22. Oktober 2016

Wer aus Geschichte nicht lernt, riskiert die Demokratie? Wenn Schulabbrecher Lehrpläne aufstellen

Die alte Leier aus der Widde-Widde-„Welt“. Oder: Haben Steine Ohren?

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Bildquelle: 360b / Shutterstock.com Augen zu und durch: Axel-Springer-Verlag mit Alleinschuldthese

„Befragt man junge Amerikaner, dann frappiert die Ahnungslosigkeit über Essentials der jüngeren Geschichte. Dumme, dumme Amis? Mitnichten. Auch bei den Deutschen herrscht akuter Bildungsnotstand“, konstatierte der gerade in puncto jüngerer bis jüngster Zeitgeschichte recht defizitäre Hannes Stein am 21. Oktober in der Widde-Widde-„Welt“. Wer aus Geschichte nichts lerne, drohte sein Zeigefinger aus der Artikelüberschrift, riskiere die Demokratie. Welch köstliche Ironie, kommt diese Mahnung doch ausgerechnet von jemandem, der in dieser Hinsicht getrost als absoluter Monarch betrachtet werden darf.

Die Feststellung selbst ist natürlich richtig. Wer aus Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen – dieses Diktum besitzt wohl allzeitige Gültigkeit. Und weil dem so ist und gerade im Hause Springer die historische Lernkurve nachweislich sogar noch flacher verläuft als Häschenwitze, darf man sich über diverse Wiederholungen eigentlich längst überwunden geglaubter Dummheiten nicht wundern: So gibt man sich in diesem zwielichtigen Milieu zum Beispiel schon seit geraumer Zeit alle Mühe, an einem weiteren Alleinschuldmythos zu stricken – nämlich dem russischen, demzufolge Moskau ganz alleine für die Situation in Syrien und der Ukraine verantwortlich zeichnen soll, was umso verwunderlicher erscheinen muss, da die bei Springer in solchen Angelegenheiten liebevoll gepflegten Bildungsnotstände von der vor lauter Amerikahass stets schäumenden Restwelt – also allem, was direkt vor der Eingangstür zum Redaktionsgebäude beginnt – eigentlich längst behoben wurden.

Die Tatsache beispielsweise, dass es sich in Syrien keineswegs um einen „Bürgerkrieg“ handelt, sondern um einen von außen ins Land getragenen und unter Vorlage unleugbaren Beweismaterials wertegemeinschaftlich vorgeglühten und im weiteren Verlauf emsig terrorbenzinbesprühten, lässt sich ja zweifelsfrei recherchieren – sofern man weiß, watt datt is‘, dieses Recherchedingens. Schon seit mehreren Jahren wird nicht nur in der ausländischen, zum Beispiel der britischen und französischen Presse, sondern sogar in der amerikanischen selbst über die Hintergründe diverser vermeintlich „nicht-staatlicher“, „unabhängiger“ Castingterrorgruppen zuweilen diskutiert. Oder in Springersprech: Sogar die amerikanische Presse selbst bedient jetzt schon antiamerikanische Ressentiments, damn it. Offensichtlich ist man nirgendwo mehr sicher. Überall lauern Verschwörer, um die amerikanische Weltordnung zu zersetzen. McCarthy? Blutiger Anfänger! Schlimmer noch: Auch in Kongress und Repräsentantenhaus gab es zu den hochinteressanten finanziellen und waffenlogistischen Versorgungskanälen nicht nur in Syrien tätiger humanitärer Vorglüher und Schießbudenfiguren zahlreiche äußerst aufschlussreiche Anhörungen, die in gedruckter und online verfügbarer audiovisueller Form so manche vermeintliche „Theorie“ in historisch-dokumentarische Praxis meißelten. Stein und Kollegen – nicht nur die der „Welt“, sondern auch anderer transatlantischer Werbeprospekte – bräuchten eigentlich nichts weiter zu tun, als diese längst in Hülle und Fülle vorliegenden Informationen endlich anzuerkennen.

Das gilt nicht weniger für den Irakkrieg, den als illegale Invasion, als zudem auf nichts als erstunkenen und erlogenen „Beweisen“ basierenden Angriffskrieg zu bezeichnen sich mittlerweile – und das hat nun wirklich was zu heißen – sich noch nicht mal mehr Mainstream-Historiker scheuen. Für Hannes Stein hingegen war dieser Krieg dennoch einen apologetischen Artikel wert, in dem er Lesern verzweifelt zu erklären versuchte, warum dieser Feldzug vollkommen „richtig“ war. Es stimmt also: Von wegen dumme, dumme Amis. Mitnichten. Warum denn nicht Erkenntnisse, die seit mehr als einem Jahrzehnt vorliegen, einfach beharrlich ignorieren und leugnen? Ja, möglicherweise sogar schon länger als eine Dekade? Ist doch nicht erst seit vorgestern, sondern Jahrzehnten bekannt, dass die beiden Atombombenabwürfe über Unbeteiligten doch nicht ganz so „alternativlos“ waren, wie Stein sie sich in einem anderen Artikel erträumte.

Dieselben Lücken klaffen und gähnen seit Jahren in den Berichten aus Afghanistan vor sich hin, erst recht mit Blick auf die Zerstörungsorgie in Libyen. Der Philosoph Peter Sloterdijk hatte schon ganz recht, als er sagte, der „Lügenäther“ sei „so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr“. Mithin darf man doch sicher fragen, aus welchem Hut ausgerechnet Geschichtsabstinenzler eines Blättchens, das nun schon seit Jahren den Lesern unablässig eine gepflegte, dezidiert lernbewusste Kriegsstimmung gen Russland einzutrommeln versucht, sich das Recht herzaubern, anderen diesbezüglich Wissenslücken vorzuwerfen. Nun haben Steine bekanntlich keine Ohren und können deshalb auch die Schüsse nicht hören. Wer in dieser grob fahrlässigen Weise durch Lügen und Verdrehungen, durch Fälschungen und Klitterungen einen möglichen Krieg in Europa herbeijohlt, erweckt bei historisch kundigen Lesern höchstens Mitleid – oder Zorn. Dauerschwänzer des Geschichtsunterrichtes sollten für dieses Fach lieber keine Lehrpläne aufstellen.

„Wer aus Geschichte nicht lernt, riskiert die Demokratie“


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