31. Januar 2017

Entwicklungshilfe-Leaks Im Filz der irren Helfer

Ein vertrauliches Papier dreier Experten

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Bildquelle: shutterstock Helfen Afrika nicht: Entwicklungsbürokraten

Kürzlich traf ich drei in Afrika tätige Entwicklungshilfeexperten, die mir ihre wenig erfreulichen Erfahrungen schilderten. Ich bat sie um das untenstehende Papier, um vielleicht ein kritische Auseinandersetzung anzustoßen. Die Beispiele aus Workshops zeigen, wie mit einer eigenen verquasten Sprache, die niemand außerhalb der Entwicklungshilfeindustrie versteht, jedwede Kritik verhindert werden soll.

So wird jeder Versuch, sich der „Hilfe“ sachlich und offen zu nähern, unterbunden. Derzeit gehen etwa acht Milliarden Euro Steuergelder jährlich in die Entwicklungshilfe, und das ist politisch weitgehend akzeptiert. Jede Bundesregierung wird nicht müde zu beteuern, dass sie noch viel mehr ausgeben will.

Aber nach wie vor ist es unmöglich, über Fehler dieser Hilfe zu diskutieren. Kritik an der Entwicklungshilfe von Bundesminister Gerd Müller (BMZ) und der Gesellschaft für internationale Beziehungen (GIZ), selbst innerhalb der Organisationen, wird als Beleidigung aufgefasst und, wie mir von anderer Seite glaubhaft versichert wird, umgehend sanktioniert. Die Namen der Verfasser des unten folgenden Papiers sind mir bekannt, müssen aus den erwähnten Gründen aber ungenannt bleiben.

Die Realität in Afrika richtet sich nicht an den Leitlinien oder Konzepten des BMZ oder der GIZ aus. Wer aber nicht fähig ist, die Realität anzuerkennen, der kann sie auch nicht gestalten. Die Bundesregierung hat derzeit keine Entwicklungspolitik für Afrika, keine alte und keine neue. Der „Marshallplan“ ist bestenfalls ein wohlmeinender, aber undurchdachter Versuch, die innenpolitische Debatte zu entschärfen – um den Punkt „zunehmende Integrationsprobleme von Migranten“. Die Bezeichnung „Marshallplan“, die an den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg anknüpft, ist unredlich. Die damaligen Gegebenheiten (funktionierende Verwaltung, Justiz, gut ausgebildete und berufsqualifizierte Bevölkerung) sind in ganz Afrika nur rudimentär vorhanden.

Und hier nun die vertrauliche Analyse dreier Experten:

Entwicklungshilfe – Kritik wird sanktioniert

Im folgenden erlauben wir uns, einige Gedanken zur Reformfähigkeit der Entwicklungszusammenarbeit darzustellen, die sich gänzlich auf die Geberorganisationen, deren Prozesse und vor allem deren Mitarbeiter sprich „Entwicklungsexperten“ beziehen. Insbesondere der eingeforderte Reformwille ist nach unseren letzten Beobachtungen nicht nur nicht sichtbar, er ist mutwillig abgestellt.

Die fehlende Auseinandersetzung über das deutliche Scheitern der Entwicklungshilfe in den vergangenen 50 Jahren ist nicht jämmerlicher, sondern sträflicher Natur. Jahrelangen Beobachtungen zufolge – in Deutschland wie auch in verschiedenen Partnerländern – wird die offene Diskussion nicht nur unterdrückt oder gänzlich unterbunden, sondern schon beim Versuch sanktioniert. Die Sanktionen führen recht schnell zum Ausschluss aus dem „Komplex Entwicklungshilfe“, der sehr erfolgreich sein Überleben im In- und Ausland die letzten Jahrzehnte abgesichert hat. Träger der Absicherung sind die eigenen Akteure des Komplexes, die nichts mehr fürchten als den Ausschluss aus dem System.

