14. August 2016

Ein persönlicher Brief an den Leser Erziehungsfragen

Kleine Menschen beim gnadenlosen Kampf um Aufmerksamkeit

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Bildquelle: shutterstock Gnadenloser Kampf um Aufmerksamkeit: Kinder

Das hier ist persönlich. Ein Brief. An die unbekannte Leserin, an den möglichen Leser. Ein Reigen von Fragen auch. Eine Suche nach anderer Sicht auf die Dinge als der eigenen. Ein Eingeständnis der Ohnmacht. Letztendlich eine Bitte um Rat.

Den Ausgangspunkt bildet ein Abend bei Freunden. Ein Ehepaar mit zwei Kindern. Den Mann kenne ich seit Kindestagen. Wenn ich jemandem Leib und Gut anvertrauen müsste, dann ihm. Ich kenne keinen Menschen, der geradliniger, integrer, gewissenhafter, echter und ehrlicher ist. Außer mir waren noch vier weitere Gäste da. Personelle Ausstattung demnach: sieben Erwachsene, zwei Kinder (vier und sechs Jahre alt).

Die Wohnung wirkt auf den Eintretenden wie eine schlecht organisierte Kita. Ein chaotisches Lego-Land im Miniaturformat. Dass dort außer Kindern noch zwei erwachsene Menschen leben, davon zeugt einzig das Elternschlafzimmer. Die Prioritäten im Haushalt sind klar – man ist vorbereitet. Man sagt sich: Okay – der Abend wird sich gesprächsmäßig um Kinder drehen. Das ist in Ordnung. Jedes Thema, sofern Interesse dafür aufgebracht wird, lädt ein zum Weiterdenken, Lachen, Debattieren.

Aber ich lag falsch. Komplett falsch. Es wurde nicht über Kinder geredet. Die Kinder redeten. Ausschließlich. Mit fortschreitender Stunde und wohl auch Müdigkeit zunehmend dezibelstark. Dazu Posen auf Stühlen, Rennen um Tische, Rangeleien und Heulkrämpfe als sich spontan wiederholende Gestaltungselemente. Unterbrochen nur von liebevollem Nachfragen der Eltern, ob sie nicht A in Ruhe essen lassen, selber essen oder ein wenig für sich spielen möchten. Fragen, die konsequent überhört und übertönt wurden. Es kam mir vor wie eine groteske Huldigungs-Veranstaltung: Sieben Erwachsene lauschen sieben Stunden lang den Absonderungen freier Entfaltung zweier Menschen, die im Schnitt 30 Jahre jünger sind als sie selber.

Es war nach Mitternacht, als der Vater der Kinder und ich uns einen Moment draußen hinsetzten, um eine zu rauchen. Die Gäste waren weg, Frau und Kinder im Bett. Gesprochen wurde nichts während dieser gemeinsamen Viertelstunde. Ich glaube, mein Freund war schlicht und einfach zu erledigt. Ich selber auch. Außerdem sprachlos.

Drei Dinge muss ich klarstellen, bevor ich fortfahre oder besser: Fragen stelle. Erstens: Ich bin alleinstehend und kinderlos. Lebe mit zwei Hunden in der französischen Pampa in einem 400-jährigen ehemaligen Schweinestall. Kein Warmwasser, Holzheizung. Nachbarschafts- und Handy-los. Kurz: Ich bin sicher keine Kompetenzschleuder in Sachen Kinder und deren Erziehung. Fragen, beziehungsweise eine Meinung, auf der diese basieren, erlaube ich mir dennoch. Wenn ausschließlich Erlebtes und Erfahrenes als Grundlage einer solchen legitim wären, dürften nur sehr wenige Menschen zu sehr wenigen Themen eine Meinung äußern. Zweitens: Ich habe mich an diesem Abend nicht aufgeregt. Nicht über die Gastgeber und Eltern, nicht über deren Kinder und auch nicht über den Rest von uns Gästen. Zugegebenermaßen streifte mich kurzfristig der Gedanke, dass die Sache mit dem demographischen Wandel möglicherweise doch nicht so schlecht sei. Aber was während der gemeinsamen Stunden Anlauf geholt und dort draußen im Dunkel des Gartens zugeschlagen hat, war etwas ganz anderes: Trauer. Es ist nicht schön, kleine Menschen beim orientierungslosen und gnadenlosen Kampf um Aufmerksamkeit bis zur totalen Erschöpfung sich aufreiben zu sehen. Und es hat nichts Frohes an sich, eine Person, die man so gut kennt, dessen gelebte Werte und an sich selbst angelegte Maßstäbe man achtet und bewundert, sich nicht nur unterwerfen, sondern ausliefern zu sehen. Und drittens: Ich weiß aus zahlreichen Telefonaten und persönlichen Gesprächen, dass die beiden das Beste für ihre Kinder wollen: ein Leben in Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Freiheit. Dasselbe, was sie für sich auch gefordert hatten und wozu sie erzogen worden waren. Und da setzen die Fragen ein.

