19. Dezember 2016

Taktisches „Scheitern“ Die Langfrist-Geostrategie für die „Zentraleurasische Region“ und der angepeilte Irankrieg

Ein kurzer Blick auf den Fahrplan

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Bildquelle: shutterstock Kurzer Blick auf die Karte: Wo liegt denn der Iran?

In den letzten Monaten wurde ich oft gefragt, wie ich denn die derzeitige Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten beurteile und was für die nahe Zukunft zu erwarten stünde. Manche machen sich arge Sorgen, einige fühlen sich von den Ereignissen überfordert und verwirrt, ja sogar hilflos und deprimiert. Vor dem Hintergrund der jüngsten Geschehnisse tauchte in den Gesprächen der letzten Tage vor allem immer wieder eine Frage auf: Wie es denn sein könne, dass nach all den Monaten, in denen stets der Mythos von der russischen Alleinschuld für die Situation in Syrien verbreitet wurde, nun „auf einmal“ auch der Iran genannt wird. Wo das denn „plötzlich“ herkomme, werde ich gefragt. Es war doch immer Putin und sonst niemand. Wieso gesellt sich nun der Iran dazu?

„Merkel macht Russland und Iran für Verbrechen in Aleppo verantwortlich“, lautete die Schlagzeile eines Artikels der „FAZ“ vom 15. Dezember. „Merkel wirft Russland und Iran Verbrechen in Syrien vor“, sekundierte die „Zeit“ einen Tag später. „Präsident Barack Obama hat den syrischen Machthaber Baschar al-Assad und seine Verbündeten Russland und Iran mit drastischen Worten für die katastrophale Lage in Aleppo verantwortlich gemacht“, hieß es in der „FAZ“ vom selben Tag, also dem 16. Dezember.

Dabei gibt es überhaupt keinen Grund, verwirrt oder „ratlos“ zu sein. Denn es ist – gewisse Grundkenntnisse und Hintergrundinformationen über die Strategie für die „Zentraleurasische Region“, wie Zbigniew Brzeziński sie in seinem Buch „The Grand Chessboard“ nannte, vorausgesetzt – gar nicht so schwierig, diesen nur vermeintlich überraschenden Schwenk, oder besser: Schwank zu verstehen. Ganz im Gegenteil. Ich habe bereits fest damit gerechnet und auch immer wieder öffentlich darauf hingewiesen. Es kann mir also niemand vorwerfen, es nach dem Motto „Hinterher ist man ja immer klüger“ schon immer besser gewusst haben zu wollen. Die geopolitische Richtung, die derzeit eingeschlagen wird, überrascht mich noch nicht mal eine Millisekunde, und ich hatte in einigen Artikeln hier auf eigentümlich frei – und zwar schon vor über einem Jahr – davor gewarnt.

Die von vielen empfundene Verwirrung ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass es in Deutschland leider keinen seriösen und ernst zu nehmenden Journalismus mehr gibt, was Themen wie Geopolitik betrifft. Weiter werde ich mich nicht mehr dazu auslassen, da zu dieser äußerst gravierenden Problematik zum einen bereits genug publiziert wurde (was die innigen Verbindungen des „Alpha“-Journalismus zu den einschlägigen „Thinktanks“ betrifft, in denen die Propagandastrategien zur Vorbereitung solcher Kriege ausgeheckt wurden und werden), zum anderen selbst geopolitisch völlig Desinteressierten schon nach einem kurzen Blick auf die „führenden“ Zeitungen dieses Landes auch ohne alle Grundkenntnisse die extreme Einseitigkeit und der offensichtliche „Fake News“-Charakter der diesbezüglichen Berichterstattung wie eine Katze auf Koks ins Auge springen dürften.

