28. Juni 2016

RezensionJörg Guido Hülsmann: Krise der Inflationskultur

Geld, Finanzen und Staat in Zeiten der kollektiven Korruption

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Dieses Buch erscheint, da die Euro-Krise von einem Höhepunkt zum nächsten eilt, zum richtigen Zeitpunkt. Es lässt die Luft aus der von staatsnahen Gesundbetern geschaffenen Erklärungsblase, wonach angeblich unregulierte Märkte, die Gier von Bankern und Spekulanten und kollektive Unterkonsumption die Schuld am nicht enden wollenden Verschuldungs- und Währungsdebakel tragen sollen. Hülsmann stellt die auf dem Kopf stehenden Theorien der Hauptstromökonomie auf rund 300 Seiten wieder auf die Füße. Weder Monetaristen noch Keynesianer hatten die Blasenbildungen der letzten Jahrzehnte kommen sehen. Und bis heute kann keiner von ihnen eine konsistente Erklärung für deren Entstehung anbieten, geschweige denn eine plausible Idee vorweisen, welcher Ausweg zu nehmen sei. Nein, an Regulierungsdichte mangelt es der Finanzwirtschaft nicht. Nein, von einem zu zaghaften Einsatz der Notenpresse oder anderen den Regierungen zur Verfügung stehenden Instrumenten kann auch keine Rede sein. Wo also liegt der Hund begraben? Um seine Erklärung für die Krise und die in der Folge vorgeschlagenen Maßnahmen zu fundieren, holt der Autor weit aus. Im „Über Wachstum“ betitelten ersten Teil widmet er sich der kritischen Würdigung einiger irriger Vorstellungen wie jener, wonach Deflation das größte Übel sei, oder jener, nach der ohne „billige Kredite“ kein Wachstum möglich wäre. Im zweiten Teil nimmt Hülsmann das Phänomen Inflation aufs Korn, erklärt deren verschiedene Erscheinungsformen und beschreibt die fatale Wirkung, die sie nicht nur auf Geldwert und private Ersparnisse ausübt, sondern in letzter Konsequenz auch auf die Richtung, in der sich eine Gesellschaft entwickelt. Dass Inflation Schuldnern und Verschwendern nutzt, Sparern aber schadet, dürfte eine Einsicht sein, die auch Zeitgenossen vermittelt werden kann, die sich selten mit Wirtschaftsfragen befassen. Weniger leicht zu erklären sind indes deren langfristige Folgen, da sie nicht offensichtlich auf der Hand liegen, und welche tief greifenden Veränderungen der Gesellschaft mit einer dauerhaft gepflegten „Inflationskultur“ einhergehen. Erste und größte Nutznießer der Inflation sind der Staat und der mit ihm innig verbundene Bankensektor. Der wesentliche Grund dafür ist, dass Staat und Banken vor allen Normalsterblichen über das neu geschaffene Geld verfügen können. Das unentwegte Staatswachstum einerseits und die Aufblähung des Finanzsektors andererseits sind unmittelbare Konsequenzen dieses Missstandes. Da Staaten nichts produzieren – und daher nichts „verdienen“ –, sind die Regierungen gezwungen, ihre Bürger mittels Steuern und Abgaben um ihr erarbeitetes Einkommen und das ersparte Vermögen zu bringen, um ihre Vorhaben zu finanzieren. Da die tragbare Steuerlast endlich ist, die Begehrlichkeiten der Regierungen aber grenzenlos sind, bildet die Schuldenmacherei eine Finanzierungsalternative. Stehen den Regierungen in einer solchen Lage hörige Zentralbanken und willig kooperierende, weil gegenüber allen anderen Branchen privilegierte, Geschäftsbanken zur Seite, steht der planmäßigen Ausplünderung der Privathaushalte mittels einer in „finanzieller Repression“ kulminierenden Geld- und Fiskalpolitik nichts mehr im Wege. Die im dritten Teil präsentierten Vorschläge für einen Ausweg aus der Krise sind auf dem Boden des demokratischen Wohlfahrtsstaates schwer umzusetzen. Da der Staat es geschafft hat, die Mehrheit der Wahlberechtigten – mit deren eigenem Geld! – von sich abhängig zu machen, wird die Reduzierung der Staatsaufgaben nahezu unmöglich. Das Aus für das staatliche Geldmonopol und die Zentralbanken (und damit das Ende der „Inflationskultur“) wird dann zum utopisch anmutenden Vorhaben. Die Inkaufnahme einer jahrelangen deflationären Rezession wird keine Regierung aushalten, ohne aus dem Amt gejagt zu werden. Dennoch: Das geforderte „Ende mit Schrecken“ ist zweifellos schlechthin die Alternative zum derzeit zelebrierten – immer tiefer in den Abgrund führenden – „Mehr vom selben“. Wahrhaft keine leichte Herbstlektüre!


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