12. Mai 2016

RezensionMartin Hellwig: Des Bankers neue Kleider

Was bei Banken wirklich schief läuft und was sich ändern muss

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Kopf: Die Bank gewinnt. Zahl: Der Steuerzahler verliert. Auf diesem kleinsten gemeinsamen Nenner basiert das lukrative Geschäftsmodell einer der politisch verflochtensten Branchen überhaupt. Und an genau dieser Asymmetrie setzt das deutsch-amerikanische Autorenduo mit seiner umfassenden Gemeinschaftspublikation an. Der auf obigem Nenner beruhenden Systemfragilität setzen die beiden Professoren eine einzige Schlüsselgröße entgegen: Eigenkapital. Tatsächlich kreisen sämtliche Ausführungen und Diskussionen um genau dieses bilanzielle Passivum. In ihrem durchgehenden Mangel an Eigenkapital, so die Autoren, liegt die fehlende Widerstandsfähigkeit der Banken begründet, Schocks, also den Preisverfall gehaltener Vermögenswerte, absorbieren zu können. Die anreizegetriebene Unkultur maximaler Verschuldung verbunden mit der politisch forcierten Herausbildung von Großinstituten zieht dann natürlich selbst bei Solvenzproblemen einzelner Banken unmittelbare Ansteckungseffekte nach sich, die ganze Volkswirtschaften rund um den Globus in den Abgrund zu reißen drohen. Daran wird, so Admati und Hellwig, auch das als Feigenblatt bemühte Abkommen Basel III nichts ändern, das bei Banken immer noch eine maximal zulässige Verschuldung von 97 Prozent des Marktwertes der gesamten Aktiva vorsieht. Eine bescheidene Preisbereinigung der Vermögenswerte um gerade einmal drei Prozent würde demnach ausreichen, das gesamte Eigenkapital aufzuzehren und das Institut bankrott gehen zu lassen. Warum aber werden für die Finanzwirtschaft bilanzielle Zustände toleriert, die für jedes andere Unternehmen außerhalb dieses Sektors offensichtlich untragbar sind? Auf diese und zahlreiche weitere Eigenheiten des Bankwesens gehen die Autoren im Mittelteil, dem mit Abstand interessantesten Abschnitt des Buches, detailliert ein. Ihr Fazit: Die extrem schuldenlastige Finanzierungsstruktur von Banken beruht allein auf der Tatsache, dass Fremdkapital für sie so billig und daher Eigenkapital relativ teuer ist. Fremdkapital wiederum ist für Banken nur deshalb so günstig, weil es mannigfaltig subventioniert wird. Einlagensicherungs- und Bankenrettungsfonds, implizite und explizite (Staats-) Garantien sowie Zentralbankkredite ermöglichen die in anderen Branchen so kaum mögliche Externalisierung von Risiken. Banken sind also „nicht daran interessiert, ihr Eigenkapital zu erhöhen und sicherer zu werden. Lieber leben sie am Rande des Abgrunds, mit hohen Schulden, die bei günstigem Ausgang der Risiken ihre Gewinne vervielfachen. Bei ungünstigem Ausgang tragen andere die Folgen.“ Dies wiederum funktioniert desto besser, je größer, je „systemischer“ die Institute sind, was der nicht durch Skalenvorteile erklärbare Konzentrationsprozess der letzten Jahrzehnte beweist. Dies belegt das Autorenduo zu guter Letzt auch mit einem historischen Rückblick: Bis weit ins 19. Jahrhundert waren Eigenkapitalquoten von 40 bis 50 Prozent die Regel, gepaart mit einer unbeschränkten Haftung der Bankeigner. Selbst um 1900 waren Quoten von 20 bis 30 Prozent üblich, ein ungeschriebener Standard, der erst mit Weltkrieg und Zentralbankwesen sukzessive erodierte. Insgesamt merkt man dem Buch die ursprünglich rein amerikanische Perspektive an, die für die deutsche Ausgabe vor allem um einen umfangreichen Anmerkungsteil ergänzt wurde. Die stellenweise Langatmigkeit der Ausführungen muss sich dabei wohl auch auf die Aufmerksamkeit des Lektorats niedergeschlagen haben. Die insgesamt sehr gute und facettenreiche Analyse wird dabei lediglich am Schluss, mutmaßlich durch den staatsnahen Hintergrund beider Autoren, ein wenig verwässert. Sie stellen den zugegebenermaßen zur Unmündigkeit erzogenen Kunden in Abrede, „die Risiken ihrer Bank zu beurteilen“, weshalb „das Prinzip, alle Entscheidungen einem unregulierten, freien Markt zu überlassen, bei Banken nicht angebracht“ sei. Das aber kann freilich nichts anderes als das zuvor zu Recht so vehement Kritisierte nach sich ziehen, die Verquickung von Politik und ihren Finanziers – im Zweifel immer zu Lasten Dritter.


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