Es gibt ein klar definierbares Kontingent an Propagandanarrativen beziehungsweise ‑phrasen, mit denen Leser und Zuschauer in die Irre geführt werden sollen, um ihnen die Erkenntnis der Zusammenhänge – in diesem Fall der übergeordneten Geostrategie – unmöglich zu machen. So wird derzeit beispielsweise – wieder einmal – die Falschbehauptung von der „Ohnmacht des Westens“ in Syrien und allgemein in der Nahmittelostregion wiederholt – was höchst erstaunlich anmuten muss angesichts aller bisher zusammengetragenen Beweise für die kontinuierliche Einmischung nicht nur auf offen militärischen Wegen, also über die diversen Angriffskriege der letzten 15 Jahre, sondern auch des verdeckten Interventionismus über die Finanzierung und Bewaffnung von – ein weiteres Propagandamärchen – „Rebellen“ und „Moderaten“, also kurz: Terrorfraktionen und ihren zahlreichen Splittergruppen, die dumm genug sind, sich als fußsoldatisches „Nutzvieh“ zur Destabilisierung von Ländern wie Libyen oder Syrien verheizen zu lassen. Eine weitere gebetsmühlenartig wiederholte Lüge ist die vom Politik-„Wechsel“ von Obama zu Trump; mit dem Wahlsieg des Immobilienmoguls drohe ein „Abschied“ von der bisherigen Politik unter „Friedensnobelpreisträger“ oder, wie Clemens Wergin in der „Welt“ ihn unlängst tatsächlich zu nennen sich nicht schämte, „Zauder-Präsidenten“ Obama, der, wie immer wieder behauptet wurde, für einen „fatalen Rückzug“ aus der Region gestanden habe (auch das eine glatte Lüge), ja gar für einen „Isolationismus“. Das ist natürlich blanker Unsinn. Keine andere Regierung hat mehr dafür getan, die „Zentraleurasische Region“ in Brand zu stecken, als diejenige unter Obama und seiner zeitweiligen Kriegsministerin Hillary Clinton. Der Irak kommt bis heute nicht zur Ruhe, Obama hatte die Truppenkontingente in Afghanistan immer wieder aufgestockt. Doch in den Zeitungen hieß es stets, die dortigen Einsätze seien „gescheitert“. Sind sie das? Jein. Klingt paradox? Ja, was denn nun? Sind sie gescheitert oder nicht? Ja, sind sie. Es handelte sich allerdings um ein gewolltes „Scheitern“, ein bewusst in Kauf genommenes. Deshalb das „Jein“. Geht es doch zum einen darum – eine zum Verständnis der Gesamtstrategie eminent wichtige Erkenntnis –, die Region in kontinuierlichem Aufruhr zu halten, in einem permanenten, drückenden Chaos, worauf Brzeziński in seinem eingangs erwähnten Buch ja auch ganz offen hinwies (es komme darauf an, dafür zu sorgen, dass die US-Vorherrschaft von niemandem in Frage gestellt werden könne) – zum anderen eben darum, den Krieg gegen den Iran, also das siebte und letzte Land auf der Liste („Irak, Syrien, Libyen, Libanon, Sudan, Somalia und zum Schluss der Iran“, wie US-General Wesley Clark sie einmal beschrieb), vorzubereiten. Aber was haben der Irak und Afghanistan nun mit dem Iran zu tun?

Um die Sache etwas spannender zu machen, möchte ich die Beantwortung dieser Frage aufschieben und zunächst noch einmal auf einige höchst interessante Äußerungen Brzezińskis bei einer US-Senatsanhörung hinweisen. Sie stammen übrigens aus dem Jahre 2007 (!), haben also bereits knapp zehn Jahre auf dem Buckel. Aussagen, die im Mainstream – oh Wunder – natürlich nie diskutiert werden. Lesen und staunen Sie:

„Sollten die Vereinigten Staaten fortfahren, sich auf ein langwieriges Engagement im Irak einzulassen, wäre die Endstation dieser Talfahrt ein Konflikt mit dem Iran und mit einem großen Teil der islamischen Welt. Ein plausibles Szenario für eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran beinhaltet ein Versagen im Irak und ein Verfehlen der dortigen Ziele, gefolgt von Anschuldigungen, der Iran sei für dieses Scheitern verantwortlich; dann von irgendeiner Provokation im Irak oder einem Terrorangriff in den USA, den man dem Iran in die Schuhe schieben wird, kulminierend in einer ‚defensiven‘ US-Militäraktion gegen den Iran, durch die ein einsames Amerika in einem sich ausweitenden und vertiefenden Morast versinken würde, der sich schlussendlich durch den Irak, den Iran, Afghanistan und Pakistan ziehen wird. Ein mystisches historisches Narrativ zur Rechtfertigung eines solchen langwierigen und potentiell ausgedehnten Krieges wird bereits formuliert. Ursprünglich gerechtfertigt durch Falschbehauptungen über die Existenz von Massenvernichtungswaffen, wird der Krieg nun umdefiniert zu dem ‚entschlossenen ideologischen Kampf‘ unserer Zeit schlechthin, der an die Zusammenstöße mit dem Nazismus und Stalinismus erinnere. In diesem Kontext werden der islamistische Extremismus und al-Qaida als Entsprechung zur Bedrohung durch Nazi-Deutschland und dann die Sowjetunion präsentiert, 9/11 als Entsprechung zum Angriff auf Pearl Harbor, der Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg herbeiführte. Dieses simplizistische und demagogische Narrativ übersieht die Tatsache, dass der Nazismus auf der militärischen Stärke des industriell am weitesten fortgeschrittenen europäischen Staates basierte und der Stalinismus fähig war, nicht nur die Ressourcen der siegreichen und militärisch mächtigen Sowjetunion zu mobilisieren, sondern auch weltweite Anziehungskraft über die marxistische Doktrin ausübte. Im Gegensatz dazu akzeptieren die meisten Muslime den islamischen Fundamentalismus nicht; al-Qaida ist eine isolierte fundamentalistisch-islamistische Irrung; die meisten Iraker sind wütend über die amerikanische Besetzung des Irak, die den irakischen Staat zerstörte; während der Iran – auch wenn er regional einflussreicher wird – selber politisch geteilt sowie ökonomisch und militärisch schwach ist. Zu argumentieren, Amerika befände sich in der Region bereits im Krieg mit einer größeren islamischen Bedrohung, deren Epizentrum der Iran sei, läuft darauf hinaus, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu verbreiten.“

