19. November 2016

Wegbierverbot Wie dem kleinen Mann seine letzten Freuden genommen werden

Das Proletariat findet nicht mehr öffentlich statt

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Bildquelle: shutterstock Ein Bier auf den Weg: Bald auch verboten?

Ich lese gerade, dass die Städte planen, den Alkoholkonsum im öffentlichen Raum, das sogenannte „Wegbier“, zu verbieten. Sofort wird natürlich eine schleichende Islamisierung vermutet. Ich persönlich halte das für Quatsch. Es ist viel einfacher.

Schon vor 15, 20 Jahren hatte ich anregende Diskussionen zum Verhalten von Menschen. Eine der Aussagen, die ich immer wieder gehört habe, ist: „Rauchen ist ein Unterklassenvergnügen“. 

Damals hat sich das noch nicht mit dem gedeckt, was man allgemein wahrgenommen hat, doch das sollte sich schnell ändern. Alles, was dem Arbeiter gefällt, um sich nach seinem Schaffen die Zeit zu versüßen, steht zur Disposition: Die Schlosser, die sich noch in öligen Arbeitsklamotten in der verrauchten Kneipe gegenseitig zugeprostet haben? Vergangenheit. Das Schnitzel, Pommes-Mayo, das nach einem Acht- oder Zehn-Stunden-Tag wahrlich verdient ist? Die Attacken werden täglich schärfer. Der Urlaubsflug nach Malle? Inbegriff der Umweltschändung. Das Auto, das erst als Massenware den Arbeiter von den Transportbedingungen des Staates und seiner hohen Herren unabhängig und frei gemacht hat? Sein Status als individuelles Eigentum steht zur Disposition. Die Proletarier-Sprache, die in ihrer Derbheit durchaus in der Lage ist, Sachverhalte klar darzulegen ohne Rücksicht auf die Verstimmtheit des Gegenübers? Als Hate-Speech geächtet. Und nun auch noch das Wegbier, als kleiner weiterer Tropfen, um dem Arbeiter den öffentlichen Raum zu entziehen. Denn allein darum geht es.

Ein Planungsfehler, der den Steuerzahler und damit in seiner Masse den Arbeiter Milliarden kostet – wen kümmerts? Aber wenn nach einem Wochenende die Stadtreinigung aktiv werden muss – was für eine Katastrophe!

Eine Show-Kathedrale für Herrn und Frau Oberstudienrat, die nach der fast Verzehnfachung der Baukosten auf über eine Milliarde Euro und jahrelanger Verspätung nun Hamburg verschönert? Keiner Diskussion wert! Wenn aber der Elektrikerbengel diesen Hort der Intellektualität mit seiner Bierflasche zu stören wagte, was wäre das für eine Schmach!

Einer der Ansätze für Rauchverbote in früheren Jahrhunderten war übrigens die Klage, dass der Tabakgenuss dazu führe, dass von Zeit zu Zeit der Edelmann beim gemeinen Bauern um Feuer nachsuche. Die Zeiten sind glücklicherweise überwunden. 

Das Unterklasse-Verhalten wird verboten, verdrängt und wo man es kann bis zum Exzess besteuert. Das Proletariat findet, mit ein paar Euro vom Sozialamt abgefüttert, nicht mehr öffentlich statt. Die Werkbank ist kein „Safe-space“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Freitum.


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Dossier: Bevormundung

Autor

Michael Auksutat

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