12. Juni 2016

Nachruf auf Wjatscheslaw Iwanowitsch Daschitschew Ein russischer Freund Deutschlands

Wegbereiter der deutschen Einheit

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Bildquelle: Matt Ragen / Shutterstock.com Von Daschitschew vorausgesagt: Niedergang der USA (hier: Detroit)

Wenn bedeutende Menschen gestorben sind, spricht man von einem Verlust. Der Tod von Wjatscheslaw Iwanowitsch Daschitschew ist ein solcher Verlust. Der Tod hat den Historiker und einstigen Gorbatschow-Berater im Alter von 91 Jahren am 1. Juni ereilt. Ich habe ihn kennengelernt als klugen und feinen alten Herrn im kleinen Kreis bei einigen Herrenabenden in Düsseldorf vor einigen Jahren. Dort hielt er dann einen Vortrag und gab in der anschließenden ausführlichen Diskussion zusätzliche Auskunft. Es ging durchweg um Geopolitik und das politische Verhältnis zwischen Russland und Deutschland. Das Gespräch mit ihm beim Frühstück am nächsten Morgen im gemeinsamen Hotel habe ich ebenfalls genossen. Wer war er? Was war er? Was wollte er?

Mit 18 Jahren in den Krieg an die ukrainische Front

In Moskau geboren, in Moskau auch gestorben. Sein Vater Iwan Fjodorowitsch Daschitschew (1897-1963) war General gewesen, dekorierter Revolutionsheld, Stabschef in der Roten Armee und 1937 nur knapp Stalins Säuberungen entgangen. Der Sohn Wjatscheslaw erlebte, sobald er 18 Jahre alt war, den Zweiten Weltkrieg in der sowjetischen Armee an der ukrainischen Front von 1942 bis 1945. Danach studierte er bis 1953 an der Moskauer Lomonossow-Universität Neuere Geschichte. Berufliche Stationen waren zunächst das Magazin „Militärwissenschaft“ (bis 1959) und danach das „Militärhistorische Magazin“ (bis 1968). Es folgten bis 1973 Promotionsjahre als Historiker und danach die Arbeit in der Russischen Akademie der Wissenschaften. Dort hat er im Institut für internationale wirtschaftliche und politische Studien bis 1990 die Abteilung für außenpolitische Probleme geleitet.

Mit Gorbatschow ein Wegbereiter der deutschen Einheit

Als in Russland unter Michail Gorbatschow 1986 der gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Umbau des sowjetischen Systems (Perestroika) begann, war Daschitschew auch Professor der Diplomatischen Akademie des sowjetischen Außenministeriums und fungierte für Gorbatschow als außenpolitischer Berater. In dieser Position wirkte er mit als Wegbereiter der Ost-West-Entspannung und der deutschen Einheit. Er setzte sich ein für Menschenrechte, Demokratie und Marktwirtschaft. 1991 hatte er, der perfekt Deutsch sprach, eine Gastprofessur der Freien Universität Berlin, 1992 an der Universität München und 1996 an der Universität Mannheim. Deutschlandexperte Daschitschew hat in der Tat maßgeblich dazu beigetragen, die sowjetische Deutschlandpolitik zu ändern. Bereits im Sommer 1987 hatte er ein Memorandum zur deutschen Wiedervereinigung ausgearbeitet.

„Alle Patrioten Deutschlands sind ihm zu größtem Dank verpflichtet“

Der Gastgeber jener Herrenabende schrieb, als er jetzt seine damaligen Gäste über das Ableben Daschitschews informierte: „Mit meinem Freund Wjatscheslaw war ich neben meinen Rundmails und seinen gelegentlichen Kommentaren dazu noch bis vor wenigen Wochen regelmäßig telefonisch verbunden. Wir diskutierten geopolitische Entwicklungen. Seine Einschätzungen der Vorgänge in Deutschland und seine Empfehlungen wiesen – im Gegensatz zur Mehrheit der anderen – in die richtige Richtung. Alle Patrioten Deutschlands sind ihm für seine Leistung für unser Land und unser Volk zu größtem Dank verpflichtet. Sein Leben war der Wille für eine unbedingt notwendige Freundschaft zwischen dem deutschen und dem russischen Volk.“ Jedoch: „Seine Vorstellungen von Nation und ihrer Kultur wurden von dem bundesrepublikanischen Parteien-Establishment gar als ‚rechtsextrem‘ eingestuft. Seine Leistungen für unser Land wurden missachtet, Daschitschew wurde verfemt.“

