11. Mai 2017

Ein Besuch in Moskau am „Tag des Sieges“ Der Marsch der Angehörigen

Wo nimmt der Westen seinen Dünkel her?

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Bildquelle: shutterstock Moskau heute: Das neue Ostrom?

Ich kenne Moskau, seit ich 1967 das erste Mal mit meinen Eltern da war. Es war Februar, die Temperaturen bewegten sich um die minus zehn Grad Celsius. Die Stadt erschreckte mich. Ein braun-graues Steinmeer, bestückt mit Losungen, die auf alle nur denkbaren Weisen vom Sieg des Sozialismus und der Unschlagbarkeit des Marxismus-Leninismus kündeten.

Meine Schwester und ich wurden in unseren neuen Nylonkutten sofort als Westler identifiziert (so sah man in der Sowjetunion die DDR) und permanent angesprochen. So kamen wir schnell mit Jugendlichen in Kontakt, was im Plan des Reisebüros nicht vorgesehen war. Während meine Eltern im GUM, dem berühmten Kaufhaus am Roten Platz, nach Gold und Kaffee, der unglaublich billig und zehn Jahre später bereits aus den Geschäften verschwunden war, anstanden, lernten wir die Schrecken der Moskauer Kommunalwohnungen kennen, in die uns die Jugendlichen einluden. Ich sprach damals fließend Russisch und hatte keine Verständigungsprobleme. Heute weiß ich, dass in diesen Kommunalkas im Zentrum eher die Privilegierten wohnten, auch wenn eine Familie sich ein Zimmer und Bad und Küche mit anderen Familien teilen musste. Die anderen wohnten in den endlosen Vorstädten, durch die wir vom Flugplatz kommend gefahren waren.

Heute ähneln diese Vorstädte eher amerikanischen Stadtrandbebauungen. Die Hochhäuser sind heller geworden, und die Straßenränder sind mit schreienden Riesenreklamen, oft als Videos, gepflastert. Wir passieren das Denkmal der Panzersperren. Früher wurde allen Reisegruppen erklärt, bis zu diesem Punkt hätten es die Deutschen geschafft, dann wurden sie zurückgedrängt. Stimmt nicht, meint mein Begleiter Saadi. Die Wehrmacht wurde schon 40 Kilometer vor Moskau angehalten. An dieser Stelle gab es zwar Panzersperren, aber die wurden nie gebraucht. So wird aus Geschichte Legende.

Gleich nach der Stadtgrenze hören die Werbungen fast auf. Ich war sehr gespannt auf die Stadt, die ich zum letzten Mal 2004 besucht habe. Schon damals war ich beeindruckt, in welchem Tempo Moskau seine alte Schönheit zurückerlangte. Jetzt war ich überwältigt. Wir fuhren die Twerskaja entlang, die frühere Gorkistraße, und sahen fast ausschließlich sorgfältig restaurierte Gebäude. In Anbetracht der prachtvollen Stalin-Bauten musste ich daran denken, welches Schicksal der ehemalige Chef des Bauhauses Hannes Meyer der Hauptstadt der Sowjetunion zugedacht hatte. Stalin hatte ihn damit beauftragt, einen Plan für den Umbau zu entwickeln. Meyer präsentierte einen radikalen Vorschlag: Rund um den Kreml sollte alles abgerissen und wie Tortenstücke ein Dutzend Stadtteile gruppiert werden: ein Stadtteil für die Sportler, einen für die Wissenschaftler, einen für die Musiker, einen für die Maler, einen für die Arbeiter, und so weiter. Das war Stalin zu totalitär. Er entband Meyer von seiner Aufgabe und bestellte zwei Lieblingsarchitekten des ermordeten Zaren, die den berühmten Zuckerbäckerstil schufen.

