14. Juni 2016

RezensionJohannes Fried: Dies irae

Eine Geschichte des Weltuntergangs

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Die Behauptung, die moderne Wissenschaft habe sich nur in einem christlichen Umfeld entwickeln können, trifft neuerdings auf Widerspruch von verschiedenen Seiten. Für den bekannten Mediävisten Johannes Fried steht hingegen der enge geistige Zusammenhang zwischen dem Christentum und der Entwicklung der naturwissenschaftlichen Methodik außer Frage. Er sieht diesen Zusammenhang weniger in der Übernahme der platonischen und aristotelischen Überwindung des Mythos durch den Logos durch die Kirchenväter Augustinus und Thomas von Aquin, sondern in der von der Apokalypse des Johannes und der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahre 70 nach Christus ausgehenden Endzeiterwartung, die bis zum heutigen Tag fortwirkt. Die Bibel sagt nur, das Ende könne jeden Tag kommen und die Christus-Gläubigen sollten sich durch eine anständige und liebevolle Lebensführung auf die Wiederkunft Christi und das folgende Jüngste Gericht vorbereiten. Jüngere Gelehrte schlugen aber Augustinus‘ Warnungen in den Wind und gaben dem Reiz des Verbotenen nach, indem sie auszurechnen versuchten, wie viel Jahre seit der angenommenen Erschaffung der Welt vor wenigen Jahrtausenden noch bis zum Weltende übrigblieben, oder hielten nach kosmischen Zeichen Ausschau, die den nahenden Untergang ankündigten. Das waren die wichtigsten Anstöße für die im 12. Jahrhundert aufblühende Naturforschung. Schon Karl der Große hatte sich mit seinem Berater Alkuin und großem Eifer um eine Verbesserung des Kalenders gekümmert. Durch die Beobachtung der Tag- und Nachtgleichen und der Gestirne war aufgefallen, dass der julianische Kalender dem realen Zeitlauf hinterherhinkte und dass christliche Feiertage folglich zur falschen Zeit begangen wurden. Erst die auf strenger Naturbeobachtung beruhende, noch heute gültige gregorianische Kalenderreform von 1582 bereinigte diese Probleme durch die Streichung von zehn Tagen und die Einführung von Schaltjahren weitgehend. Dagegen regte sich jedoch Widerstand seitens der inzwischen auf den Plan getretenen Lutheraner. Diese hielten den neuen Kalender zwar nicht für falsch, aber wegen des ihrer Ansicht nach ohnehin bevorstehenden Weltendes für überflüssig. Luthers Reformation wurde von ihnen ja als apokalyptischer Vorgang gedeutet – allerdings im Zeichen der Hoffnung. Nicht wenige von der Amtskirche als Häretiker gebrandmarkte Prediger wie Thomas Müntzer und andere sahen in der vermeintlich nahenden Apokalypse das Signal für den sozialen Aufstand. In der römisch-katholischen Kirche hingegen spielte die Apokalypse nach dem ökumenischen Reformkonzil von Trient keine große Rolle mehr. Das für das Abendland charakteristische apokalyptische Lebensgefühl verschwand aber auch während der Aufklärung nicht. Heute erlangen spekulative Computersimulationen über das Versiegen von Rohstoffquellen oder die Aufheizung des Klimas vor allem deshalb eine so große Glaubwürdigkeit, weil sie auf ein Publikum treffen, das die lineare Geschichtsauffassung des Christentums und 2.000 Jahre apokalyptische Kultur verinnerlicht hat. Außerhalb der abrahamitischen Religionen herrschen dagegen zyklische Auffassungen von Werden und Vergehen vor. In Asien und Afrika denkt bei großen Naturkatastrophen kaum jemand an den Weltuntergang. Johannes Fried bringt das auf den Punkt. Manche Rezensenten haben Fried die feine Ironie, mit der er über Klimamodelle und andere Untergangsprognosen spricht, übelgenommen. Aber sein distanzierter, manchmal beinahe ermüdend detailreicher Überblick über die seit über 2.000 Jahren vergeblich erwartete Apokalypse, wobei er auch ausführlich auf deren Rolle in den schönen Künsten eingeht, zeigen, dass die zeitgenössischen Untergangs-Prophezeiungen sich von ihren mittelalterlichen Vorläufern nicht qualitativ unterscheiden.


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