„Herzliche Bescheidenheit und souverän mit einem funkelnden Geist“

Das langjährige CDU-Mitglied und Kritiker seiner Partei Herbert Gassen schreibt zum Tod von Daschitschew unter anderem: „Wir Deutschen haben mit ihm einen treuen Freund verloren. Sein großes politisches Ziel war die Entspannung des Ost-West-Problems. Er befürwortete ganz intensiv das Zustandekommen der Wiedervereinigung Deutschlands. Er kämpfte für die Einhaltung der Menschenrechte, befürwortete die Grundsätze einer Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft. Ich habe ihn persönlich auf Tagungen des Studienzentrums Weikersheim erlebt. Die Gespräche mit ihm waren eine große Bereicherung. Er begegnete einem mit herzlicher Bescheidenheit und überzeugte souverän mit einem funkelnden Geist.“ Auch Gassen registriert: „Wjatscheslaw Daschitschews Engagement für Deutschland, die Deutschen, wurde von denen, die sich als ‚Freunde‘ ausgaben und Europa in seine größte Katastrophe führten, nicht akzeptiert.“

Daschitschews letztes Buch „Von Stalin zu Putin“

Diese Abneigung der Mainstream-Politik gegen Daschitschew hängt auch mit ihm als Buchautor zusammen. Daschitschew plädiert für eine europäische Ausrichtung Russlands und ist überzeugt, dass Europa Russland ebenso braucht wie dieses Europa. Sein letztes in Deutschland erschienenes Buch (2015) trägt den Titel „Von Stalin zu Putin – Auf der Suche nach Alternativen zur Gewalt- und Herrschaftspolitik. Russland auf dem Prüfstand.“ Abfällig rezensiert hat es in der „FAZ“ Hanns Jürgen Küsters: „Gern stellt sich Daschitschew als weiser Vordenker, Systemkritiker und Besserwisser dar.“ Küsters missfällt sichtlich Daschitschews kritische Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten. Das wird deutlich, wenn er dies über ihn schreibt: „Bei der Wiedervereinigung fühlte er sich nur von Hans-Dietrich Genscher verstanden, der die Charta von Paris umsetzen und das gemeinsame Haus Europa bauen wollte. Die Vereinigten Staaten hätten mit subversiven Methoden Ostmitteleuropa der NATO einverleibt und durch Stationierung von Raketenabwehrsystemen dort Russland in Belagerungszustand versetzt, um es zu unterdrücken. Sicherheitsängste der Osteuropäer vor den Russen bleiben unbeachtet.“

Re-Europäisierung mit und nicht gegen Russland

Oder wenn Küsters dies aus dem Daschitschew-Buch wiedergibt: „Die Vereinigten Staaten hätten den Islam zum Hauptaggressor auserkoren und spannten zur Sicherung ihrer globalen Hegemonie die Europäer ein. Deutschland sei ‚im Grunde ein Satellitenstaat‘ Washingtons, ohne Souveränität, der nicht vor Völkerrechtsverletzungen wie in Jugoslawien zurückschrecke. Gelöst werde die ‚deutsche Frage‘ erst, wenn sich Europa von amerikanischer Bevormundung lossage. Die Lösung kontinentaler Probleme sei nur durch Re-Europäisierung mit und nicht gegen Russland möglich. Im Inneren brauche das Land einen neuen demokratischen Sozialismus mit Mehrparteiensystem und Grundrechten. Nach außen müsse es wieder Stärke zeigen.“