Das berüchtigte Hotel Lux, in dem die kommunistischen Emigranten aus ganz Europa untergebracht waren, bis sie im Lager oder den Erschießungskellern landeten, war von einer Bauplane bedeckt. Dafür strahlte die gefürchtete Lubjanka, die Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes, in Sonnengelb und Rot.

Später fuhren wir die Moskwa entlang, am „Haus am Ufer“ vorbei, das im originalen Grau-Beige immer noch die kommunistische Tristesse ausstrahlt. Hier wohnten Regierungsmitglieder, Armeeführung und höchste Parteifunktionäre in großen Wohnungen mit Personal, bis sie von den Schergen der Staatssicherheit abgeholt und liquidiert wurden. Unter anderen lebte der General Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski hier, legendärer Bürgerkriegsheld, Liebhaber von Musik und schönen Ballerinen, Schutzengel von Dimitri Schostakowitsch, bis er sich selbst nicht mehr schützen konnte. In seine Wohnung zog ein anderer General. Juri Trifonow beschreibt in seinem Roman „Das Haus am Ufer“, wie sich seine Bewohner in Erwartung ihrer Verhaftung nur noch vollständig bekleidet ins Bett gelegt oder sich mit Koffer gleich neben dem Fahrstuhl postiert haben, damit die Familie nicht gestört würde, wenn sie abgeholt werden.

Die mit Blick über den Fluss zum Kreml wohnten, haben vielleicht nächtliche Bittgebete in Richtung des Fensters geschickt, hinter dem jede Nacht das Licht bis zum frühen Morgen brannte. Die in der zweiten Reihe untergebracht waren, sahen vor ihren Fenstern eine kleine Kirche. Aber auch der Gott, den sie längst abgeschafft hatten, konnte ihnen nicht helfen.

Die Erlöserkathedrale, die gegenüber dem Wohnhaus der Bonzen gestanden hatte, war auf Befehl Stalins abgerissen und durch ein Schwimmbad ersetzt worden. Diese Schwimmhalle hatte ein Außenbecken, in dem man auch im tiefsten Winter schwimmen konnte, was ich 1967 getan habe. Durch den enormen Unterschied zwischen Außen- und Wassertemperatur war die Halle in tiefsten Nebel gehüllt. Als Schwimmer sah man einen anderen Schwimmer oft erst im letzten Moment oder erst beim Zusammenstoß.

Schon kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetherrlichkeit wurde die Kathedrale mit ihren goldenen Kuppeln wieder errichtet und spiegelt sich heute im Fluss, als wäre sie nie weg gewesen. Moskau glänzt, als wäre es die Hauptstadt eines Imperiums, aber das Imperium ist nicht mehr da.

Ich bin hier, um mir die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges anzuschauen und den von der Zivilgesellschaft initiierten Marsch des „Unsterblichen Regiments“ mitzumachen. Auf diesem Marsch, der zum ersten Mal 2007 in der westsibirischen Stadt Tjumen durchgeführt wurde und seit 2010 auch in Moskau stattfindet, werden die Kriegsteilnehmer von ihren Familienangehörigen geehrt.

Am Vormittag findet die traditionelle Militärparade statt. Dafür wird der Rote Platz weiträumig abgesperrt, was Tausende von Menschen, vor allem junge, daran hindert, dem Ereignis nahezukommen. Nachdem die Uhr auf dem Spasski-Turm vernehmlich geschlagen hat, beginnt die Parade mit einem weithin vernehmbaren dreifachen „Hurra!“. Die Generalität sitzt in offenen Kübelwagen, mindestens ein General bekreuzigt sich, als der Wagen unter einem Kremltor durchfährt, über dem ein Heiligenbild angebracht ist. Neu ist auch, dass Staatschef Putin nicht auf einer Tribüne sitzt, sondern auf die Kriegsveteranen zugeht und sie begrüßt. Das scheint eine Referenz an die Stimmung in der Bevölkerung zu sein. Nachdem die Parade den Roten Platz passiert hat, werden die Kanonen an der Kremlmauer abgeschossen, was an die Kanonade bei Kriegsende erinnert.

