17. August 2016

Schimpfwort „Religiot“ Die Vernünftigkeit des Glaubens

Esoterische Beliebigkeit und gedankliches Mitläufertum

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Bildquelle: shutterstock Eine Frage des Charakters: Religiöser Glaube

In sozialen Medien und in Kommentarbereichen stößt man hin und wieder auf das Wort „Religiot“. Meist im Plural, da es sich um eine Art nonchalante Insippenhaftnahme all jener handelt, die einer Glaubenslehre anhängen (die Rede ist hier nicht von Schaum-vor-dem-Mund-Fanatismus), durch solche, die sich selbst als aufgeklärt, wissend und gedanklich unbestechlich sehen. Auf den Aspekt des Rechts auf freie Meinungsäußerung und die Möglichkeit, in der Anonymität jeden nach eigenem Gusto zu beleidigen, sei hier nicht eingegangen. Beides auch Fragen der persönlichen Werthaltung und des Anstands.

Religioten – so die Annahme – sind in den Augen der „Austeilenden“ dumme Menschen, Deppen und Vollpfosten, die nicht in der Lage sind, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und deshalb eine Instanz brauchen, die ihnen vorschreibt, wie zu denken, zu sehen und zu verstehen sei. Dem Glaubenden wird damit ein tiefes und breites Verständnis der Möglichkeiten, das Leben zu leben, von vornherein abgesprochen. Ebenso die Fähigkeit zu innerer Entwicklung und auch jene, den Menschen aus einer gewissen kritischen und historischen Distanz zu betrachten. Gleichzeitig wird ihm die naive und arrogante Überzeugung unterstellt, keine andere Lebens- und Denkform als die eigene sei gültig. Glaubende sind in diesem Verständnis wissensresistente und bildungsferne Opfer von rhetorischem Drill, Gehirnwäsche, Sekten, Moden, Gurus und Schwätzern. Kurz: Unreife und Unfreie.

Wer so urteilt – so die Annahme weiter – muss sich selber im Umkehrschluss als Wissenden, Gebildeten und damit als Skeptiker verstehen. Als jemanden, der sich nicht übertölpeln und bluffen lässt. Er ist esoterischer Literatur gegenüber genauso skeptisch wie gegenüber Wirtschaftsprognosen, politischen Aussagen und den Versprechen der Forschung. Er weiß Dinge und versteht, warum sie sind, wie sie sind. Er fragt nach Belegen und danach, ob sie verlässlich sind. Er erkennt echte Argumente und entlarvt Sophisterei. Wann ist eine Erklärung echt, wann purer Schein? Wann ist etwas Gesetz, wann zufällige Korrelation? Kurz: Er weiß sich selbst und die Dinge in der Welt zu verorten. Der gebildete Mensch hat Orientierung.

Wäre die „Sache“ hier zu Ende, dann wäre es auch der Mensch als rein biologisches System mit bestimmter Beschaffenheit und Funktionsweise. Alles darüber Hinausreichende historischer Zufall. Gründe, Sinn, Vernunft, Freiheit, Selbstbewusstsein, seelische und moralische Identität, Begegnung, Bedeutung, Denken, Kommunikation – alles bloß Nice-to-haves. Verzichtbar in der materiellen Welt. Der Mensch bleibt Mensch, wird nicht zur Person.

Aber wir sind Personen – Orientierung in der Welt ist nicht die einzige, auf die es ankommt. Egal, ob wir den Zufall für unsere Geburtszeit, den Lebensort, die Kultur, die Sprache und so weiter verantwortlich machen oder eine höhere Instanz. Und weil wir Personen sind, müssen wir uns entscheiden, wie wir leben und wer wir sein wollen, in welcher Haltung und mit welchen Gründen. Dinge also, die Erfahrung und Realität durchdringen und für die wir uns ebenso entscheiden müssen wie für die Farbe unserer Kleider. Aufgrund dieser Entscheidung werden wir vernünftig – das heißt im Licht unserer Überzeugungen, Wünsche und Gefühle – und somit in unserem Sinn zweckmäßig handeln. Und wir werden glauben, das Richtige zu tun. Jeder von uns.

Wer überzeugt ist, der Euro sei stabil, trotz 30-prozentigen Wertverlusts seit Einführung, die Lockerungs-Politik der EZB funktioniere, trotz 15-jähriger QE-Null-Wirkungs-Blaupause in Japan, der wird sein Geld getrost bei der Bank hinterlegen und „sparen“. Wer diese Überzeugung nicht teilt, der wird zweckmäßige Alternativen suchen. Wer davon überzeugt ist, die Aufzucht, Erziehung und Finanzierung von Kindern sei eine Aufgabe der Allgemeinheit und nicht eigene Pflicht den Kindern gegenüber, dem wird es zweckmäßig erscheinen, sich ungeachtet eigener sozialer und finanzieller Verhältnisse den Kinderwunsch zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu erfüllen. Wer diese Überzeugung nicht teilt, der wird seine Wünsche zur Seite legen und auf Kinder verzichten oder aber warten, bis er ihnen und sich den entsprechenden Rahmen bieten kann. Wer davon überzeugt ist, auf das Gefühl der Höhenangst Einfluss nehmen zu können, dem wird anlässlich seines ersten Tandem-Gleitschirmfluges das Sammeln von Informationen und Recherche vor Ort zweckmäßig erscheinen. Wenn nicht, wird er einfach hingehen und rennen, wenn der Pilot „Rennen!“ ruft. Wer davon überzeugt ist, sein Leben, dessen Anfang und Ende seien einzig dem Zufall geschuldet, der wird es als vernünftig betrachten, sich nicht weiter als bis zur Unterschrift auf der Patientenverfügung mit dem eigenen Ableben zu befassen. Wer hingegen der Überzeugung ist, dies sei nicht so und es sei für seine seelische und mentale Gesundheit zu Lebzeiten vonnöten etwas zu „haben“, das über das Physisch-Organische hinausgehe, eine Art „ewiger Ruhe“ mitten im Lärm des Heute, dem wird es zweckmäßig erscheinen, sich auf die Suche nach dem zu machen, wovon er glaubt, damit leben und sterben zu können.

Glaube ist also nicht nur „Glaube an“ etwas, sondern auch eine innere Haltung, ein Charakterzug. Das im Alten Testament für Glaube verwendete Wort „emunah“ bedeutet unter anderem Standhaftigkeit. Einen Glaubenden im religiösen Sinn vor diesem Hintergrund – also im Wissen, dass auch sein Glaube Ausdruck einer Form und Fassung ist, die er seinem Leben aufgrund der Entscheidung seines freien Willens geben will – als „Religioten“ zu bezeichnen, als ginge es darum, eine Tatsache festzustellen, ist nicht nur falsch, sondern dumm. Es entlarvt nicht den Glaubenden, sondern in erster Linie die Einstellung des so Urteilenden anderen gegenüber als esoterische Beliebigkeit, mithin seinen Glauben sowie die Art, wie er andere behandeln will und wie er zu leben entschieden hat. Oder anders ausgedrückt: Er offenbart mit dem Urteil eine geistige Enge, ein gedankliches Mitläufertum und wendet auf sich selbst an, was er anderen in scheinbarer religiöser Idiotie Verorteten ankreidet.

P.S.: Das Wort „Religiot“ kann wahlweise durch „Rassist“, „Rechter“, „Rechtspopulist“, „Islamophober“, „Homophober“ oder „Sexist“ ersetzt werden. Es wird verdammt eng dieser Tage.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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