21. April 2016

RezensionHans-Joachim Hahn/Lutz Simon: Höllensturz und Hoffnung

Warum unsere Zivilisation zusammenbricht und wie sie sich erneuern kann

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Die beiden Herausgeber haben es unternommen, zusammen mit zehn weiteren Professoren aus verschiedenen Fachbereichen, ein Menetekel des frühen 21. Jahrhunderts vorzulegen. Sie vertreten die These, dass die westliche Welt nicht mit einer auf einen einzigen Bereich beschränkten Fehlentwicklung zu kämpfen hat, sondern gegenwärtig vieles – zu vieles – gleichzeitig falsch läuft. Krisen hat es in der Menschheitsgeschichte immer wieder gegeben: Seuchen, Kriege oder Naturkatastrophen konnten den Bestand und die Entwicklung der Menschheit insgesamt aber noch niemals nachhaltig gefährden. Was aber, so die Sorge der christlich orientierten Buchautoren, wenn es an verschiedenen Fronten zeitgleich zu schwerwiegenden Einbrüchen kommt, die, jeder für sich allein, bereits gewaltiger Anstrengungen zu ihrer Überwindung bedürfen? Dann kann es leicht sein, dass das System kippt und unsere gesamte westliche Zivilisation kollabiert. In der Vergangenheit ist es mehrfach zum Untergang von Gesellschaften gekommen. Der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond hat mit seinem Bestseller „Kollaps“ eine ganze Reihe solcher Katastrophen beschrieben. Diese blieben allerdings jeweils auf relativ kleine Kollektive, etwa auf die Bewohner der Osterinsel, begrenzt. Die Autoren des vorliegenden Buches beschränken sich indes nicht auf den rein ökologischen Blickwinkel Diamonds, sondern beziehen religiöse, kulturelle, ethische, politische und wirtschaftliche (Fehl-) Entwicklungen in ihre Betrachtungen mit ein. Sie sehen die „abendländische“ Kultur durch soziale, kulturelle, physische und individuelle Katastrophen in ihrer Existenz bedroht. Ihr Ziel ist es, dem Leser die „falschen Hoffnungen zu rauben“, dass aus irgendeinem wundersamen Grund das Schlimmste – der physische Zusammenbruch unserer westlichen Gesellschaften – am Ende ja doch nicht eintreten werde. Eines der Problemfelder ist ein jede Moral zerstörender Utilitarismus, der ausschließlich das größte – materielle – Glück der größten Zahl anstrebt. Immer mehr technische Möglichkeiten, bei gleichzeitig immer tiefer sinkender Moral, öffnen Einfallstore für unabschätzbare Gefahren. Scharfer Kritik wird das herrschende Wachstumsdogma unterzogen. In endlichen Systemen ist unendliches Wachstum unmöglich. Eine Binsenweisheit, die von sämtlichen politischen Verantwortungsträgern konsequent ignoriert wird. Mit der „ökosozialistischen Doktrin der Gleichheit“ wird ebenfalls scharf ins Gericht gegangen. Mit ihr wird „Gleichheit über Gerechtigkeit, Chaos über Ordnung und Einebnung über Differenzierung“ gestellt. Die moderne Ersatzreligion des Ökologismus sei nicht in der Lage, das Heil zu bringen. Der grassierende Genderwahn, der in einer möglichst frühzeitigen Sexualisierung der Kinder seinen wohl ekelhaftesten Ausdruck findet, wird als eine weitere tödliche Bedrohung unserer Kultur geortet. Die in der westlichen Welt herrschende „Wirtschaftskrise“ wird als das gesehen, was sie ist: eine Schuldenkrise. „Heute gibt es dreieinhalb Mal so viel geliehenes wie gespartes Geld.“ Die Schuldenkrise sei eine „ethische Krise“. Das Buch bietet eine recht komplette Zusammenfassung jener Fehlentwicklungen, die allen vernunftbegabten Zeitgenossen, denen die politische Korrektheit das Hirn noch nicht vernebelt hat, ins Auge fallen. Der letzte Teil ist der Hoffnung auf Besserung gewidmet und recht kurz geraten. Wer konkrete Handlungsanleitungen erwartet, wird enttäuscht. Das Buch schließt mit dem Fall eines 1985 in Japan infolge eines Wartungsfehlers abgestürzten Jumbo-Jets: Im Gegensatz zu den auf verlorenem Posten befindlichen japanischen Piloten hätten wir es heute in der Hand, das Steuer herumzureißen, „um sicher zu landen. Aber wir brauchen ein neues Flugzeug, um sicher weiterfliegen zu können.“ Wo in aller Welt eine dafür geeignete Maschine zu finden ist, bleibt offen. Fazit: Viel Höllensturz und verdammt wenig Hoffnung.


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