Am frühen Nachmittag versammeln sich die Demonstrationsteilnehmer für den Marsch des „Unsterblichen Regiments“ am Puschkinplatz. Viele haben Schilder mit Fotos ihrer Familienangehörigen in den Händen, weiß-rote Luftballons, die russische Nationalflagge oder die Fahne der Roten Armee. Andere halten die Bilder ihrer Lieben im Arm, so wie sie von der Wand genommen wurden. Man liest auf den Aufschriften, wie lange der Soldat oder die Krankenschwester gedient haben. Manchmal, wann sie gefallen sind. Ein „19..“ deutet an, dass derjenige vermisst gemeldet wurde. Es ist ein rührender Anblick. Viele der Gesichter auf den Fotos sind erschreckend jung. Schon mit 17 Jahren wurden die Soldaten an die Front geschickt. Es sind auffällig viele Mittelasiaten und Sibirjaken dabei. Besonders gegen Ende des Krieges wurden immer neue „frische“ sibirische Verbände im Krieg verheizt.

Nicht die Generäle, schon gar nicht der Generalissimus, haben den Krieg gewonnen, sondern diese Menschen. Es hat sehr lange gedauert, bis sie die Ehrung erfahren haben, die sie verdienen. Die Millionen von Toten wurden vom Sowjetregime als „Heldentote“ instrumentalisiert und damit der Gesellschaft entrückt. Mit diesem Marsch der Angehörigen werden sie zurückgeholt. Im letzten Jahr hatten sich 600.000 Menschen spontan versammelt. In diesem Jahr sollen es 750.000 gewesen sein.

Als der Zug in den Roten Platz einbog, erwartete uns eine Überraschung. Das Lenin-Mausoleum, auf dessen Dachterrasse sich in den vergangenen Jahrzehnten die Partei- und Staatsführer und ihr Gefolge präsentiert hatten, war hinter einer großen bunten Wand verschwunden. Auf den Bänken vor dieser Wand saßen die Kriegsveteranen, denen von den Vorbeiziehenden für ihren Einsatz und ihren Sieg gedankt wurde. Ein spontanes „Spasibo“ aus Tausenden von Kehlen. So belohnt die Zivilgesellschaft die von der Politik Vergessenen.

Die Stimmung war keineswegs feindselig. Wir konnten Deutsch reden, ohne befürchten zu müssen, angemacht zu werden. Überhaupt sind die Menschen hier höflich, freundlich und rücksichtsvoll. Moskau ist auffallend sauber. Keine Spur von Verwahrlosung. Der Rote Platz als Müllhalde, zu der sich der Alexanderplatz in Berlin entwickelt hat, ist undenkbar. Keine Graffiti verunzieren die sorgfältig restaurierten Gebäude. Auch die Züge und die Bahnhöfe der Metro sind frei von herumliegenden Flaschen, Tüten oder gar Essensresten, wie es bei uns üblich geworden ist. Keinem Moskauer würde es einfallen, seinen Burger im Zug zu mampfen oder seinen Sitznachbarn mit den Krümeln seines Croissants zu beglücken. Die Jungen machen den Alten höflich Platz. Mein 60+-Begleiter bekam fast Herzrasen, als ein hübsches Mädchen für ihn aufstand.

Die Liebe zur Heimat scheint den Menschen zu einem angenehmeren Mitbürger zu machen, als die verbissenen Weltoffenen und Toleranten, die sich bei uns mit den Ellenbogen stets die besten Plätze sichern und mit ihrem Gepäck die Nachbarsitze blockieren. Wenn man den Vergleich vor Augen hat, wie es anderswo zugeht, fragt man sich, wo der Westen seinen Dünkel hernimmt. Ostrom existierte jedenfalls noch tausend Jahre nach dem Untergang Westroms.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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