Kreiert werden laufend Projekte in der Entwicklungshilfe, die sich eigene Sprachen zulegen. Diese Sprachen oder dieses Sprachgebaren werden selbst von den Akteuren der Entwicklungshilfe nicht verstanden, stellen oft aber einen Schutz dar, da es keine Sprache gibt, die diese Sprache an den Pranger stellen könnte. An dieser Stelle empfiehlt es sich, einen Absatz aus einem Atelier zur SEWOH („Sonderinitiative eine Welt ohne Hunger“, die Initiative des Bundesministers Müller, die nichts anderes als Abwärme produziert) zu zitieren: „Gemeinsam mit dem FMB (Fach-und Methodenbereich, früher P&E, Planung & Evaluierung, beansprucht der Thinktank der GIZ zu sein) hat die Steuerungsstruktur in Bonn ein globales Wirkungsmodell entwickelt, das den Rahmen der intendierten Wirkungen für die jeweiligen Länderpakete umreißt. Dies kann als Grundlage für das länderspezifische Modell genutzt werden. Jedes LP (Länderpaket) soll für die spezifischen Gegebenheiten ein individualisiertes Modell als Grundlage für die individualisierte LP-Wirkungsmatrix entwickeln. Im Intranet existiert eine ausführliche Erklärung des Tools und deren Anwendung. Für die Gestaltung des Modells kann entweder auf das globale Modell des Vorhabens im DMS (Dokumentenmanagementsystem) oder den Online-Wirkungsmodellator zurückgegriffen werden.“

Und auf dem Atelier „Workshop zum Datenmanagement von WoM, WiMa & Public Relations in der SEWOH“ treffen wir auf weiteres Entschlüsselungsbedürftiges: „In bezug auf WiMa (Wirkungsmatrix) wurde im Workshop mit GC21 (Global Campus 21, Plattform der GIZ) ein erster technischer Ausgangspunkt gesetzt. Dem müssen jetzt noch weitere Schritte der Ausgestaltung und vor allem Systematisierung folgen. Ein solches GV-übergreifendes („GV“ bedeutet „Globalvorhaben“, das BMZ führt aktuell drei GV durch, eines davon ist die SEWOH) WiMa-Konzept würde neben GC21 vor allen auch weniger technische Maßnahmen, wie beispielsweise geeignete Meeting-Formate, Verteilerlisten, Ansprechpersonen, et cetera beinhalten. Das EnDev-Beispiel (Energising Development: Das Programm unter anderen gefördert durch die GIZ, aber auch andere Geber wie die EU zur Förderung und Verbreitung von energietechnisch nachhaltigen Innovationen) kann hier wertvolle Impulse bieten, wobei SEWOH alles im Lichte der eigenen Bedarfe beleuchten sollte. Neben den inhaltlichen Gesichtspunkten sollte in ein solches WiMa-Konzept eine passende Steuerungsstruktur entwickelt werden, die auch für GC21 verantwortlich ist. Das könnte eine Person sein oder eine verantwortliche Person je GV in einem WiMa-Steuerungskreis. Dieses Konzept sollte idealerweise gemeinsam mit themennahen Personen der beteiligten GVs in einem Workshop entwickelt werden.“

Fast vollständig sind die herkömmlichen/klassischen Betätigungsfelder der Entwicklungszusammenarbeit, in denen oft weiße Elefanten kreiert wurden, durch Programme der Anpassungsstrategien ersetzt worden. Die Anpassungsstrategien stehen im Zeichen der Mimikry, in der sich die Akteure auffallend unauffällig ihrer Programm-Umgebung anpassen. Die laufenden EZ-Programme sind die postfaktischen weißen Elefanten vor weißer Fahne und auf weißem Grund.

Sie integrieren sich nahezu perfekt in die Landschaft der anderen Programme von anderen Gebern. Wichtige Instrumente in der Anpassungsstrategie werden entwickelt und von anderen Organisationen/Programmen übernommen. Ein Instrument heißt „Capacity Development“, ein anderes, sehr neues „Stärkung der Resilienz“. Sehr interessant ist auch das „generische Wirkungsmodell“ zur Evaluierung bei der GIZ. (Beim generischen Wirkungsmodell ist es gelungen, die große Unsicherheit in der Entwicklungshilfe durch die große Unübersichtlichkeit abzulösen. Eingeführt unter dem Geschäftsführer Eisenblätter (GIZ), um ein Gegenstück zur Projektplanungsübersicht der KfW zu setzen. Das Modell ist an zeitraubender Zwecklosigkeit und an Symbolkraft des Komplexes Entwicklungshilfe kaum zu überbieten.) Mit der Übernahme der sehr modischen postfaktischen Instrumente durch die bilateralen und multilateralen Entwicklungshilfeorganisationen kommt es zur Gleichschaltung der meisten Projekte und Programme auf Ergebnislosigkeit.

