20. April 2016

RezensionMartin Lichtmesz: Kann nur ein Gott uns retten?

glauben - hoffen - standhalten

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Weise und bescheiden gibt Autor Martin Lichtmesz gleich zu Anfang zu, dass sein Thema so groß ist, dass das Buch kaum mehr als ein „Stückwerk“ sein kann. Der konservative Publizist befinde sich sozusagen auf einem Spaziergang durch einen Wald, schreibt er im Vorwort in sicherlich bewusster Anlehnung an den Titel eines Essays von Ernst Jünger, den er in seinem Werk oft und ausführlich zitiert. Sein eigener Titel ist eine Anlehnung an eine Aussage Martin Heideggers: Nur noch ein Gott kann uns retten. Zwar bleibt die Frage, in die das Diktum umgewandelt wurde, am Ende unbeantwortet. Lichtmesz liefert dafür aber eine Fülle tiefer und kluger Beobachtungen und Gedanken – aus fremder und eigener Feder –, die dem Leser eine eigensinnige aber aufschlussreiche Orientierungshilfe bei der Betrachtung des derzeitigen „fürchterlichen Wahnsinns“ gibt, „der die Nationen Europas bis heute im Kreise herumtreibt“. Der Mensch sei an die Stelle Gottes getreten, das hat Lichtmesz zu Recht als Krux unserer Zeit erkannt. Doch wie damit umgehen? Der Autor sieht ein ganzes Konglomerat aus untereinander verwickelten Katastrophen auf Europa zukommen. Entsprechend vermittelt der schiefergraue Einband des Werks eine tiefe Tristesse, die sich verbal in einer Reflexion über Heidegger manifestiert, der den von Lichtmesz beklagten Nihilismus als eine „Grundbewegung des Abendlandes“ begriff. Doch der Autor widerspricht dem Philosophen, da dieser Hölderlins Vermutung ignoriert: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Aus dieser Hoffnung schöpft Lichtmesz die Kraft zum „Standhalten“. Dazu passt das Abbild auf dem Einband, das unseren Blick eine Wendeltreppe entlang zu lichteren Höhen hinaufführt. Lichtmesz führt uns durch die pessimistische Welt des modernen europäischen Konservatismus. Er hält dabei dem atheistischen oder gar antichristlichen Flügel dieser Denkrichtung entgegen: „Es ist  seltsam, wenn jene, denen Herkunft und Tradition wertvoll sind, auf den Glauben ihrer Ahnen herabblicken – als Besserwissende oder Andersgläubige oder Nichtgläubige, zugunsten etwa eines postulierten, eher spekulativ rekonstruierten Glaubens der heidnischen Urahnen, deren Konturen im Dunkel der Geschichte verschwinden.“ Immerhin ragten neben den Desastern, Katastrophen und Sackgassen der europäischen Zivilisation „Größe, Schaffenskraft, Mut, Tapferkeit, Entdeckerlust, Energie und Genie in einem einzigartigen Ausmaß auf“. Doch auch die Kirchen kommen bei Lichtmesz nicht gut weg. Die nachkonzilianische Kirche habe sich „zum Steigbügelhalter einer Politik gemacht“, die die Aufteilung der Welt in ein geistliches und ein weltliches Reich aufheben will. Es schmerzt Lichtmesz sichtlich, dass selbst der Vatikan kaum noch dem Druck der Zivilreligion widersteht, sich selbst zu banalisieren und der „Ideologie von ‚Menschenrechten‘, ‚Gleichstellung‘ und Multikulturalismus“ unterzuordnen. Dennoch glaubt Lichtmesz, dass die katholische Kirche „die einzige ehrwürdige Institution“ sei, „die in Europa verblieben ist“. Dass er zu einer souveränen Behandlung des komplexen Themas in der Lage ist, zeigt sich insbesondere an den Stellen, wo er über die Paradoxien des Christentums nachsinnt. Standhalten gegen den „Widersacher“ sei Christenpflicht, obwohl dessen Kommen „gottgewollt“ sei, da „Vorbedingung des ‚Tags des Herrn‘“. Der „Aufhalter des Bösen“, in dessen Rolle Lichtmesz die konservativen Christen sieht, stehe „durch Gottes Willen auf einem verlorenen Posten, den er aber dennoch halten muss“. Der Autor ist ein freier Geist, dessen begabter Stil den Leser immer wieder dazu animiert, ihn auf seinem Waldspaziergang weiter zu begleiten. Er verdichtet die Sprache der konservativen Gegenkultur, macht ihre Befindlichkeitslandschaft für den Uneingeweihten verständlich. Dass es auch ihm nicht gelingt, die strukturelle Schwäche des gegenwärtigen Konservatismus, seine fast ausschließliche Vergangenheitsbezogenheit, zu überwinden, fällt daher wenig ins Gewicht.


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