10. August 2016

RezensionMatthias Matussek: Die Apokalypse nach Richard

Eine festliche Geschichte

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Glaubt man dem Feuilleton, dann ist Matthias Matussek eine Art Ego-Katholik. Wer genauer hinhörte, kam eher zu dem Gedanken, dass der Katholizismus diejenige Instanz ist, vor welcher sein Ego verstummt. Nun hat der „Spiegel“-Sonderling ein belletristisches Buch vorgelegt, und wieder wird’s katholisch. „Die Apokalypse nach Richard“ ist eine novellistische Weihnachtsgeschichte und zugleich eine Meditation über den zweiten Petrusbrief im Kopf der Titelfigur. Der 85-jährige, an Parkinson und auch Demenz nicht wirklich leidende Richard versammelt zu Weihnachten seine Familie um sich, wobei sowohl er als auch seine Angehörigen glauben, es werde das letzte gemeinsame Fest sein – aus höchst unterschiedlichen Gründen. Diese Familie ist modernes Patchwork, zwei Söhne mit Ex- und Neu-Frau(en), leiblichen und Stiefkindern, Journalist und Streiter in Christo der eine, Banker und Streiter in pecunia der andere. Eines der grandiosesten Bilder des Buches zeigt uns letzteren Hieronymus Boschs Tripchtychon „Der Garten der Lüste“ betrachtend, zunächst den Garten der irdischen Genüsse – „Das galt bisher. Das war die Party der letzten 30 Jahre, der Karrierejahre“ –, danach den Flügel mit den Höllenqualen: „Und nun werden wir alle umziehen, werden in den rechten Flügel hinüberziehen.“ Weihnachten, das Fest der heiligen Familie und der größten je auf Erden vernehmbar gewordenen Hoffnung, ist in Zeiten seiner konsumistischen Entzauberung immerhin das Fest der irdischen Familie geblieben. Wie Matussek in wenigen Strichen dem Leser sein Personal vor Augen führt, die Handlungsfäden aufnimmt und verknüpft und zum amüsant-tumultuösen Höhepunkt führt, wie er von Kapitel zu Kapitel die Perspektiven wechselt, das ist so gekonnt, als schreibe er seit Jahren nichts anderes (es wäre nicht verwunderlich, wenn wir im nächsten Jahr den Film dazu geliefert bekämen). Aber das wirklich Besondere an diesem Buch ist, dass es auf eine leise Art – so leise, wie darin der Schnee fällt und die reale Welt bis zur Funktionsuntüchtigkeit verzaubert – zu Herzen geht.


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