02. September 2016

Begriffskritik Pflichtfrei ist nicht frei (Teil 1)

Freiheit ist die schönste Pflicht

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Bildquelle: shutterstock Nur noch verschwommen: Die Bedeutung von Begriffen

Der Mensch ohne Sprache denkt nicht. Erst die Sprache ermöglicht ihm die Verortung seiner selbst und anderer in der Welt. Das Bewusstwerden von Ideen, Werthaltungen, Zweifeln, Kritik und Erkenntnis ist ohne sie nicht möglich. Wer eine Gesellschaft verändern will, muss damit anfangen, ihr Bewusstsein mittels Sprache zu verändern. Es gilt, das gewachsene Repertoire der Begriffe, die die Sprache ausmachen, zu verändern. Wir stecken bereits mitten drin in diesem Prozess.

Unauffällig und scheinbar harmlos werden Worte entleert oder neu besetzt und derart überfrachtet, dass Nachfragen zum besseren Verständnis unnötig erscheint. Oder aber sie werden schlicht und einfach umgedeutet. Dass sich in dieser Gestaltungslogik die obrigkeitliche Hand der reinen Lehre zuallererst auf Schulen, Universitäten, Medien und Kultur zu legen hat, versteht sich von selbst. Und ebenso, dass solche Sozial-Ingenieurskunst der Versuch ist, den Menschen, mithin die Gesellschaft auf arroganteste Weise zum beliebig nutzbaren Durchlauferhitzer von Worthülsen, Geschwätz, Gerede und Parolen zu reduzieren.

Ein Begriff, der das Reinigungs- und Neudeutungs-Programm staatlicher Sprachhygiene durchlaufen hat, ist jener der Pflicht. „Pflicht“ ist Synonym für Leidiges und Lästiges, Zeitraubendes, Einengendes und Bremsendes mit digestiv-braunem Gerüchlein geworden. Pflicht impliziert wahllosen Gehorsam. Die totale Umdeutung zum Zwang ist bald erreicht. Zulässig ist der Gebrauch des Wortes nur dort noch, wo es um die Pflichten anderer geht, oder aber wo politischer Wille zu Alternativlosigkeit gerinnt. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise also verkündet, es sei ihre „verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dass dieses Europa einen gemeinsamen Weg findet“ (richtig: der Satz ergibt keinen Sinn) und von der Schweizer Bundesrätin Sommaruga dahingehend sekundiert wird, dass es „unsere Pflicht“ sei, jedem Asyl zu gewähren, der solches dieser Tage wünsche, dann sagen sie damit nur eines: Wir wollen und ihr müsst.

Das ist Zwang. Pflicht ist etwas ganz anderes. Der Begriff der Pflicht geht auf das westgermanische Worte für Pflege zurück. Er ist nicht das autoritäre „du sollst!“ als das man ihn uns zu verkaufen sucht. Er ist das mildere „du solltest“ und lässt die Wahl. Pflicht kann erfüllt oder verweigert werden. Sie fordert eine Entscheidung und die Übernahme von Verantwortung. Pflicht heißt Risiko- und Gewissensprüfung. Die beinhaltet die Möglichkeit des Scheiterns und des Erfolgs. Wer leben will, sollte essen. Wer essen will, sollte arbeiten. Wer denken will, sollte Sprache beherrschen. Wer besser denken will, sollte sich bilden. Der Mensch ist von Anfang an und zuallererst ein ordentlicher Haufen an Pflichten. Und auch vieles, was heute zu Rechten umgedeutet worden ist, sind in erster Linie Pflichten. Man denke da zum Beispiel an die Menschenrechte auf soziale Teilhabe, auf Erholung oder auf befriedigende Arbeit.

Natürlich ist die Pflicht im Sinn der Pflege der eigenen Person und anderer mittels Bildung, Arbeit, sozialem Engagement oder Nächstenhilfe nicht immer ein Spaß. Natürlich kann sie lästig und auch belastend sein. Aber sie abzugeben oder zu umgehen bedeutet nicht ein Mehr, sondern ein Weniger an Freiheit. Der ihr ausweichende Mensch beraubt sich selber der Wahl, der Möglichkeit der Konsensfindung mit sich und anderen, der Verantwortung und damit des potentiellen Erfolgs. Er enthält sich die eigene Entwicklung hin zur Mündigkeit ebenso vor wie persönliche Durchbruchserlebnisse, die ihn befähigen, aus dem Kreis des Egos herauszutreten und zu wachsen. Er verbaut sich die Möglichkeit der Würde.

Pflichten durch Rechte zu ersetzen und was übrig bleibt in Zwang umzudeuten, ist der Versuch, den Menschen in konditionierbare Unmündigkeit zurückzustoßen. Das Ganze mit einem Mehr an Freiheit zu garnieren, ist Blendwerk und Lüge. Und ein geschickter Schachzug: Die Gesellschaft, die dem obrigkeitlichen „Sei frei!“ mittels Abgabe sämtlicher Pflichten in der Zeitspanne zwischen Muttermund und Massengrab glaubt, macht sich zum Sklaven, für den andere die Entscheidungen fällen, die Wahl treffen, leben. Das ist Kadavergehorsam und hat mit Freiheit nicht das Geringste gemein. Im Gegenteil: Freiheit ist in diesem Sinn kein Privileg, kein Recht und schon gar nicht auf Befehl machbar. Sie ist zuallererst eine Pflicht. Mithin die schönste Pflicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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