01. August 2016

Nord- und Südeuropa Mikrofon-Solidarität funktioniert nicht

Der aktuelle Zustand ist umgesetzter politischer Wille

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Bildquelle: shutterstock Europäische Zentralbank: Ein Super-Hedgefonds

„Die Griechen der Schweiz“ titelte im Herbst 2012 die Zürcher „Weltwoche“. Gemeint waren die Romands, die Einwohner der französischsprachigen Schweiz, die in „mediterranem Schlendrian“ und fast schon traditionell jede Statistik betreffend die staatliche Umverteilungsmaschinerie unter negativen Vorzeichen anführen. Der Aufschrei war groß. „Diskriminierung“ riefen die einen, „endlich mal aufräumen, den Saustall“ die anderen.

Tatsache ist: Die Hysterie war rein medialer Natur und verebbte spätestens an den Schwellen steuergeldfinanzierter Gleichstellungsbüros. Der Schweizer indes hatte Grund zu neuen interkantonalen und -kulturellen Witzen und Sprüchen und kümmerte sich ansonsten nicht weiter darum. Man wusste es längst. Aber vor allem: Der Deutschschweizer sympathisiert mit dem angemafiöselten Temperament der Tessiner ebenso wie mit dem nongschalanten Laissez-Faire der Welschen. Und wenn die Béliers (eine militante Organisation jurassischer Separatisten) in einer Nacht- und Nebelaktion das Pyramidendach über dem Stein, der den geographischen Mittelpunkt der Schweiz symbolisiert, abmontieren, um es im heimischen Bellay wieder aufzubauen, dann meint wohl der eine oder andere, man solle die ganze Bagage am besten abschieben. Der Brustton, in dem solche Äußerungen jedoch getätigt werden, klingt nach was ganz anderem: „Geile Aktion, Jungs. Weiter so.“ Der Tenor von alldem: Wir sind Schweizer.

Man stelle sich vor, der EWR wäre anno 1992 nicht in die EU überführt, sondern als hocheffiziente internationale Kooperations-Zone weiterentwickelt worden. Wenn dann dieser Organisation 2012 der Friedensnobelpreis verliehen worden wäre, dann hätte es auch Witze gegeben („Ohne die Griechen hätten wir das nicht geschafft“), Kopfschütteln, Schulterzucken. Aber es wäre nicht jene pervertierte Seligsprechung des weltweit einzigen Parasiten gewesen, der naturgemäß größer wird als sein Wirt – die Staatsbürokratie. Und man hätte nicht versucht, das Vorkommnis – ähnlich einer unter Alkoholeinfluss begangenen Selbstbefleckung in der Öffentlichkeit – so schnell wie möglich und peinlich berührt zu vergessen.

Natürlich hätte die von den USA ausgehende Subprime-Krise und die nachlaufende Wirtschaftskrise auch in diesem Szenario mit voller Härte zugeschlagen. Wie die Nationen Europas als souveräne Staaten mit eigener Währung hätten reagieren können, ist zur Genüge behandelt und aufgezeigt worden. Außerdem hätte der Markt die gargantueske Verschuldungsorgie privater und öffentlicher Hand nicht erlaubt.

Was nicht thematisiert wird, ist die Möglichkeit, dass der kontinenterschütternde Crash solidaritätsfördernd im besten Sinn des Wortes hätte wirken können. Natürlich wäre abgewertet worden auf Teufel komm‘ raus. Aber: Man hätte im Norden von in den Boden gehämmerten Liras, Peseten oder Drachmen profitiert. Hätte billigere Waren und Dienstleistungen kaufen können. Reisen unternehmen. Eine Woche länger in Spanien bleiben. Natürlich in erster Linie aus Gründen der Wirtschaftlichkeit. Aber die PFIGS gefallen eben auch. Man hegt Sympathie nicht nur für Meer und Sonne, sondern auch für die unbeschwerte Trägheit der Lebensart, die vetternwirtschaftliche Komplizenschaft, in die man mit einbezogen wird, die schulterzuckende Problemkonfrontation. Und möglicherweise wäre die eine oder der andere nach Griechenland gefahren anstatt nach Sharm el Sheikh nach dem Motto: „Die können das jetzt brauchen.“ Das wäre Solidarität in ihrer einzig echten Form: freiwillig.

Die Realität sieht anders aus. Hunderte von Milliarden an Steuergeldern sind geflossen. Zinsen wurden abgeschafft. Die EZB mausert sich zum Super-Hedgefonds. In Italien stehen zur Zeit an die 400 Milliarden an Unterwasser-Krediten zur Debatte. Der „Norden“ wird zahlen. Spanien und Portugal müssen die Defizitziele nicht einhalten und werden nicht bestraft, wie in den konstitutiven Verträgen vorgesehen. Gleichzeitig ist sich die Brüsseler Clique nicht zu schade, das Rechtsstaatsverfahren gegenüber Polen ohne Pardon zu verschärfen, während Gabriel Tsipras im selben Moment in bester sozialistisch-brüderlicher Manier und medial wirkungsvoll den Transfer der gescheiterten Erneuerbare-Energien-Industrie von Norden gen Süden und die „wirtschaftliche“ Ankurbelung Griechenlands mittels totaler Solar-Stromifizierung auf Steuerzahlerkosten in die Hand verspricht. (Die erste österreichische Solarfirma hat sich nur Wochen nach Gabriels Ankündigung mit einer Tochtergesellschaft in Griechenland niedergelassen. Umsatz von der EU garantiert. Und die haben dann die Chuzpe, das ganze „Wirtschaft“ zu nennen.)

Der Euro ist ein rein politisches Projekt und hat mit wirtschaftlichen Realitäten nichts am Hut. Dem Willen des selbsternannten Projekt-Managements steht man als Bürger größtenteils ohnmächtig gegenüber. Weil aber Solidarität jenseits Pjöngjangscher Mikrofone eine rein private und freiwillige Sache ist, kann man wenigstens hier etwas bewirken. Und sei es nur, dass man sich dem Massen-Groll auf die Griechen, die Spanier, die Italiener entzieht und sich mit aller Kraft stemmt gegen die medial bewirtschaftete Dauer-Hetze. Weder tragen diese Menschen die Schuld am aktuellen Desaster, noch sind sie faul. Der aktuelle Zustand ist umgesetzter politischer Wille. Ein Abenteuer, zu dem sich weder Griechen noch Deutsche angemeldet haben.

In meiner Nachbarschaft zieht eine portugiesische Familie in Drei-Generationen-Arbeit und Feierabendschichten gerade ein Haus für die Jüngsten hoch. Wenn sie so weitermachen, steht es spätestens Mitte September. Sie fordern mir meine ganze Bewunderung ab, und ich bin froh, dies hier in Frankreich erleben zu dürfen. Das ist Europa.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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