30. September 2016

Umfrage des John-Stuart-Mill-Instituts Der Zeitgeist ist grün und die Freiheit gefährdet

Aussagen aus dem Umwelt- und Gesundheitsschutzbereich stehen ganz oben

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Bildquelle: shutterstock Bei braven Deutschen voll im Trend: Mülltrennung

„Wie halten es die Deutschen mit der Freiheit?“ So lautete die Leitfrage des „Freiheitsindex Deutschland 2016“, den das John-Stuart-Mill-Institut für Freiheitsforschung in Heidelberg gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach (IfD), dem Medieninstitut mct Dortmund und weiteren Wissenschaftlern ermittelte und am 27. September 2016 der Öffentlichkeit vorstellte.

„Der Freiheitsindex in Deutschland steigt“, lautet eine Kernaussage der Studie. Doch diese zunächst einmal positiv klingende Nachricht muss relativiert werden: Denn dass Freiheit wertgeschätzt wird, verhindert nicht, dass immer mehr Menschen in Deutschland das Gefühl haben, ihre politische Meinung nicht frei äußern zu können. So gaben Anfang der 1990er Jahre noch 78 Prozent der Befragten an, sie könnten in der Bundesrepublik frei sprechen. Ihr Anteil ist mittlerweile auf einen Tiefstand von 57 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist der Anteil derer, die angaben, sie seien „besser vorsichtig“, auf knapp 30 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit 1990 gestiegen.

Interessante Fakten liefert die Untersuchung über die politischen Ansichten in Ost- und Westdeutschland. Beharrlich wird in der öffentlichen Debatte betont, es gebe hinsichtlich der Sympathie für Toleranz, für demokratische Parteien und für Weltoffenheit ein starkes West-Ost-Gefälle. Insbesondere nach den jüngsten Wahlergebnissen machte wieder das geflügelte Wort von „Dunkeldeutschland“ die Runde. Diese Einschätzung lässt sich aber nach den Ergebnissen dieser Studie nicht aufrechterhalten. So antworteten auf die Frage, ob es eine gemeinsame westliche Kultur, also einen westlichen Lebensstil gebe, der sich von anderen Kulturen unterscheidet, zwei Drittel der Westdeutschen, aber lediglich 56 Prozent der Ostdeutschen mit „Ja“.

Auch der Eindruck, dass in Ostdeutschland das Gefühl der Bedrohtheit und der Sorge um die westliche Kultur deutlich stärker ausgeprägt sei als in Westdeutschland, lässt sich anhand dieser Studie nicht bestätigen: Lediglich 35 Prozent der Ostdeutschen und 33 Prozent der Westdeutschen sehen die westliche Kultur als „bedroht“ an. Und tatsächlich ist der Anteil derer, die der Aussage zustimmen, die westlichen Länder würden ihre Kultur und ihre Art zu leben nicht entschlossen genug verteidigen, in Westdeutschland sogar höher als in Ostdeutschland (41 Prozent gegenüber 36 Prozent).

Demgegenüber wird die Ansicht, die westlichen Länder müssten etwas vom Reichtum an die Länder der Dritten Welt zurückgeben, häufiger von Ostdeutschen als von Westdeutschen geteilt (37 Prozent gegenüber 32 Prozent). Rassistische und nationalistische Tendenzen als ein hauptsächlich ostdeutsches Phänomen zu betrachten, geht also an der Realität vorbei. Diese ist komplizierter, als Wahlergebnisse es suggerieren.

Die Untersuchung macht einmal mehr deutlich, wie „grün“ der moderne Zeitgeist geworden ist. Im „Zeitgeist-Panorama“ der John-Stuart-Mill-Stiftung, in dem gefragt wird, was „in“ und was „out“ sei, stehen unter den Top Ten allein sieben Aussagen aus dem Umwelt- und Gesundheitsschutzbereich: „Bioprodukte“ liegen an der Spitze, sie haben ihren „In“-Anteil seit 2006 von 65 Prozent auf 92 Prozent gesteigert. Gefolgt werden sie von „Fitness“, „Sport treiben“ und „Gesunde Ernährung“. Nach den nicht in diesen Bereich einzuordnenden Aussagen „Das Leben genießen“ und „Karriere“ folgen mit „Vegetarisches Essen“ und „Umweltschutz“ zwei weitere Vertreter dieser Themenrichtung. Nach der „Freiheit“, die hinter dem „Umweltschutz“ auf Platz 9 landete, folgt auf Platz 10 noch ein besonders deutscher Öko-Klassiker: „Müll trennen“.

Die Dominanz von Umwelt- und Gesundheitsthemen spiegelt sich auch in den populärsten Verbotsforderungen wider: Sie belegen die Plätze 1 („Harte Drogen wie Heroin, Kokain und so weiter“: 85 Prozent), 2 („Klonen von Menschen“: 79 Prozent), 4 („Gesundheitsgefährdende, ungesunde Lebensmittel“: 56 Prozent), und 6 („Sogenannte weiche Drogen wie Haschisch, Marihuana und so weiter“: 45 Prozent). Lediglich die Forderung nach einem Verbot rechtsradikaler Parteien (Platz 3, 60 Prozent) und von Filmen, Videos und Computerspielen mit vielen Gewaltdarstellungen (Platz 5: 52 Prozent) können in diese Phalanx vorstoßen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der BFT Bürgerzeitung.


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