14. Juni 2016

RezensionEmmanuel Carrère: Das Reich Gottes

Welches Verhältnis unterhält das Abendland zu seiner eigenen Religion?

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Genreübergreifende Publikationen gleichen regelmäßig einem Balanceakt, allzu leicht zerfransen Inhalt und Botschaft angesichts eines Verzichts auf klare Fokussierung. Das gilt insbesondere, wenn wie im vorliegenden Fall ein bekennender Neurotiker eine Melange aus, wie es seine Übersetzerin ausdrückt, „Autofiktion und Dokufiktion“ vorlegt. Sieben Jahre hat sich der französische Bestseller- und Drehbuchautor sowie Filmproduzent Emmanuel Carrère an seinem mutmaßlich persönlichsten Werk, einer großangelegten Spurensuche auf neutestamentarischem wie innerseelischem Terrain, abgearbeitet. Motiviert durch mehrere auf den ersten gut 100 Seiten dokumentierten Sinn- und Lebenskrisen, rekonstruiert der heute dem Glauben zugewandte Agnostiker das Leben und Wirken des Evangelisten Lukas im Stil einer rekursiven Erzählung, die sein Landsmann Marcel Proust dereinst unsterblich gemacht hat. Der makedonische Arzt und Synoptiker gilt nicht nur als Verfasser des gleichnamigen Evangeliums sondern auch der Apostelgeschichte sowie als elegantester Texter des Neuen Testaments. Carrères herausragende Stärke ist der durch Faktenfülle und Detailverliebtheit gekennzeichnete Erzählstil im Zuge von „Lukas Ermittlungen“, so der ursprüngliche Arbeitstitel seiner Studie. Wo es geht, zieht er eine Vielzahl historischer Quellen und mögliche Interpretationen heran, bildreich taucht er tief in das Judäa Herodes‘, das Rom Neros und die Mission Paulus ein. Erhellend zieht er plastische Analogien zur Gegenwart, Lücken füllt er einem historischen Roman gleich mit vertretbaren Fiktionen. Allein die teils sehr abstrakte Verzahnung der Erzählelemente mit dem Seelenleben des Autors trübt punktuell den Lesefluss. Die selbsttherapeutische Dimension von Carrères Meta-Evangelium wird nicht zuletzt auch durch den konsequenten Verzicht auf jegliche Elemente populärwissenschaftlicher Literatur unterstrichen.


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