Afrikanische Herausforderungen sind hier nur lästig und bleiben schlicht in dem europäisch zentrierten prozeduralen Überbau unberücksichtigt. Sollten die Programme jedoch nicht gelingen, ist gerade das afrikanische Umfeld der ausgemachte Schuldige. Unter den alten oder auch neu organisierten Gucci-Linken (Business-Klasse, bitte) kann es aber auch die Globalisierung sein. Oder die europäische Agrarpolitik. Gerne auch – ganz im Zeichen der neuen Ersatzideologie – der Klimawandel. Mit Sicherheit die Amerikaner unter dem neuen Präsidenten.

Das Geschickte daran ist, dass die Sichtbarkeit der Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit völlig entschwunden ist, wozu die vielen Zeitschriften der EZ-Organisationen Zeugnis abgeben. In diesen Zeitschriften gibt es nachweislich eine absolute Festlegungsscheu bei der statistischen Beweiskraft der Wirkungsmessung der durchgeführten Maßnahmen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit.

Jedes Jahr werden Millionen Euro für Evaluierungen in den EZ-Projekten aufgewendet, deren Mitwirkende zuallererst aus den Entwicklungshilfeorganisationen selbst rekrutiert werden. Bei den Evaluierungen wird fast nie auf statistisch verlässliches Datenmaterial bezug genommen, obwohl die Methoden aus Wissenschaft und Forschung hinlänglich bekannt sind und sehr solide und wasserdichte Ergebnisse generieren. 

Mangelnde Kritikfähigkeit oder vielmehr die fehlende Kritikbereitschaft sind auf dem Nährboden der beruflichen Perspektivlosigkeit der „Entwicklungsexperten“ entstanden. Das scheint uns bei etlichen Leuten, die wir kennenlernen mussten respektive mit denen wir zusammengearbeitet haben, nur zu verständlich. Es prägt doch sehr und bildet den Hintergrund der Existenzängste im Komplex Entwicklungshilfe, wenn man weder sachlich noch inhaltlich geschweige denn charakterlich in Programme und Projekte der Entwicklungshilfe etwas beizutragen hat. Das einzige, was den gestandenen oder der gestandenen „ExpertIn“ in seiner Inkompetenz noch fortfahren lässt, sind die verworrenen Strukturen des eigenen Arbeitgebers, der Entwicklungshilfeorganisation und deren Programmdurchführung, an deren weiterer Chaotisierung und Ergebnislosigkeit man kräftig mitarbeitet.

Nicht zufällig nähren diese Chaotisierung und Ergebnislosigkeit in der Entwicklungshilfe Tätigkeiten, die zwar wie Arbeit aussehen, aber keine Arbeit im Sinne der Entwicklung sind. Meetings, Jahresgespräche, Budgetverhandlungen, Planungsworkshops, Berichtswesen, Genehmigungsprozeduren, Powerpoint-Präsentationen, Unternehmensleitbilder, Organigramme et cetera. Dieser Reigen ist mitnichten für Afrika gesund. Er dient nicht den Partnerländern, sondern einer zweifelhaften bürokratischen Wertschöpfung in den Entwicklungsorganisationen und ist sehr milde gesagt eine Verschwendung oberster Kategorie.

Gründe für diesen unglückseligen entwicklungshemmenden Reigen liefert Lars Volmer in dem Buch „Zurück an die Arbeit“. Zitat: „Dennoch ist es aus Sicht der Führungskräfte und Mitarbeiter zumeist erforderlich, dieses Business-Theater zu spielen. Es könnte gar verheerende Folgen haben, wenn sie spontan damit aufhörten.“

Das steht der Entwicklungshilfe auf die Brust geschrieben! Das vorläufige Gesamtergebnis in der Entwicklungshilfe scheint uns folgendermaßen bestens dargestellt: Alles ist zu einem undurchdringbaren Mief versponnen, in dem niemand mehr durchblickt und den daher auch niemand erfolgreich kritisieren kann noch will.

Wir hoffen, dass unsere knappen Ausführungen zum Zustand der Entwicklungshilfe noch aufschlussreich dargestellt werden konnten. Keinesfalls sehen wir die aktuelle Entwicklungshilfe in einem Reformprozess. Im Gegenteil, jetzt werden die Besitzstände im diskurslosen Zeitalter der Bundesrepublik erst recht zementiert, und die letzten kritischen Geister müssen genau jetzt entfernt werden, damit der „Komplex Entwicklungshilfe“ auch morgen noch kraftvoll die willfährigen Mitmach-Akteure absichert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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