09. März 2017

„Marshallplan“ für Afrika Unternehmer sind bessere Entwicklungshelfer

Wer von der Hilfe lebt, hat kein Interesse daran, sich überflüssig zu machen

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Bildquelle: TTphoto / Shutterstock.com Kaum einheimische Produkte: Laden in Afrika

Die Lebensbedingungen der Menschen in Afrika haben sich trotz vieler sozialer Projekte in den letzten Jahrzehnten stetig verschlechtert. Alle positiven Hilfsprojekte scheitern, wenn die Mittel aus dem Ausland nicht mehr fließen. Der Kontinent braucht dringend Arbeitsplätze. Wesentlich ist die Förderung von unternehmerischer Dynamik. 80 Prozent der Afrikaner, die arbeiten könnten, haben keine bezahlte Arbeit. Afrika importiert selbst Waren, die relativ leicht im eigenen Land produziert werden könnten, wie Lebensmittel, Kleidung, Möbel und einfache Geräte.

Trotz steigender Ernährungsunsicherheit und sinkender landwirtschaftlicher Produktivität gehen, mit Ausnahme von Ruanda, dem Senegal, Madagaskar, Malawi und Äthiopien, nur fünf Prozent des Staatsbudgets in die Landwirtschaft. Mehr als die Hälfte der afrikanischen Bauern betreibt mehr oder weniger Subsistenzwirtschaft. Traditionelle, ineffiziente Anbaumethoden führen zu abnehmenden Erträgen. Die Folgen sind Übernutzung der Böden, Überweidung, Abholzung und Erosion, so dass immer größere Flächen unfruchtbar werden und sich in Wüste verwandeln.

Die Modernisierung der Landwirtschaft könnte die Landflucht bremsen, sich zum Jobmotor entwickeln und Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen. Laut Weltbank gibt es in Afrika 400 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbarer Fläche, von denen gerade mal zehn Prozent kultiviert werden. Nur wenige Länder, wie Südafrika, Äthiopien und Malawi, exportieren mehr Lebensmittel, als sie für die Ernährung ihrer Bevölkerung importieren. Auch im Vorzeigeland Ruanda werden etwa 90 Prozent aller benötigten Lebensmittel im Land angebaut.

Statt unverarbeiteter Rohstoffe müssten vermehrt Fertigprodukte oder halbfertige Produkte exportiert werden. Heute werden Rohstoffe exportiert, um dann später Fertigwaren zu importieren, die genau aus diesen Rohstoffen hergestellt werden. Das große Potential der afrikanischen Länder in den Bereichen der Land- und Fischwirtschaft, in der Forst- und Viehwirtschaft könnte für verarbeitende Industrien, für die Exportwirtschaft genutzt werden, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und die Armut zu vermindern.

Statt des Imports von Nahrungsmitteln im Wert von über 40 Milliarden Euro müssen agrarische Rohmaterialien in den jeweiligen Ländern verarbeitet werden. Wenn man in einem afrikanischen Staat einen Laden betritt, findet man so gut wie nichts, was in dem Land hergestellt ist. Milchprodukte kommen aus Frankreich, Italien oder Großbritannien, weil sich die einheimische Elite an Importlizenzen für ausländische Produkte bereichert.

Die Bezeichnung „Marshallplan“ geht an der Sache vorbei

„Landwirtschaft ist der beste Motor für nachhaltiges Wachstum und Entwicklung“, betont der afrikanische Unternehmer und Stiftungsgründer Mo Ibrahim. „Aber nur zwei Prozent unserer Studenten studieren Agrarwissenschaften“, klagt er.

Der Bonner Aufruf hat die Absichtserklärung der Bundesregierung, die Förderung deutscher Unternehmen, die in Afrika investieren wollen, erheblich auszuweiten, begrüßt. Afrikanische Unternehmen einzubeziehen, ist ebenfalls richtig. Damit liegt die Bundesregierung auf einer Linie mit dem Kölner Memorandum von Ende November 2016. Darin wird gefordert, „einheimische und ausländische Unternehmer, die Produktionsbetriebe in Afrika errichten, umfassend zu fördern, weil die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas ohne Industrialisierung nicht möglich ist“.

Mittelständische Unternehmen, die sich in Afrika engagieren wollen, sollte die Bundesregierung besonders unterstützen. Sie sollte allerdings nicht die Erwartung wecken, mit diesem Vorstoß ließen sich Flüchtlingsströme in absehbarer Zeit eindämmen. Erst sehr langfristig könnte das der Fall sein. Der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas kann diese politische Kursänderung jedoch einen wesentlichen Impuls geben.

Die Bezeichnung „Marshallplan“, die an den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg anknüpft, ist allerdings verfehlt. Die damaligen Gegebenheiten (funktionierende Verwaltung, Justiz, gut ausgebildete und berufsqualifizierte Bevölkerung) sind in ganz Afrika nur rudimentär vorhanden.

Wie so oft in Papieren des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), ist im „Marshallplan“ das, was Deutschland leisten soll, mit vielen Wörtern beschrieben, nämlich mit 144 – Afrikas Aufgaben dagegen mit 56. Und es fehlt die Beschreibung der dringenden Notwendigkeit, Unternehmer heranzubilden.

Der Unternehmer Michael Junginger (MM Empowerment GmbH, Pfullendorf) baut zusammen mit der Evangelischen Kirche Gambia (ECG) den Business Park Tanji in Gambia auf. Dort erhalten junge Menschen im House of Skills eine qualifizierte Berufsausbildung. Der Aufbau von profitablen CSR-Unternehmen (Corporate Social Responsibility) soll Arbeitsplätze und damit auch bescheidenen Wohlstand und Konsummöglichkeiten schaffen. Die Profitabilität soll wiederum die Finanzierung von Kindergärten und Schulen ermöglichen.

