08. August 2016

RezensionMichael Wohlgemuth (Hrsg.): Das Ringen um die Freiheit

„Die Verfassung der Freiheit“ nach 50 Jahren

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Der spätere Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek erlangte mit seinem populären, 1944 erschienenen Bestseller „Der Weg zur Knechtschaft“ Weltruhm. Seine 1960 publizierte „Verfassung der Freiheit“ weist ein in jeder Hinsicht anderes Format auf. Darin fasst der Universalgelehrte seine Gedanken zu Fragen des Wesens und Erhalts der individuellen Freiheit zusammen, deren Bewahrung er als entscheidendes Element einer freiheitlich verfassten Zivilisation erkennt. 50 Jahre nach Erscheinen des Werkes ist erstaunlich, wie aktuell es immer noch anmutet. Einige Passagen wie das Kapitel „Der währungspolitische Rahmen“ sollten – angesichts der Finanzkrise – Pflichtlektüre der politischen Klasse, von Bankern und Führungskräften der Wirtschaft sein. Das besprochene Buch enthält eine Sammlung von Aufsätzen, die sich von unterschiedlichen Positionen aus mit den von Hayek behandelten Gedanken auseinandersetzen. Die Autoren sind hauptsächlich Journalisten, aber auch Wirtschaftswissenschaftler und Protagonisten der liberalen Idee. Wer Hayeks Buch nicht gelesen hat, wird hier mit dessen zentralen Inhalten bekanntgemacht – so etwa mit der „negativen Definition“ von Freiheit als „Abwesenheit von Zwang“. Oder seiner vehementen Kritik an der „Anmaßung von Wissen“ durch die Machthaber, die immer wieder dem Größenwahn verfallen, der Gesellschaft jene Idealvorstellungen oktroyieren zu wollen, die sie am Reißbrett konstruiert haben – und damit regelmäßig scheitern. Wissen entsteht und entwickelt sich nach Hayek durch den Wettstreit der Ideen in den Köpfen aller Bürger – nicht nur in denen einer kleinen (selbsternannten) Elite. Der vielfach übersehene Gegensatz von Demokratie und Liberalismus wird von Hayek durch die Benennung der jeweiligen Gegenteile beider Ordnungsprinzipien klargemacht: „Das Gegenteil der Demokratie ist eine autoritäre Regierung; das Gegenteil eines liberalen Systems ist ein totalitäres System. Eine Demokratie kann totalitäre Gewalt ausüben, und es ist vorstellbar, dass eine autoritäre Regierung nach liberalen Prinzipien handelt.“ Diese Erkenntnis sollten sich all jene hinter den Spiegel stecken, die eine Demokratie unkritisch in den Rang eines Heiligtums erheben. Auch dass Freiheit und (materielle) Ungleichheit wie siamesische Zwillinge zusammengehören, mag für manchen eine unangenehme Botschaft sein: „Freiheit erzeugt notwendig Ungleichheit und Gleichheit (materielle Gleichheit) notwendig Unfreiheit.“ Größte Vorsicht also gegenüber all jenen Gesellschaftsklempnern, die „Gerechtigkeit“ nur durch materielle Gleichheit verwirklicht sehen wollen, nicht aber durch die Gleichheit vor dem Gesetz – die „Rule of Law“. Wer materielle Gleichheit zu verwirklichen trachtet, dem steht als Mittel nur die Freiheitsberaubung zur Verfügung. Hayeks lebenslängliche Opposition zum „Sozialen“ wurzelt in dieser Erkenntnis. Dass er damit zum Feindbild der Gewerkschaften wurde, macht seine Theorie für den überzeugten Liberalen nur umso attraktiver. Hayeks Präferenz für die unter der Bezeichnung „Flat Tax“ besser bekannte Proportionalsteuer erklärt sich ebenfalls aus der „Gleichheit vor dem Gesetz“. Jeder einkommensabhängig progressive Steuertarif ist notwendigerweise ein Produkt politischer Willkür – in der demokratischen Praxis schlichtweg die Konsequenz des Neides vermeintlich unterprivilegierter Mehrheiten. Hayek, zuweilen als „Konservativer“ eingeschätzt, begegnet diesem Missverständnis mit einer fulminanten Kritik am Konservatismus. Da es ihm an eigenen Zielvorstellungen mangle, würde dieser sich permanent von seinen (sozialistischen) Herausforderern vor sich hertreiben und in faule Kompromisse treiben lassen. Der in dem Beitrag des Journalisten Philip Plickert thematisierte Unterschied zwischen der französischen und der englischen Version der Aufklärung ist für das Verständnis der Politik der EU im Zuge der Krisenbewältigung besonders erhellend. Der „spekulative und rationalistische“ französische Ansatz hat offensichtlich vollständig über den englischen „empirisch-unsystematischen“ triumphiert. 


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