Ich glaube, dass man den Menschen zur Freiheit erziehen muss. Bezweifle, dass er ohne Anleitung, die in einem ersten Schritt Einschränkung ist, zur vollen Erkenntnis und Ausübung des „Handwerks der Freiheit“ (Peter Bieri) gelangen kann. Der Mensch kommt als Unfreier zur Welt. Vom Moment der Geburt an sind ihm Grenzen gesetzt. Die erste und größte durch die Tatsache seiner Endlichkeit. Um ihr nicht anheim zu fallen, muss für ihn gesorgt werden. Er ist in seiner physisch-organischen Existenz vollkommen und während Jahren abhängig. Der Umstand, dass er in sich das Erbgut seiner Mutter und seines Vaters trägt, konditioniert ihn weiter. Ebenso die Tatsache, dass er von früh an Erinnerungen speichert, in einer bestimmten Kultur und Sprachwelt heranwächst, überhaupt eine Sprache hat, Eltern, einen Körper – alles Grenzen setzende Fakten. Sinn und Zweck einer Erziehung zur Freiheit ist es demnach sicher auch, die Kenntnis dieser Grenzen zu vermitteln, Wege zu deren Akzeptanz, Umgehung oder teilweise Aufhebung zu weisen. Weiter kann gesagt werden, dass der Mensch ein Opportunist ist. Jedes Kind ist es. Anpassung an Umstände, Stimmungslagen und Konstellationen zum eigenen Besten ist Programm. Aufmerksamkeit heißt naturgemäß „beachtet werden“, heißt „nicht vergessen oder übersehen werden“, heißt „kümmern“, heißt „überleben“. Aber das gilt für die Steinzeit. Nicht für unsere Noch-Wohlstands-Ära. Hier bedeuten Grenzen Freiheit.

Wenn man das Kind nun aber im Namen der freien Entfaltung diesem gnadenlosen und überholten „Programm“ überlässt, erreicht man dann nicht das Gegenteil? Führt es zu Freiheit, den kleinen Menschen dem längst obsoleten Kampf um Aufmerksamkeit auszuliefern? Wäre nicht das Gegenteil, also das Aufzeigen von Grenzen der Aufmerksamkeit, innerhalb derer er sich sorglos bewegen könnte, der wahre Pate der Freiheit? Führt es zur Freiheit, wenn das Leben eines Paares und zweier Individuen in eine Art Liebes- und Spaß-Diktatur überführt wird im erlebten Wissen, dass die Welt das Gegenteil ist und die so beschützten Kinder früher oder später an den soliden Ufern dieser Realität auflaufen werden? Fördert es die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, wenn Eltern und die diesem Entfaltungs-Totalitarismus beiwohnenden Erwachsenen sich unterwerfend die Illusion der Welt als infantiles Utopia unter der Tyrannenherrschaft der Kleinsten fördern? Oder ist auch hier das Gegenteil der Fall: dass die freiwillige Selbstversklavung der Eltern die Kinder auf die Knie zwingt? Auf die Knie vor dem eigenen Spiegelbild? Gezwungen dazu, sich selbst über alles und jeden und in den Mittelpunkt zu stellen, als Sklave eigener Befindlichkeiten, Wünsche, Launen? Verurteilt dazu, Götze für sich selbst und die anderen zu sein? Wie kann ein Kind so zur Ruhe kommen? Wie Geborgenheit finden im immerwährenden Kampf? Wie in Frieden die Welt und das Leben entdecken in ständiger Konfrontation mit dem immer fordernden und nie ruhenden Gott des eigenen Egos?

Sie vermuten richtig, wenn Sie denken, dass ich den Fragereigen noch weiter fortsetzen könnte. Indes – ich will aufhören. Die Richtung ist klar. Die abschließenden Fragen auch: Sind diese Einwände und Ansichten berechtigt und haltbar oder eben doch nur die Ideen eines bloß teilweise sozialisierten Schreiberlings? Sind die Fragen heute noch legitim oder nur noch veraltete Ideen eines rückwärts gerichtet Stehengebliebenen? Und weiter: Hat man das Recht, solche Themen, die ja nur in einem selber drängen, im Gespräch mit dem Freund auf den Tisch zu bringen? Oder ist es gar eine Pflicht? Oder aber ist es eine anmaßende Einmischung in eine Art familiären Intimbereich, zu der auch der beste Freund nicht berechtigt ist?

Um Kommentare wird gebeten. Vielen Dank.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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