11. August 2016

RezensionRobert Grözinger: Jesus, der Kapitalist

Das christliche Herz der Marktwirtschaft

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Betrachtet man die hierzulande von christlichen Organisationen zu Phänomenen wie Privateigentum, Zins und Profit, oder ganz allgemein zu Fragen der Wirtschaft, abgegebenen Stellungnahmen, so kann einen leicht der Verdacht beschleichen, bei Jesus aus Nazareth habe es sich um den ersten Sozialisten der Menschheitsgeschichte gehandelt. Die bei jeder sich bietenden Gelegenheit von Caritas, Diakonie oder Katholischer Sozialakademie formulierte Kapitalismuskritik könnte gar nicht schärfer ausfallen, würde sie von Aktivisten der Roten Falken abgesondert. In verteilungspolitischer Hinsicht stehen die Kirchen oft links vom sozialistischen Meinungshauptstrom. Umso erstaunlicher – ja geradezu provokant – mutet daher der Titel des vorliegenden Buches an. ef-Redakteur Robert Grözinger durchforstet sowohl das Alte als auch das Neue Testament und kommt zum Schluss, dass die Bibel zu nichts weniger taugt als zum Sozialismus. An keiner Stelle der Bibel werde explizit die Verfügung über Besitz und Eigentum angegriffen – sofern dessen Erwerb auf redliche Art erfolgt sei. Nach Paulus sei lediglich die „Liebe zum Geld“, nicht aber das Geld selbst „die Wurzel allen Übels“. An keiner Stelle der Heiligen Schrift würde demnach die Verfügungsgewalt eines rechtmäßigen Herrn über sein Eigentum, das Erzielen von Profit oder das Nehmen von Zins kritisiert. Das Gegenteil sei richtig, wie der Autor zum Beispiel anhand des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg und den anvertrauten Talenten belegt. Unmissverständlicher könne die unumschränkte Verfügungsmacht des Eigentümers über seine Habe und die Rechtmäßigkeit und Vorteilhaftigkeit des Erzielens von Profit gar nicht gutgeheißen werden. Die immer wieder gerne als Belege für die antikapitalistische Überzeugung des Gottessohnes ins Treffen geführten Textstellen verlören augenblicklich die unterstellte, antimarktwirtschaftliche Bedeutung, wenn man den jeweiligen Kontext berücksichtige, in dem sie stehen. Der Hinauswurf der Tempelhändler lässt sich nach Meinung Grözingers so erklären, dass Jesus mit deren unlauteren Geschäftspraktiken nicht einverstanden war – nicht jedoch mit dem bloßen Umstand ihrer Anwesenheit im Tempel. Im Gleichnis vom Nadelöhr indes sei die Person des Adressaten von entscheidender Bedeutung: Nach dem Evangelisten Lukas handle es sich dabei um einen „Vorsteher“ – im Original „archon“, also „Herrscher“. Der Mann habe sein Vermögen also offensichtlich nicht durch eigene Arbeit, sondern durch Vorteilsnahme, Diebstahl oder Raub auf unlautere Weise und damit unter Bruch der Gebote Gottes erworben. Deshalb sei ihm der Eintritt ins Himmelreich verwehrt – nicht, weil er „reich“ ist. Es ist gleichermaßen erhellend wie kurzweilig zu lesen, wie Grözinger die von ihm zitierten Bibelstellen unter einem marktwirtschaftlichen Blickwinkel deutet und interpretiert. Als gelernter Ökonom verfügt er dazu auch über ein intellektuelles Rüstzeug, dessen die Mehrzahl der Kleriker leider vollständig ermangelt – was erklärt, weshalb die Heilige Schrift mitunter auf haarsträubende Weise sinnentstellende Auslegungen erfährt, sobald die Sphäre des Wirtschaftens berührt wird. Ob man dem Autor auch dann noch folgen möchte, wenn er schließlich zu der Erkenntnis kommt, dass Kapitalismus und Christentum einander gegenseitig bedingen, sei dahingestellt. Auch wird es wohl von der Beantwortung der „Gretchenfrage“ abhängen, wie der Leser das noch grundsätzlichere, seit der Aufklärung debattierte Problem, ob es in einer „gottlosen“ Welt überhaupt so etwas wie allgemein gültige, verbindliche, universale Werte geben kann, beurteilt. Beachtung verdient jedenfalls die gegen Ende zitierte Aussage des atheistischen US-Ökonomen Walter Block, der meint: „Der Hauptgrund dafür, dass Religion den säkularen Führern gegen den Strich geht, ist die Tatsache, dass diese Institution moralische Autorität definiert, die nicht von deren Macht abhängt. Wer sich den etatistischen Plünderungen widersetzen will, kann dies ohne Unterstützung der Religion nicht tun.“ Da ist einiges dran!


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