„Ob die russische Seele dann ihre Ruhe findet …“

Abschließend meint Küsters: „Hinter allem steckt Wahres, Wunschdenken, Angst und Kalter-Krieg-Rhetorik. Dass Russland die Vereinigten Staaten als Partner Europas ersetzen kann und der Sozialismus reformierbar ist, glaubt im Westen niemand ernsthaft. Ob bei frühzeitiger Reform der Zerfall des Sowjetsystems vermeidbar gewesen wäre, bleibt offen. Alte und neue russische Traumata bestehen fort: Gram über den Untergang der Sowjetunion, Verlust der Weltmachtrolle, Furcht vor Einkreisung und Isolierung seitens Amerikas, Chinas und Europas. Putins Politik bedient dieses Volksempfinden. Er soll die globale Hegemonie der Amerikaner beenden und den eigenen Weltmachtstatus wiederherstellen. Ob die russische Seele dann ihre Ruhe findet, vermag keiner mit Verstand vorherzusagen.“ („FAZ“ vom 9. März 2016, Seite 7).

„Ein wichtiger Kontrapunkt zur Russophobie“

Dem Autor Daschitschew und dessen Anliegen gerechter wird die Buchbesprechung von Enno-Martin Cramer: So, wenn er feststellt: „Daschitschew wirbt – als Lehre aus der für beide Völker verhängnisvollen deutsch-russischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts – für Völkerverständigung und eine Partnerschaft zwischen Deutschland und Russland. Damit befindet er sich zwar im krassen Widerspruch zu der auch von der Bundesregierung unterstützten EU-Sanktionspolitik gegen Moskau, stimmt aber mit verschiedenen deutschen Wirtschaftsverbänden überein, die das Russland-Embargo als schwerwiegenden Fehler erkannt haben. Sein neues Buch, das sich durchaus auch kritisch mit Bereichen der innenpolitischen Entwicklung in Russland unter Putin auseinandersetzt, ist ein wichtiger Kontrapunkt zur vor allem unter westdeutschen politischen Eliten weit verbreiteten ‚Russophobie‘.“

Brisante Lageanalysen und die Ideen der Perestroika formuliert

Für besonders interessant hält Küsters, dass man erstmals einen Einblick in damals hochaktuelle und brisante Lageanalysen für die sowjetische Regierung, die Daschitschew selbst verfasst hat, erhält. Darin formulierte er die Ideen der Perestroika und eines „gemeinsamen europäischen Hauses“ unter Einbeziehung Russlands. Zudem zeigt er auf, inwiefern die „negative Rückkopplung“ der sowjetischen Expansionspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg den Niedergang der UdSSR sowie den Aufstieg der USA zur führenden Weltmacht begünstigte. Ein Zitat aus dem Buch: „Die USA waren daran interessiert, in Europa ‚sesshaft‘ zu werden, ihre besetzte Zone in Westdeutschland in Besitz zu nehmen und sie mit der Zeit in ein Protektorat umzuwandeln. Daraufhin erfolgten die Amerikanisierung Westeuropas und die Sowjetisierung Osteuropas. Die außereuropäische Weltmacht USA wurde nach dem Mai 1945 zum Faktor einer ständigen militärpolitischen Präsenz und der hegemonialen Einflussnahme in Europa, die den Interessen der europäischen Völker widersprach.“

Der herannahende Niedergang der amerikanischen Vorherrschaft

Doch sage Daschitschew, so Küsters, auch der „einzig verbliebenen Weltmacht“ eine ähnliche Entwicklung wie dem Sowjetimperium voraus, sollte sie ihre Politik der Hegemonie nicht aufgeben. Er spricht von einer „imperialen Überdehnung“ und führt aus: „Am Horizont erscheint der herannahende Niedergang der amerikanischen Vorherrschaft in der Welt. Die USA sind bereits nicht mehr in der Lage, viele Aufgaben der Aufrechterhaltung und umso mehr der Festigung und Ausweitung des amerikanischen Imperiums im Alleingang zu lösen.“ Anders als Jelzin widersetze sich Putin der „Einbindung“ Russlands in den amerikanischen Machtbereich, in diesem Zusammenhang müsse auch der Ukraine-Konflikt betrachtet werden. Für Deutschland wünsche sich Daschitschew einen Austritt aus der westlichen Allianz und eine stärkere Annäherung an Russland. In seinem Buch gebe er sich denn auch als glühender Verfechter einer Achse Paris – Berlin – Moskau zu erkennen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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