16. November 2016

RezensionIan Kershaw: Höllensturz

Europa 1914 bis 1949

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Auf nicht einmal 800 Seiten die Geschichte eines halben Jahrhunderts so zu schildern, dass sich analytischer Tiefgang mit konkreter Anschauung verbindet und sich der Leser nie langweilt, ist eine Leistung, zu der nur wenige Autoren fähig wären. Und es gelingt wohl nur in der Spätphase eines Historikerlebens, wenn auf die Forschungsergebnisse und Arbeiten von Jahrzehnten zurückgegriffen werden kann. Der Brite Kershaw präsentiert uns eine solche Großerzählung. Er ist Jahrgang 1943 und lehrte bis zu seiner Emeritierung „Modern History“ an der Universität von Sheffield. In Deutschland machte er zuletzt mit seiner zweibändigen Hitler-Biographie von sich reden. Sein neues Buch, dem ein Band über die zweite Hälfte des Jahrhunderts folgen soll, befasst sich mit der Epoche des – so der Autor – „Dreißigjährigen Krieges“ von 1914 bis 1945. Kershaw arbeitet meisterhaft heraus, warum sich nach 1918 keine europäische Friedensordnung etablieren konnte und wie es kam, dass die Demokratie nahezu in ganz Europa auf dem Rückzug war. Besonders eindrucksvoll auch, wie der Absturz in die Große Depression nach 1929 erzählt wird. Einseitig ist das Buch nicht, obwohl die Perspektive der angelsächsischen Siegermächte immer wieder durchscheint. Der aufmerksame Leser entdeckt denn auch den einen oder anderen Widerspruch. So, wenn Kershaw einerseits dem Deutschen Kaiserreich wegen des Blanko-Schecks an Österreich-Ungarn die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch 1914 zuschiebt, andererseits aber (auf Seite 60) schreibt, dass eine entschiedene Neutralitätserklärung Londons, „auf welche die Deutschen hofften“, den allgemeinen Krieg womöglich noch hätte verhindern können. Ein besonderer Wert des spannenden Buches liegt darin, dass wirtschaftliche Entwicklungen einbezogen werden und dass die gesamteuropäische Szene mit Blick auf die einzelnen Länder ausgeleuchtet wird.


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