameraschwenk auf das chinesische Engagement in Afrika macht, offenbart sich das europäische Dilemma in aller Deutlichkeit. Die Chinesen investieren, kaufen Land und Rohstoffe, beschäftigen die Einheimischen zu niedrigen Löhnen, treiben also eine Art Kolonialkapitalismus zum eigenen Nutzen, bei dem für die Einheimischen einiges abfällt. Die (West-) Europäer haben zuerst jahrzehntelang mit ihrer Entwicklungshilfe vor allem afrikanischen Diktatoren deren Schweizer Bankkonten gefüllt, jetzt importieren sie im großen Stil und unter Beteiligung zum Beispiel der Bundeswehr als staatliche Schlepperorganisation sogenannte Flüchtlinge aus Afrika und dem Orient, für deren Versorgung die einheimische Bevölkerung aufkommen muss. Statt auf dem schwarzen Kontinent zu investieren und Afrikanern dort, wo sie leben und in einem gewissen Sinne auch hingehören, Jobs zu verschaffen, holen europäische Regierungen mit Shengmu an der Spitze afrikanische Analphabeten nach Europa, damit die Europäer für sie arbeiten. Praktisch findet ein umgekehrter Kolonialismus statt, die Europäer penetrieren nicht mehr, sondern lassen sich penetrieren, was sich hierzulande am besten mit dem Personalwechsel von Bismarck, Moltke oder Hindenburg zu Mutti, Flinten-Uschi und Volker Beck verdeutlichen lässt.

China aber, das Land, in dem vor hundert Jahren an den Parks von Shanghai noch Schilder standen „Zutritt für Hunde und Chinesen verboten!“ – wer hat‘s erfunden? Die Deutschen waren‘s nicht –, das in den Opiumkriegen kolonialisierte, von den Angelsachen tief gedemütigte China ist augenscheinlich nicht schulddurchglüht und willens, denselben Weg zu gehen. Vielleicht, Genossen, ist es an der Zeit, das alte Kampflied neu zu intonieren: „Der Osten erglüht, China ist jung!“ Auch wenn dort keine Kulturrevolutionen und Massenmorde mehr stattfinden, sondern nur die „Kompetenzfestungen“ (Gunnar Heinsohn) der Zukunft errichtet werden. Niemand soll meinen, ich wünschte, in eine davon einzuziehen. Aber das Epöchlein des Optativs, die bundesrepublikanische Märchenwelt der Wünschbarkeiten, könnte bereits weit hinter uns liegen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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