13. Juni 2016

RezensionThomas Böhm: Das Parlament der Tiere

Das erste politisch völlig unkorrekte Kinder- und Jugendbuch Deutschlands

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Jungen Lesern die Defizite repräsentativer Mehrheitsentscheide nahezubringen, dürfte jeden ambitionierten Autor vor eine beträchtliche Herausforderung stellen. Kenneth J. Arrows Allgemeines Unmöglichkeitstheorem ist selbst für Kenner der Materie schwere Kost, und auch die mathematisch weniger strenge Fundamentalkritik Hoppes ist ausschließlich intellektuell gereiften Persönlichkeiten zugänglich. Was also liegt näher, als sich des Stilmittels der Fabel zu bedienen, zumal mit „Farm der Tiere“ eine veritable Blaupause existiert, deren Verfilmung Millionen von Kindern spätestens beim Abtransport Boxers zur Abdeckerei tränenreich an der Ungerechtigkeit der (politischen) Welt verzweifeln ließ. Der Dramaturgie von George Orwells Klassiker folgt auch das leidlich illustrierte „Parlament der Tiere“: Nachdem eine Pandemie die gesamte Menschheit hinweggerafft hat, erfreut sich die Fauna ihrer neu gewonnenen Freiheit. Doch bereits nach dem ersten Rausch hat sich eine schlagkräftige Pressuregroup gebildet, die unter Vorsitz des sprichwörtlichen Platzhirsches unter dem Deckmantel des demokratischen Ideals das pflanzenfressende Stimmvieh zwecks Erzielung politischer Renten zu instrumentalisieren weiß. Die gleichzeitige Ruhigstellung der Fleischfresser durch Installation derselben als bestochene Scheinopposition festigt die herrschaftliche Macht, die bald regulatorisch zu pervertieren beginnt. Einzig der schlagkräftige Zusammenschluss „Wahre Demokratiere“ leistet Widerstand. Im Gegensatz zum dystopischen Vorbild zelebriert der Autor geradezu die animalischen Idiome des deutschen Sprachschatzes und lässt ob der anthropomorphisierten Protagonisten schon fast dadaistische Assoziationen anklingen. Dieser Umstand und der teilweise triefende Sarkasmus schränken den Erkenntnisgewinn dieses durchweg innovativen Erzählkonzeptes für die im Untertitel propagierte Zielgruppe allerdings stark ein.


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