Das BMZ glaubt Steuergelder besser anlegen zu können als Unternehmer

Im Sinne „Unternehmer sind die besseren Entwicklungshelfer“ hat Junginger dem BMZ angeboten, an der Entwicklung eines Förderprogramms, das den Aufbau von kleinen und mittleren Unternehmen fördert, mitzuarbeiten. Statt den Regierungen der afrikanischen Staaten sollten die Steuermittel diesen Unternehmen als Fördermittel zur Verfügung gestellt werden. Obwohl dem BMZ bekannt ist, dass der Unternehmer zusammen mit einem weiteren Geschäftsmann selbst sechsstellige Eigenmittel im hohen Bereich in seine Projekte steckt, hatte das Ministerium kein Interesse.

Die Begründung „die Gefahr, dass Steuergelder verschwendet würden“ ist gerade aus diesem Ministerium eine Dreistigkeit und macht Kenner der Entwicklungshilfeindustrie fassungslos.

Trotzdem habe ich den Unternehmer um seine Einschätzung für ein Förderprogramm im Rahmen des sogenannten Marshallplans gebeten, denn ein solches Programm muss Inhalt dieses Marshallplans sein, wenn sich in Zukunft etwas verbessern soll. Zumindest sollte endlich ein Pilotprogramm in wenigen reformwilligen Staaten gestartet werden. Bei jährlich acht Milliarden Euro, die dem Entwicklungsminister zur Verfügung stehen, sollte das möglich sein. Schlimmer als jetzt kann es ohnehin nicht kommen. Unternehmerisches Engagement muss direkt und unmittelbar wirken können. Hierfür sind vor Ort verlässliche Rahmenbedingungen für eine zielführende Zusammenarbeit notwendig, die mit wenig Aufwand sehr klar definiert und umgesetzt werden könnten.

 Folgende Schlüsselkriterien könnten laut Michael Junginger für ein Förderprogramm zielführend sein: Unternehmerische Kompetenz des Investors (auch Einzelpersonen); Unternehmensidee mit positiver Erfolgsprognose; Bereitschaft des Investors, einen zu definierenden Prozentsatz der Gesamtinvestition zu übernehmen; Vorhandensein eines personellen Netzwerkes im Land, das verlässlich ist; die Höhe der Fördermittel orientiert sich an den zu schaffenden Arbeitsplätzen in Relation zu den erforderlichen Investitionen entsprechend dem Businessplan; gefördert werden, entgegen der vom BMZ formulierten Restriktion, Investitionen (Grundstück, Infrastruktur, Gebäude, Maschinen, Geschäftsausstattung) und Personalausbildung.

Das Eigeninteresse der Entwicklungshelfer steht dem Umsteuern entgegen

Zwischenstaatliche Vereinbarungen müssen gewährleisten, dass Investoren, die gemäß definierten entwicklungspolitischen Standards bereit sind, zu investieren, zügig die erforderlichen Genehmigungen erhalten (bestechungsfreier Behördenapparat). Dies muss auch für die operativen Behördenabwicklungen des laufenden Geschäftes gelten (Zoll, Import und Export von Gütern, Unternehmenssteuern).

Wenn aber Unternehmer die besseren Entwicklungshelfer sind, dann ist das für alle, die bisher von den guten Taten leben, keine uneingeschränkt gute Botschaft. Das Eigeninteresse der Entwicklungshelfer und ihrer Organisationen steht diesem Ziel entgegen.

Entwicklungshelfer, die von der Hilfe leben, haben kein Interesse daran, sich überflüssig zu machen. Entwicklungshilfe ist zu einem Geschäft geworden, und die Bereitschaft der Organisationen, sich auf absehbare Zeit abzuschaffen, ist sehr gering. Deshalb stößt man bei der bisher erreichten Entwicklung durch unsere Hilfe in Afrika, je nach Interessenlage, auf erhebliche Wahrnehmungsunterschiede. Jetzt wird sich zeigen, ob Minister Müller an einem ernsthaften Austausch mit der Wirtschaft interessiert ist. Statt großer Worte, wie kürzlich in Nairobi beim deutsch-afrikanischen Wirtschaftsgipfel, hofft der Afrikaverein auf konkrete Maßnahmen, wie bessere Absicherung der Geschäfte und politische Unterstützung. Der Erfolg ist fraglich, aber viel gewagter noch ist es, so weiterzumachen wie bisher. Der auf Mitleid und Almosen basierte Ansatz der westlichen Entwicklungshilfe ist gescheitert.

Ohne afrikanische Aufbruchstimmung und kritische Bestandsaufnahme wird aber wieder alles vergeblich sein. Bei dem Wirtschaftsgipfel im Februar in Nairobi nahmen trotz Zusagen weder Präsident Uhuru Kenyatta noch Industrie-und Handelsminister Aden Mohammed teil. Auch afrikanische Geschäftsleute waren nicht sehr zahlreich erschienen. So erwecken die Eliten in Kenia nicht den Eindruck, dass sie an Investitionen deutscher Unternehmen und der Schaffung von Arbeitsplätzen interessiert sind. Sie scheinen statt Eigenanstrengungen, ambitionierten eigenen Programmen, eher den Segen der deutschen Partner zu erwarten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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