Das dürfte wohl gesessen haben. Welch ein erstaunlicher Zufall, dass exakt diese Strategie sich gerade vor unser aller Augen entfaltet.

Achten Sie bitte genau auf Brzezińskis Worte, denn sie sind für das Verständnis der Langfrist-Geostrategie, die schlussendlich in einen Irankrieg münden soll, von größter Wichtigkeit. Er sagte nicht, die für den Irak gesteckten Ziele könnten scheitern und somit der Gesamtstrategie einen Strich durch die Rechnung machen; er sagte, „ein plausibles Szenario für eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran“ beinhalte (!) „ein Versagen im Irak und ein Verfehlen der dortigen Ziele, gefolgt von Anschuldigungen, der Iran sei für dieses Scheitern verantwortlich“.

Mit anderen Worten: Das Scheitern ist Teil der Strategie. Nochmal umformuliert: Es ist kein unbeabsichtigtes, sondern bewusst in Kauf genommenes Scheitern, das, so der Geostratege, von Anschuldigungen gefolgt werden soll, der Iran sei dafür verantwortlich.

Sind sie jetzt immer noch „überrascht“ oder „verwirrt“, weil ein Obama oder eine Merkel nun „plötzlich“ die Liste der Quellen allen Übels dieser Welt außer Russland um ein weiteres Land, also den Iran, erweitert?

Aber warum könnten der Irak und Afghanistan denn für einen möglichen Irankrieg größere Bedeutung haben? Um eine von Brzezińskis Lieblingsformulierungen zu benutzen: „Ein kurzer Blick auf die Karte genügt“, um sich darüber völlig klar zu werden. Also lassen Sie uns einen „kurzen Blick“ auf die Karte des Nahen Ostens werfen. Wo liegt der Iran?

Potztausend. Er liegt doch tatsächlich genau zwischen dem Irak und Afghanistan; im Westen wird er von ersterem „flankiert“, im Osten von letzterem. Im Falle eines Krieges könnte man ihn also von zwei Fronten aus in die Zange nehmen. Und beide Länder kommen seit Jahren – was aber reiner Zufall ist, das verspreche ich Ihnen – einfach nicht zur Ruhe, und „ärgerlicherweise“ konnte Obama entgegen seinen Versprechen doch keinen Truppenrückzug aus Afghanistan verkünden. Und dummerweise wird der IS, der auch den Irak in Unruhe hält, ausschließlich von Putin, der AfD und Rechtspopulisten bewaffnet und finanziert, die im Internet ständig diese Fake News verbreiten.

Und überraschenderweise kündigte der völlig unberechenbare Outsider Donald Trump bereits an, man werde sich des Problems mit dem Iran definitiv annehmen. Und wie verblüffend, dass er sich dabei der glatten Lüge bediente, der Iran sei der „Terrorstaat Nummer eins in der Welt“ und betreibe das „weltgrößte Terroristennetzwerk“. Nun wird niemand, der von den Machtverhältnissen im Nahen Osten etwas versteht, ernsthaft leugnen wollen, dass auch Teheran dort selbstverständlich seine Finger im Spiel hat. So weit, so richtig. Aber zu behaupten, der Iran sei dort das Hauptproblem, ist nachweislich falsch und eine maßlose Übertreibung. Nun gut, das kann man Trump verzeihen; als Outsider ist er politisch eben sehr unerfahren und, ich erwähnte es bereits, unberechenbar.

Doch genug der Überraschungen und Unberechenbarkeiten. Seien Sie also bitte nicht verwirrt, wenn ihre gewählten Repräsentanten auch in naher Zukunft argumentieren werden, der Westen „befinde sich in der Region bereits im Krieg mit einer größeren islamischen Bedrohung, deren Epizentrum der Iran sei“, ein „mystisches historisches Narrativ“, das „darauf hinausläuft, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu verbreiten“.


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