18. Mai 2016

RezensionMichael Klonovsky: Die Liebe in Zeiten der Lückenpresse

Reaktionäres vom Tage

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Seit seinem Wechsel von „Focus“ in die Position des Spin-Doctors von Frauke Petry interessieren sich ein paar Menschen mehr als ohnehin für Michael Klonovsky und seine Texte. Und zu den bekannten Zuschreibungen und Vermutungen über ihn kommt seitdem noch die eine oder andere neue Markierung.

Alle zusammen ergeben ungefähr folgendes Bild: Bei Klonovsky handelt es sich um einen in Ostberlin aufgewachsenen gebürtigen Sachsen, einen ehemaligen Maurer und anschließend Mitarbeiter des zentralen Spirituosenlagers der DDR-Hauptstadt, einen Journalisten, Romancier („Land der Wunder“), Musikkenner und „gefährlichen Bürger“, der, wie zwei rastlose Internetauswerter vor einiger Zeit schrieben, nicht nur gelegentlich nach dem Rieslingglas greift, sondern auch „nach der Mitte der Gesellschaft“, wo er, wie uns wiederum „Spiegel“-Kolumnengenerator Georg Diez mitteilt, gerade „eine Art klerikalfaschistischen Ständestaat“ zu errichten im Begriff ist.

Mit Michael Klonovsky würden sich schon nach dieser Kurzbeschreibung ziemlich viele Menschen gern aus reiner Neugier den Speisewagentisch im ICE zwischen München und Berlin teilen. So nahe kann ihm nicht jeder kommen. Seine „Acta diurna“ im Netz gibt immerhin die Gelegenheit, seine fast täglich frisch verfertigten Reflexionen zu lesen. Alle Notizen bieten noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Zeit und die Perspektive des Chronisten, wenn sie gesammelt vorliegen. Mit „Die Liebe in Zeiten der Lückenpresse“ fasst Klonovsky zum zweiten Mal – jetzt für 2015 – ein rasend schnelles, komisches und blödsinniges Jahr in Deutschland zusammen.

An einer Stelle bemerkt der Acta-Autor selbstkritisch, er gebe wahrscheinlich zu oft dem „polemischen Laster“ (Thomas Mann) nach. Zu Klonovskys Verteidigung muss man anführen: Die Zeitläufte haben aber auch provoziert. Wie anders als polemisch kann sich ein ernst zu nehmender Autor der Kanzlerin Dr. Angela Merkel und ihrer politischen Sprache nähern? Dabei greift er tatsächlich ins polemischste Register, das sich denken lässt – er zitiert sie wörtlich: „Wir haben es in der Hand, ob wir Kleinmütige oder Zauderer sind.“ Oder: „Die ausländischen Mitbürger sollen sich in Deutschland fühlen wie ein Fisch.“ Und: „Ich habe überhaupt keine Zweifel, dass wir das nicht hinkriegen.“ Darauf folgen noch mehrere Perlen und die Anmerkung des Autors: „Ich habe vor kurzem darauf hingewiesen, dass den Zerstörungen, die die Kanzlerin der Syntax und dem Satzbau antut, jene entsprechen, die sie in der Realität anrichtet.“

Aber oft, sehr oft, begnügt er sich mit Lakonie, etwa in dem Zitat von Dimitrios Kisoudis, das sich mit der beliebigen Einsetzbarkeit des presseseits beliebten Epitheons „bunt“ befasst: „Deutschland ist bunt wie nie. Aber bunt sind auch die Zufallsgemälde des Schimpansen Congo.“

Dort, wo Klonovsky ausführlicher seine Sicht umreißt, nimmt er immer nur eine Partei, nämlich seine eigene, etwa, wenn er über das Ereignis des Jahres 2015 schreibt, nämlich die Masseneinwanderung: „Die ‚Ausländer-raus‘-Idioten und die ‚Refugees welcome!‘-Idioten, es ist fundamentalistisches Fleisch vom deutschen Fleische, Seite und Kehrseite ein und derselben knalldeutschen Münze, dieselbe vernagelte Maßlosigkeit, dieselbe dumpfe Rechthaberei. Immer Endlösungen, nie Vorläufigkeiten. Jedem Kulturmenschen wird übel, wenn er ihnen zuschaut.“

Wütet er gegen den Islam, wie man es nach den flügelschlagenden Berichten über die AfD vermuten müsste, da er doch deren Spin-Doctor wird? „Damit wir uns richtig verstehen: Ich halte es für mehr als eine Dummheit, nämlich für einen Fehler, mit dem Islam als Feindbild zu hantieren“, notiert er am 1. Februar 2015. „Längst gibt es in allen europäischen Ländern eine etablierte Mittelschicht aus mehr oder weniger gläubigen Muslimen, die wir bei der Verteidigung der westlichen Zivilisation, trotz einer womöglich unauslotbaren Fremdheit, als Verbündete benötigen.“

Klonovsky enttäuscht am laufenden Band seine Feinde und belohnt seine Leser, vorzugsweise mit seinen Obsessionen: Musik im kritischen Vergleich (welche Oper ist die unverständlichste?), Weine (was der Klimawandel ihnen antut und wie das schmeckt) und die Übersetzungen der Shakespeare-Sonette, wiederum im Vergleich, hier nur angedeutet in den angeführten Schlusszeilen des 18. Sonetts von Stefan George: „Solang als menschen atmen, augen sehen/Wird dies und der du darin lebst bestehen“ versus Kerim Köstbeck: „So lange wie bei Menschen noch was geht/sie lesen, wie krass schön du bist konkret“. Die Übersetzung des 66. Sonetts – des Raps aus den Zeiten Elisabeths I. – durch Klonovsky gibt es auch zu lesen: „Dies allen müd, schmiss ich gern alles hin/Doch hingst du dann in meinen Schulden drin.“

Anders als der anfangs erwähnte Kolumnist, ungefährliche Bürger und Klonovsky-Entlarver, der denselben gut eingespeichelten Text Woche für Woche neu vorkaut, scheibt Michael Klonovsky auch in seinem neuesten Band immer wieder von neuen Dingen.

Diese Rezension erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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