27. März 2017

Genderforschung und Politik Geschlecht als Tugend

Die Hausordnung des Staates

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Bildquelle: shutterstock Organisierte Orientierungslosigkeit: Nicht wissen, wer man ist

Kennen Sie den Gesichtsausdruck eines Kleinkindes, wenn es sein großes Geschäft in einem Swimmingpool macht? Diese Miene abgeklärter, sich selbst genügender und überraschter Konzentration? Da hat nichts anderes mehr Platz. Alle verfügbaren Sinne sind vom nur halbwegs gesteuerten Vorgang knapp unter der Wasseroberfläche gefangengenommen. Rufen und gestikulieren können Sie getrost sein lassen. Bringt nichts.

Es ist dieses Bild, das sich dem Schreiber regelmäßig aufdrängt, wenn Gespräch oder Lektüre ihn auf die in kürzester Zeit mit vereinten akademischen und politischen Kräften in die universitäre Landschaft hineingekleisterte Straße der Genderforschung führt. Realitätsferne, Weltabgewandtheit, inhaltliche (nicht aber finanzielle!) Selbstgenügsamkeit – alles da. Zusammen mit den Tatsachen, dass die „Wissenschaft“ auf der Verneinung naturwissenschaftlicher Standardtheorien basiert und sich einer Sprache bedient, die nur Stammesmitglieder verstehen, erfüllt sie sämtliche Kriterien einer Parallelwelt. Oder sind Sie der Meinung, in einem Wahrnehmungsraum, in dem der Mensch und die Möglichkeiten seines Tuns, Wirkens, Erschaffens, Strebens und Kämpfens – auch bekannt als Leben – reduziert werden auf Identitätsfindung mittels Neusortierung der Geschlechter via Haarfarbe oder Hautbeschaffenheit, sei Platz für Großes, für Weites und Neues? Glauben Sie, in einem Kosmos, der sich zu 90 Prozent aus dunkler Materie à la „Anatomie als soziales Konstrukt“ zusammensetzt und wo man sich der Frage widmet, ob der Biologie selbst nicht patriarchales Denken zugrundeliege, sei Licht im Sinn von Prägnanz und Praxisbezug erwünscht oder vorgesehen?

Das einhellig aus den Hallen des Fachbereichs quellende Schweigen anlässlich von vermehrt sich ereignendem Erleben zwischen Zuwandernden biologisch eindeutigen Geschlechts und schon länger hier lebenden Frauen – pardon! – Mensch*innen, legt ein Nein nahe. Wozu also? Wem dient Gender und Diversity? Wozu hat die „Wissenschaft“, die die Richtigkeit ihrer Behauptungen auf eine Minderheit von circa 0,13 Prozent der Bevölkerung (Transgender) abstützt, in unserer Gesellschaft im positiven Sinn beigetragen? Die Frage unbeantwortet zu lassen und unter „künstlicher Wahrheitssuche ohne Relevanz für gesellschaftliche Realitäten“ abzubuchen, wird Macht und Mitteln, mit denen der Fachbereich in den letzten Jahren ausgestattet worden ist, nicht gerecht. Von den Tausenden von Genderbeauftragten und ‑experten in Behörden und Ämtern ganz zu schweigen.

Wer sich die Sache genauer ansieht, stellt fest, dass es sich um eine Art „Kampf-Wissenschaft“ handelt, die ihre Mission nicht in der Entdeckung und Nutzbarmachung von Neuem, Offenem und Weiterführendem sieht, sondern im Kampf gegen Bestehendes. Birgit Schmid stellt die Sache in der „NZZ“ mit folgender Frage auf die Füße: Mal angenommen, sie lägen richtig mit ihren Theorien, Geschlecht inklusive Anatomie sei wirklich und ausschließlich Folge menschlicher Kultur und Konstruktion – so what? Was ist der Grund, die über Jahrtausende gewachsenen Rollen von Mann und Frau, in denen sich die große Mehrheit der Menschen auch heute noch wohlfühlt, zu pulverisieren, mehr noch: zu zerstören?

Eine mögliche Antwort geben die Genderleute in erstaunlicher Offenheit selber: Geschlecht ist politisch. Erstaunlich ist diese simple Aussage deshalb, weil sie sich damit als Apostel eines zutiefst sozialistischen Evangeliums outen. Wenn Geschlecht politisch ist, dann ist es auch der „Geschlechtsträger“, also das Individuum. Und wenn Persönliches, bisher dem Individuum Vorbehaltenes politisch wird, dann wird auch seine Freiheit politisch. Oder anders gesagt: die Politisierung des Geschlechts ist die Demokratisierung des Geschlechts, was nichts anderes heißt, als dass ein weiterer Bereich des Menschen dem politisch organisierten Zugriff via Mehrheit (egal, aus wie kleinen Minderheiten sie sich zusammensetzt) preisgegeben werden soll.

Über 200 Professuren für Genderforschung allein im deutschsprachigen Raum und die Tatsache, dass der Miteinbezug der Erkenntnisse dieser „Wissenschaft“ längst ein zentrales Qualitätskriterium bei der Vergabe von Fördermitteln und Forschungsprojekten darstellt, verbieten es, die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen. Die „Bewerbungsphase“, in der etwas scheinbar Neues als vorbildlich und hervorragend beworben und zur Tugend erhoben wird, haben wir bereits hinter uns und marschieren in Richtung zwingende Moral. Resultat dieser letzteren ist, wie der Feminismus es in immer unverhohlenerer Art vormacht, stets nur eins: Zwang im Gewand von Freiheit. Der ungehinderte Zugriff auf Individuen, Familien, Schulen, Unternehmen. Gewaltsame Durchsetzung von Interessen im Namen einer „Kollektiv-Freiheit“, die kein reales, sondern ein reines Macht-Konzept ist. Immer.

Dass damit außerdem ein weiterer Punkt auf der gewachsenen Hausordnung menschlichen Zusammenlebens gestrichen wird, passt nicht nur zufällig in das Konzept des hyperindividualisierten, losgelösten, verlassenen Menschen, in dessen Leben der Staat Vater, Mutter und Gott sein will. Die Denunziation und Demontage von Klein- und Kleinstwiderstandszellen wie Familie, Unternehmen, Vereine und andere Gruppen sich freiwillig zusammenschließender Menschen es waren, sind dabei, zu gelingen. Die Entfremdung gipfelt nicht selten in Verfeindung. Und es ist als Folgeschritt nur konsequent, den Menschen sich selbst zu entfremden. Die Wahlfreiheit in puncto Geschlecht ist nichts anderes als organisierte Orientierungslosigkeit. Wer nicht instinktiv weiß, wer und was er ist, wer täglich erneut den Wegweiser suchen muss, der ihm sagt, als was er wohin gehen soll und wozu, der hat keine Zeit mehr für Dinge wie Freiheit, Herausforderung, Wagnis, Erforschung und Kreation. Sollte dem einen oder anderen kommender Generationen trotz orchestrierten Untenhaltens auf Analphasen-Niveau mittels Bildungspolitik der Sinn nach solchem stehen, nach einem Mehr an Raum und Platz für das, was wir heute noch unter der Bezeichnung „Leben“ verstehen, dann wird er jene Hausordnung übernehmen, die ihm dies zu ermöglichen vorgibt. Es wird die Hausordnung des Staates sein: der Terror einer konstituierten Tugend. Sarrazin und viele vor ihm haben es erkannt. Wir sind gewarnt. Noch haben wir die Wahl.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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