10. August 2016

RezensionBertrand de Jouvenel: Die Ethik der Umverteilung

Ein Plädoyer für den Minimalstaat

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Mehr als 20 Jahre nach seiner englischsprachigen Ersterscheinung liegt Bertrand de Jouvenels Auseinandersetzung mit der Frage nach „distributiver Gerechtigkeit“ nun in deutscher Sprache vor. Hardy Bouillon trifft in seinem Vorwort den Nagel auf den Kopf, wenn er feststellt, dass es in dem aus zwei Vorlesungen resultierenden Buch nicht so sehr um die Ethik, sondern eher um die Ökonomie der Umverteilung geht. Bertrand de Jouvenel wählt das Beispiel Großbritanniens, um Absichten, Kosten und Konsequenzen umverteilender Maßnahmen zu untersuchen. Vater des Gedankens ist der Wunsch, Gerechtigkeit durch Ergebnisgleichheit herzustellen. „Die sozialistische Lösung besteht nun in der Zerstörung des Privateigentums an sich.“ Denn ohne einen „neuen Menschen“ hervorzubringen, der nicht von Eigennutz getrieben wird, sondern „der sein Entzücken in der Wohlfahrt seiner Brüder findet“, ist die Erreichung dieses Ziels unwahrscheinlich. Der Autor deckt den Widerspruch auf, der sich aus dem Wunsch, eine Verbesserung der materiellen Lebensumstände für die breite Masse herbeizuführen und der zu diesem Zweck vorgenommenen Belastung der Bezieher höherer Einkommen ergibt. Die Schaffung negativer Anreize für die Letztgenannten führt nämlich zu einer Verringerung des Gesamtausstoßes der Volkswirtschaft, was dem angestrebten Ziel offenkundig entgegensteht. „Gerechtigkeit“ durch Gleichmacherei herstellen zu wollen, bedeutet demnach, „anstatt mit unterschiedlich großen Löffeln aus einer großen Schüssel, mit gleich großen Löffeln aus einer kleinen Schüssel zu essen.“ De Jouvenel hält die moderne Gewohnheit für problematisch, „all das als ‚gerecht’ zu bezeichnen, was emotional für wünschenswert gehalten wird.“ Eine egalitäre Einkommensverteilung zu erzwingen, bildet da keine Ausnahme. Wünschenswert erscheint es den Sozialreformern, sowohl Unter- als auch Obergrenzen für ein „gerechtes“ Einkommen zu definieren und politisch durchzusetzen. In seiner Analyse dieser Forderung und der daraus resultierenden Maßnahmen kommt der Autor de Jouvenel zum ernüchternden Schluss, dass es mit einer simplen Umverteilung von Einkommensspitzen zu den „Ärmsten“ nicht getan ist. Die auf diese Weise disponiblen Beträge reichen nämlich bei weitem nicht aus, um dieses Ziel zu verwirklichen. Es bedarf zusätzlicher Griffe in die Brieftaschen der Mittelschicht, was letztlich vom Ziel einer vertikalen Umverteilung wegführt. Den Reichen durch ein am Ziel der Redistribution orientiertes Steuersystem ihre Möglichkeiten zu „exzessivem Konsum“ zu entziehen, bedeutet zudem Hemmnisse im Hinblick auf die Entwicklung und Herstellung von gesellschaftlich wünschenswerten Gütern und Dienstleistungen. So wären zum Beispiel Kulturschaffende davon massiv betroffen. Der Staat müsste vom Ziel distributiver Gerechtigkeit abweichen, um direkte Zuwendungen verteilen zu können. Der Umstand, dass der Luxuskonsum der Reichen die Voraussetzungen für eine später folgende Massenproduktion bestimmter Güter schafft, die dann auch den unteren Einkommensklassen zugänglich wurden (man denke etwa an Telefone, Autos, Fernsehgeräte oder Computer), darf keinesfalls übersehen werden. Das gerne vorgebrachte Argument, „ein wenig mehr“ für die Armen wäre wichtiger als „etwas weniger“ für die Reichen, ist unhaltbar. Nutzen und Schaden können nicht aggregiert und saldiert werden. Ein schwerwiegender Effekt der Belastung der Reichen besteht darin, dass deren reduzierte Möglichkeiten zu Investitionen vom Staat ausgeglichen werden müssen. Bertrand de Jouvenel erkennt, dass „Umverteilung in Wahrheit weniger eine Umverteilung von freiem Einkommen von den Reicheren zu den Ärmeren bedeutet, sondern eine Umverteilung von Macht, weg von den Individuen und hin zum Staat.“ De Jouvenel ist Anwalt des klassisch-liberalen Minimalstaats. Sein Ideal fordert, mit den Worten des Herausgebers Gerd Habermann, „den Verzicht auf den Ehrgeiz, eine Gesellschaft nach dem Modell ‚sozialer Gerechtigkeit’ oder einer anderen Sozialutopie formen zu wollen.“


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