23. April 2016

RezensionJohn Garth: Tolkien und der Erste Weltkrieg

Das Tor zu Mittelerde

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Der Kontrast zwischen Banalität und Brutalität könnte kaum ausgeprägter, die Diskrepanz zwischen Glanz und Grauen kaum höher sein: Im Jahr 2014 wurde weltweit einerseits des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren und der Millionen Toten in seinem Gefolge gedacht, andererseits fand mit dem dritten Teil des Hobbit-Epos Peter Jacksons 2001 begonnener cineastischer Tolkien-Zyklus seinen opulenten Abschluss. Die scheinbar losen Enden beider Ereignisse hat indes der britische Journalist und Literaturwissenschaftler John Garth auf geradezu virtuose Art und Weise verknüpft. Denn gedanklich geschmiedet wurde die Welt um den einen Ring, so das Fazit des Tolkien- wie Mittelerde-Kenners, in den Schützengräben Frankreichs und den Schlachtfeldern an der Somme. Von Fieber geplagt begann der belesene Altphilologe und Oxford-Absolvent Tolkien im heimischen Lazarett ab 1916 die Grundzüge der posthum im Silmarillion verewigten mythischen Welt zu skizzieren. Als vom Kriegstrauma getriebener Kulminationspunkt seiner kreativen Schaffenskraft spiegelt dabei vor allem die Ringsaga den unausweichlichen Sog wider, in den der Strudel des universellen Bösen die ganze Welt zwingt. Hiervon bleiben selbst Bilbo und Frodo nebst Gefolge, Archetypen einer friedlich-naiven Lebensfröhlichkeit, nicht verschont. Letzterer kehrt nach dem Sieg an Leib und Seele verstümmelt in ein ihm unerträglich fremd gewordenes Auenlandidyll zurück, dem er sich schließlich nur noch durch Flucht ins (Elben-) paradiesische Aman zu entziehen vermag. Den landschaftlichen Kontrapunkt hierzu setzen die nebel- und giftumwaberten Totensümpfe, die keinen Vergleich zu den von artillerie- und gasgranatenzerfurchten, leichengeschwängerten Mondlandschaften der Westfront zu scheuen brauchen. Zwischen beiden Extremen vollzieht sich eine den Soldatenbiographien des Ersten Weltkrieges nicht unähnliche Metamorphose, deren volles Entmenschlichungspotenzial der omnipräsente Gollum einem wandelnden Spiegel gleich anmahnt. Der gängigen Interpretation des Bösen in Gestalt Saurons, seines wendehälserischen Helfers Saruman und ihrer Ork-Bataillone nach Erscheinen der Erstausgabe des „Herr der Ringe“ im Jahr 1954 als simple Allegorie wahlweise auf den roten oder braunen Sozialismus hat Tolkien bereits zu Lebzeiten klar widersprochen. Garths Ausführungen stützen denn auch vielmehr eine von Ulrich Wille bereits in ef 31 aufgeworfene Interpretation, wonach hinter der Fratze des Diabolischen die universell wütende etatistische Maschinerie steckt, die in geradezu industrieller Gefräßigkeit keinen Widerspruch duldend die ganze Welt zu durchadministrierter Untertänigkeit zu unterwerfen trachtet. Nicht umsonst vermag es allein ein schmächtiger Hobbit, Vertreter des wohl ohnmächtigsten Volkes von Mittelerde, den einen Ring zu vernichten, dessen satanischer Verführungskunst selbst Gandalf nicht gewachsen ist. John Garth ist ein großer Wurf, ein vielschichtiges, facettenreiches und detailliert recherchiertes Buch geglückt, das Realität und Fiktion, biographische wie phantastische Elemente geschickt verwebt. Die fünf Jahre, die der Autor in die Entstehung und das Gedeihen des Manuskripts gesteckt hat, haben sich zweifelsohne gelohnt. Und das nicht nur, weil er damit eine literaturwissenschaftliche Lücke schließen konnte. Denn das vielleicht Wichtigste: Dem durchweg anspruchsvollen Text merkt man die Liebe zum Thema und die Passion für Tolkiens Leben und Wirken an. Dazu beigetragen hat freilich auch die hervorragende Übertragung des englischen Originals ins Deutsche. Erfreulicherweise ist es dem Verlag gelungen, mit Marcel Aubron-Bülles einen mit allen Wassern des Genres gewaschenen Übersetzer zu gewinnen.


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