04. Dezember 2016

Kernkraft Die übertriebene Strahlungsangst

Der Schutz vor Strahlung führt zu mehr Toten als die Strahlung selbst

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Bildquelle: shutterstock Keine Risikotechnik: Kernkraft

Der Kernkraftreaktor in Tschernobyl ist nun eingesargt. Vor gut 30 Jahren hat die Katastrophe stattgefunden — als Folge eines Experiments der Mannschaft dort. Ein riesengroßer, halbrunder Deckel wurde über den Reaktor geschoben oder, man kann auch sagen, ein gewaltiges Gewölbe darüber gestülpt, gleichsam als „Langfristgrabkammer“, die zudem als ein Superlativ der Technik gilt: Sie ist 108 Meter hoch, dreimal so schwer wie der Eiffelturm, und die Pariser Kirche Notre Dame würde locker hineinpassen, war in der „FAZ“ zu lesen. Zugleich sei die monumentale Hülle auch zum größten Landfahrzeug aller Zeiten geworden. Denn das Bauwerk musste mehrere Hundert Meter vom Katastrophenmeiler entfernt montiert und dann auf Schienen peu à peu über die Kraftwerksruine geschoben werden. Der sichere Einschluss der Ruine mit dem Mammut-Deckel soll den Austritt von Strahlung vereiteln. Für den Blätterwald war dieses Ereignis abermals eine Gelegenheit, die Angst vor radioaktiver Strahlung zu schüren. Wie groß ist die Strahlungsgefahr dort heute wirklich? Ein Strahlenexperte gibt Auskunft.

Bei der Flugzeugreise ist der Strahlungspegel 20 Mal so hoch wie in Tschernobyl

Der promovierte Physiker Lutz Niemann im bayrischen Holzkirchen schreibt zu einem einschlägigen Bericht in der Tageszeitung „Die Welt“: „Der Strahlenpegel liegt auf dem Gelände der Ruine von Tschernobyl bei circa 0,12 Mikro-Sievert pro Stunde, zulässig sind 0,25 Mikro-Sievert pro Stunde. Das wird nun ‚Todeszone‘ genannt, aber nicht begründet. Im Flugzeug haben wir auf unserer Breite in Reiseflughöhe etwa sechs Mikro-Sievert pro Stunde (noch abhängig von der Aktivität der Sonne), also mehr als das 20-Fache vom erlaubten Wert in Tschernobyl. Frage: Warum handelt es sich bei Tschernobyl um eine Todeszone, wenn täglich weltweit mehr als eine Million Menschen sich dieser Strahlung ohne den geringsten Schaden aussetzen, und das fliegende Personal etwa 1.000 Stunden im Jahr?“

Wer ist Dr. Lutz Niemann?

Der Physiker Niemann ist ausgebildeter Fachmann für Strahlenschutz. Er war bei der Siemens AG in der Elektrotechnik tätig, wo er auch für die Aufgaben des Strahlenschutzbeauftragten zuständig war. Noch während seiner Berufslaufbahn hat er in ehrenamtlicher Tätigkeit Aufsätze zum Themenfeld Energie – Kernenergie – Radioaktivität – Klima verfasst, um der Desinformation auf diesem so wichtigen Gebiet entgegenzuwirken. Nach seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben hat er versucht, diese Tätigkeit zu intensivieren, unter anderem durch Mitarbeit im Verein Bürger-für-Technik e.V., in der Kerntechnischen Gesellschaft e.V., dem Verein Deutscher Ingenieure e.V. und in der CSU. Auf einschlägigen Tagungen und auf Konferenzen hält er kundige Vorträge.

Die Gelegenheit genutzt, um die Strahlenangst zu pflegen

Im Zusammenhang mit dem Tschernobyl-Sarkophag schreibt Niemann: „Wieder einmal wird eine Gelegenheit genutzt, um die Strahlenangst zu pflegen und Deutschland auf dem eingeschlagenen Weg zurück ins Mittelalter zu halten.“ Er verweist auch auf die Tsunami-Katastrophe im japanischen Fukushima 2011 und auf die Folgen für den Kernkraftreaktor dort am Meeresufer: „Es sind in Japan infolge der drei Kernschmelzen und Freisetzung von Radioaktivität null Menschen gestorben, niemand wurde in seiner Gesundheit auch nur geschädigt (nachzulesen bei UNSCEAR).Aber es gibt etwa 150 Strahlenschutzopfer, weil die Intensivpatienten evakuiert und so deren ärztliche Versorgung abgebrochen wurde. ‚Der Spiegel‘ berichtet von 150 bis 600 Evakuierungsopfern (meines Wissens das einzige Medium in Deutschland bisher mit deutlichen und richtigen Worten zum Sachverhalt), siehe ‚Der Spiegel‘, ‚Schön verstrahlt‘, 17/2016 Seite 106 ff.“

Kerntechnik ist bei friedlicher Nutzung keine Risikotechnik

Die Medien stellen das Unglück von Fukushima fast immer nur als Kernkraft-Katastrophe dar. Tatsächlich aber war es vor allem und gemessen an den Todesopfern eine Seebeben-Katastrophe, deren Riesenwelle gewaltige Zerstörungen angerichtet und dabei auch das am Meer stehende Kernkraftwerk und die falsch plazierten und daher abgesoffenen Notstromgeneratoren getroffen hat, von denen ohnehin nur einer betriebsfähig war. Für Niemann (und viele andere naturwissenschaftliche Fachleute) ist „Kerntechnik keine Risikotechnik, denn laut UNSCEAR hat die Kerntechnik durch ihre friedliche Nutzung seit Beginn von 1945 bis 2007 durch Strahlenunfälle insgesamt 147 Todesopfer gekostet, da sind Tschernobyl und Unfälle in der Medizin mit eingeschlossen (zum Beispiel versehentliche Bestrahlungen mit tödlicher Dosis bei der Krebsbehandlung), auch der militärische Bereich in den Anfängen. Die IAEA (Internationale Atomenergie-Agentur in Wien) gibt eine um etwa 20 höhere Zahl an.“

Der Schutz vor Strahlung führt zu mehr Toten als die Strahlung selbst

Wie Niemann weiter schreibt, gibt es bedeutende Wissenschaftler, die den derzeitigen Umgang mit Strahlung als den folgenreichsten wissenschaftlichen Irrtum der Neuzeit bezeichnen. Und wir kommen zu der eigenartigen Erkenntnis, dass inzwischen der Strahlenschutz viel mehr Todesopfer fordert als die Strahlung. „Es ist Schutz vor Strahlenschutzmaßnahmen erforderlich, also ein Strahlenschutz-Schutz.“ Die weltweit seit einem halben Jahrhundert gültige Strahlenschutzphilosophie sei falsch, sie sollte geändert werden. Niemann verweist dabei auf die Professoren Becker, Feinendegen, Jaworowski, Chen, Henriksen, Muckerheide, und viele andere. Daher sei der Gesetzgeber gefordert: „Er sollte sich nicht von hauptamtlichen Strahlenschützern beraten lassen, die von unsinnigen Strahlenschutzmaßnahmen leben.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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