26. Juni 2016

RezensionKrause Landt, Andreas / Bauer, Axel W. / Schneider, Reinhold: Wir sollen sterben wollen

Todes Helfer

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Zentraler Anknüpfungspunkt zweier der drei Beiträge dieses Buches ist der neue Paragraph 217 im Strafgesetzbuch, der die gewerbsmäßige Sterbehilfe untersagt, die private aber durch die Hintertür erlaubt. Ein Philosoph und ein Medizinhistoriker warnen davor, mit dem behaupteten „Selbstbestimmungsrecht“ hinsichtlich der willkürlichen Beendigung des eigenen Lebens am Ende eine Art von „Selbstbestimmungspflicht“ zum frühzeitigen „sozialverträglichen“ Ableben einzuführen. Der größte Teil jener Menschen, die im Freitod ein geringeres Übel erblicken als im Weiterleben, seien an schweren Depressionen erkrankt, die das Denken der Betroffenen maßgeblich einschränken. Dieser Umstand aber lasse es nicht zu, den Todeswunsch als selbstbestimmt zu qualifizieren. Eine wirksame Psychotherapie wäre geeignet, die Todessehnsucht zu beseitigen. Mittlerweile sei es so weit gekommen, dass nicht mehr nur als aussichtslos und unheilbar eingestufte Erkrankungen mit hohem Leidensdruck als „guter Grund“ für das vorzeitig herbeigeführte Lebensende gelten, sondern auch schon die bloße Befürchtung, dass etwas Schlimmes drohen könnte. In Holland, mit seinen diesbezüglich extrem „liberalen“ Bestimmungen, dürften heute bereits 16-Jährige – ohne Zustimmung der Eltern – ein Programm zur Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Die Strafbarkeit jeder Art von Sterbehilfe müsse allein deshalb erhalten bleiben, um sicherzustellen, dass eine „Hilfe aus Mitgefühl“ nicht in Wahrheit aus eigennützigen Motiven (wie etwa die Habgier eines potentiellen Erben) gewährt wird. Der Medizinhistoriker meint, dass die auffallend wohlwollende Haltung verantwortlicher Politiker – namentlich der langjährigen Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger – vor dem Hintergrund der Überalterung der Gesellschaft und der daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der Rentenfinanzierung zu sehen ist: Vorzeitiges Ableben zwecks Entlastung der Pensionskassen. Diese Art zu denken würde die Büchse der Pandora öffnen – mit unabsehbaren Konsequenzen.


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